Montag, 1. Mai 2017

Fürsorge.

Anke Stelling. Fürsorge

Fürsorge.
von Anke Stelling
Roman
Verbrecher Verlag 2017

Dieses Buch ist mir empfohlen worden. Ich hätte es so nicht eingekauft, auch nicht gelesen. Eine harte Geschichte über Egoismus. Das Cover zeigt Hanteln.

Aber die Frau, die mir die Geschichte erzählt hat, bei der Schulung "Neuerscheinungen der Belletristik" für Bibliothekarinnen, wo ich mit dem Büchertisch und selbst anwesend bin. Dort ist mir das Buch aufgefallen. Und es hat mich nicht mehr los gelassen.

loslassen
losgelassen
verlassen
gehen lassen

Diese Worte passen sehr gut zu dem Buch. Die junge Balletthoffnung wird schwanger. Natürlich kann man die Betreuung und das Säugen eines Babys diesem Körper nicht antun. Das Baby bleibt bei der Oma.

Die erfolgreiche Tänzerin. Wir erleben sie, als sie 36 ist. Sie ist mit einem jungen Dichter liiert, finanziert ihn. Ihre Gelenke sind kaputt. Eine Nachbarin erzählt über sie. Die Göttliche, Die Perfekte, Die langen unendlich langen, blonden Haare, die Frau, die nichts isst, die körperlichen Schmerz als Ansporn empfindet, ein Vorbild in ihrer Konsequenz.

Die Nachbarin ist schwaner, hochschwanger, mag man sich mit diesem Körper neben die zarte Perfektion setzen? Wer ist man? Und dann erzählt der Liebhaber der Ballerina, sie sei Mutter eines 16jährigen Sohnes. Niemand kann sich vorstellen, dass diese Zierlichkeit...

Die Ballerina. Taucht dann im Plattenbau der Mutter auf. Ein Fremder öffnet die Tür. Das ist wohl ihr Sohn. Ein wunderschöner Mann, spricht über seinen Körper, wie sie auch. Krafttraining. Durchhaltevermögen. Wie ähnlich sie sich sind. Diese Anziehung.

Die Mutter/Großmutter. Funktioniert. Fragt nicht. Hinterfragt nicht. Sie tut, was zu tun ist. Das war schon immer so (Ich erinnere mich an die Großmutter aus "Die schärfsten Gerichte der tartartischen Küche" von Alina Bronsky). Eine Ostgeschichte. Menschen, im Totalitarismus erzogen.

Die Ballerina und der Krafttrainer - Anziehung. Er schäumt vor Testosteron, sie verliert sich in Sehnsucht, körperlich. Ganz klar, sie ist immer körperlich, sie reagiert. Auf ihn.

Ja. Körperliche Anziehung zwischen Mutter und Kind. 16 Jahre zu spät. Hier ist keine Unschuld in der unbedingten Liebe.

Er will, dass sie wieder weggeht, sein Leben verlässt. Sie steigt in den Zug. Zurück nach Berlin. Ihr Leben ist verändert. Sie spürt in sich.



*
Dieses Buch ist so stark, Anke Stelling hat einen so dichten TExt geschrieben, der uns verwirrt, der den Körperkult aufzeigt, den Egoismus der dadurch bedingt ist, Nur ICH. Sie, die Ballerina, nur sie.

Ein außerordentlich zeitgemäßer Roman. Überschreitet alle Grenzen. Der Scham, Der Regelhaftigkeit, des Schutzes. Was ist dann dieses neue Leben?

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