Sonntag, 1. Juli 2018

Das Leben wartet nicht. Von Marco Balzano

Das Leben wartet nicht
Das Leben wartet nicht.
Marco Balzano.
Diogenes.

Eines der Bücher, die lange auf meinem SUB "Stoß ungelesener Bücher" gelegen sind. Dann gewandert. Der SUB wird von Zeit zu Zeit durchforstet. SNB "Stoß nichtgelesener Bücher" -> weiterschenken. Weiterhin auf SUB bleiben. oder beim Umsortieren wechseln in SAB. "Stoß angelesener Bücher".

Jedenfalls blieb Marco Balzano immer dabei. Im Spiel sozusagen.

Ich kannte den Autor nicht. Mich berührten die ersten Sätze. Ich wusste, es ist ein gutes Buch. Und die Zeit wird kommen, der richtige Moment, das Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen. Ja, jetzt war es so weit. Ein Buch, das es verdient, langsam gelesen zu werden.

Der kleine Ninetto, Süditalien, Armut. Sardellen. Jeden Tag eine Sardelle. Schule, der Lehrer als Hoffnung, bis ins späte Alter kann er die gelernten Gedichte auswendig. Nur Lyrik hat einen Wert für ihn. Dann die Erkrankung der Mutter, er muss mitarbeiten. Aus und vorbei ist es mit der Schule. Sein Lehrer bleibt als prägende positive Figur.

Die Geschichte beginnt mit der Jugend und dann die Zeit im Gefängnis. Wir wissen lange nicht, was er denn getan hat, nur dass es etwas sehr schlimmes gewesen sein muss. Etwas, für das man büßen muss.

Marco Balzano erzählt in einer bildreichen Sprache die Geschichte vieler italienischer Kinder aus dem Süden, die schon sehr früh, mit 9, 10 Jahren alleine nach Norditalien geschickt wurden; sie sollten dort ihr Überleben sichern. Er selbst kommt aus so einer Familie und hat sich dieses Themas angenommen. Ninetto ist eine erfundene Figur, so hätten viele sein können. Er verschmelzt die vielen Geschichten, die ihm erzählt wurden - die Menschen leben ja noch - in diesen Roman hinein und schafft Literatur.

Viele, sehr beeindruckende Sätze finden sich, sie wären markierwürdig gewesen. Doch der Bleistift war nicht da. Ein Buch eines verlorenen Lebens. Der Rückblick eines Mannes in den fünfziger Jahren seines Lebens. Es hätte da ganz viel sein können. Er hätte Lehrer werden können oder Dichter. Ja, viele Geschichten sind in ihm, aber nie herausgekommen. Er hätte viele Kinder lieben können, aber da war nur eines, er hätte gerne so viel Zeit mit seiner Familie gehabt, aber da war immer die Existenzsicherung, stupide Arbeit in einer Fabrik. "... die einem das Hirn verblödet".

So viel "hätte", "wäre" und dann: ist nicht mehr drinnen. In diesem, seinen Leben. Es war nicht mehr möglich.
Und die Hoffnung: Die Kinder, die Enkelkinder, sie sollen es besser haben, sie sollen den sozialen Aufstieg schaffen.

Jetzt warte ich auf das nächste Buch von Marco Balzano.


Eure Herta Emmer

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