Sonntag, 23. Juli 2017

Wo noch Licht brennt. Von Selim Özdogan

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Wo noch Licht brennt.
von Selim Özdogan
Selim Özdogan
Haymon Verlag

Das ist die Geschichte von Gül.

Gül kommt zurück von der Türkei. Zurück zu ihrem Mann, der trotz Versprechen, auch Deutschland zu verlassen, viele Ausflüchte sucht, warum es "jetzt noch nicht" geht.

Auch ihre Kinder sind in Deutschland geblieben. Nur sie, die Tochter des Schmids, war allein zurückgegangen.

Nur: es freut sich niemand, dass sie wieder da ist. Sie kann bei ihrer Tochter wohnen, doch sie fühlt, dass sie eine Last ist. Ihr Mann, der gerade im Krankenhaus liegt, schreit sie an, was sie da tut! Die Wohnung zu klein und überhaupt.

Sie findet Anzeichen einer anderen Beziehung. Schluckt. Spricht es nie an. Sie wird hier bleiben. Bei ihrer Familie.

Sie kann nur schlecht Deutsch und geniert sich. Sie denkt an die ersten Zeiten in Deutschland zurück, als sie ihrem Mann gefolgt ist, die zwei kleinen Kinder bei ihrer Mutter gelassen hat. Das wird sie sich nie verzeihen. So war das eben, damals. Eine Frau folgt ihrem Mann.

Selim Özdogan (ein Mann) schreibt so eindrücklich und mit viel Feingefühl die inneren Monologe von Gül auf, dass ich zuerst geglaubt habe, Selim sei ein Frauenname.

Sie lernt einen jungen Burschen kennen. Die Treffen mit ihm hält sie geheim, als ob es unanständig wäre, ein Ersatzkind zu finden. Can lebt ein anderes leben als sie.

Ganze zitierwürdige Absätze. Wie zum Beispiel hier auf Seite 137. "Seine Wahrheiten und ihre Wahrheiten sind so verschieden, ... Jemand der jeden Tag Chilis isst, meint etwas anderes, wenn er scharf sagt, als jemand, der scharfe Sachen meidet.

  Gül kämpft mit sich, mit ihren Moralvorstellungen. Sie findet sich nicht ein, in diese neue Welt, die ihr fremd ist.

Ihr Mann - er lebt sein eigenes Leben. Sie ist nur lästig. Ihre Familie - ihre Familie zuhause in der Türkei - ihr so wichtig, entgleitet ihr. Sie bemerkt es erst nach dem Tod des Vaters. Sie hat wahrscheinlich idealisiert. Dass sich eine Familie überhaupt auseinanderleben kann. Undenkbar.


In diesem Roman, der wahrscheinlich der beste Roman des Jahres ist, entwickelt sich eine Frau aus ihren Beschränkungen heraus. Aber nicht freiwillig, sondern aus Not. Durch Zurückweisungen, Orientierung in der neuen Zeit, verändertem Umfeld.


Und sie geht hart um mit sich. Lässt "das Schlechte" nicht zu. Versucht, immer das Gute im anderen zu sehen. Scheitert, oder auch nicht.

Eine bemerkenswerte, feinsinnige Lebensgeschichte, die gerne gelesen werden möchte. In die man sich einfindet, umarmt.


Das ist ein Buch für Erwachsene.


Eure Herta Emmer

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