Donnerstag, 1. März 2018

Das Ministerium des äußersten Glücks

 
Das Ministerium des äußersten Glücks. Von Arundhati Roy, S. Fischer Verlag.

Arundhati Roys erstes Buch "Der Gott der kleinen Dinge" ist 1997 erschienen und sie wurde dafür gleich mit dem Man Booker Price ausgezeichnet.  10 Jahre später erscheint "Das Ministerium des äußersten Glücks", wofür sie in Österreich den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch erhält (2017: Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch, Hauptpreis für Das Ministerium des äußersten Glücks[9])

Das Buch steht im Bücherregal, Sichtpräsentation, d.h. es schaut mich an. Über Wochen. Ich spreche mit dem Buch: "Ich kann dich noch nicht mit heim nehmen.", das Buch schaut mich an. "Wenn die anderen gelesen sind, nehme ich dich mit heim", das Buch schaut mich an. Akzeptiert nicht. Lässt keine Ausreden zu.

Dabei habe ich wirklich, also ganz wirklich, einen sehr hohen Stoß, mehrere hohe Stöße um bei der Wahrheit zu bleiben. Das ist diesem Buch egal.

Man beugt sich einer höheren Gewalt. Ich lese das Buch in mehreren Tranchen. Fast wie einen Fantasy-Roman, erinnernd an ein Märchen. Da ich das erste Buch "Der Gott der kleinen Dinge" (shame on me!) nicht gelesen hatte, ist mir der Stil fremd, ich habe diese blumige Sprache, diese Verzweigungen, das Mäandern in verschiedenen Welten - oder doch nur in einer? - nicht erwartet.

Und lasse mich darauf ein. (Sie erinnert mich an Barbara Frischmuths "Die Kuh, der Bock, seine Geiß und ihr Liebhaber"). Ein sehr politisches Buch - und gleichzeitig geschrieben, wie unwahr. Die Leben, die Arundhati Roy uns hier vorsetzt wirken unwirklich, das kann es nicht geben. Indien so fremd, so anders, man riecht förmlich die Düfte der Räucherstäbchen und Gewürze.

Drei Teile umfasst es und jeder ist für sich allein schon ein Roman. Lange weiß man nicht, warum das Buch "Das Ministerium des äußersten Glücks" heißt, denn es gibt kein Ministerium im Buch und auch nicht wirklich Glück. Vielleicht kleine Momente des Glücks, aber sonst handelt das Buch von Ausgrenzung, Kastenwesen, Krieg (Kashmir), Verlogenheit, Verrat, Kälte, Verfolgung, staatlicher Willkür.

Der Krieg ist ein hartes Los. Und viele Jahre Krieg zerstören die Menschen, fügen unsägliches Leid zu. Und doch leben sie. Leben weiter, organisieren sich in ihren kleinen geschützten Welten. sei unpolitisch! wenn du überleben willst. Sei politisch! Gib dich nicht auf!

Ein sehr aktuelles Buch, das eine Region beschreibt, die derzeit nicht im Fokus der westlichen Medien ist. Dort ist noch immer Krieg? Und was bedeutet der Kashmir-Konflikt? Wie sieht ein Kastenwesen tatsächlich aus und ist es gerecht? Und wenn es nicht gerecht ist, was ist die Alternative? Und will jemand die Alternative? Und wenn ja, was sind das für Kräfte?

Das Buch löst keine dieser Fragen auf. Nur eine: wo Menschen noch ein Herz haben, können sie sich finden. Auch wenn das Ministerium unsichtbar ist, das Glück ist ein Vogerl (wie der Wiener sagt), ein schüchternes, verstecktes, aber existentes.

Das kommt vielleicht heraus. Aus diesem Roman. Was ist schon Glück. Was ist schon ein Leben. Und doch. Jeder Mensch zählt.


Eure Herta Emmer

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