Dienstag, 23. Mai 2017

Der Lärm der Zeit. Von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit
Julian  Barnes
Der Lärm der Zeit.
Roman
Kiepenheuer & Witsch


Julian Barnes, den ich schon bei "Vom Ende einer Geschichte" sehr lieben gelernt habe, schreibt nun über Schostakowitsch. Zu Schostakowitsch bin ich über das Buch "Der Dirigent" von Sarah Quigley gekommen, was mich dazu bewegt hat, mir die CD der Leningrader Symphonie zu besorgen und sie immer wieder zu hören.

Nun. Schostakowitsch. Nun. Julian Barnes.
Muss hervorragend sein.

Was es auch ist.

Schostakowitsch steht im Flur und wartet. Dass er abgeholt wird. Von den Schergen. Er steht da, mit seinem Koffer, und wartet auf den Aufzug. Er will nicht, dass sie ihn im Pyjama aus dem Bett zerren, vor Frau und Kind. Deshalb gibt er sich vernünftig. "Ein Mann, der mit einem Koffer in der Hand das Haus verlässt, kommt zurück, einer, der im Pyjama aus dem Bett gezerrt wird, nicht." Das tröstet.

Julian Barnes lässt vieles anklingen. Was es bedeutet, in einem totalitären Staat zu leben. Darf man Kunst machen? Darf man sich anpassen? Wie geht leben?

Was macht das nächtliche Warten auf die Verschleppung aus jemandem? Wie umgehen mit der Angst? Um sich, um seine Frau, um sein Kind?

Julian Barnes schafft es in einer sehr dichten Erzählung, anhand des Beispiels Schostakowitsch sehr eindringlich zu zeichnen, was eine Dikatur aus den Menschen macht. Wie sie sich verändern, anpassen, um zu überleben.

Und die Frage der Nachkommen. Dürfen sie das? Darf man sich beugen, und was bedeutet es, es nicht zu tun? Wer richtet?

Dazu ist das Buch gespickt mit Sätzen, Zitaten, Textzeilen, die man sich rausschreiben, an die Wand pinnen, ständig zitieren möchte. So einfach, so viel aussagen.

Seite 72. "Das war eine der fragen, die ihm im Kopf herumgingen: War es mutig, dass er dort stand und auf sie wartete, oder war es feige? Oder keins von beidem - nur vernünftig? Er rechnete nicht damit, die Antwort zu finden."
Seite 69. " Vor ganz kurzer Zeit noch hatte er die Unverwüstlichkeit der Jugend in sich gespürt. Mehr noch - die Unkorrumpierbarkeit der Jugend. Und darüber hinaus, oder allem zugrunde liegend, eine Überzeugung von der Richtigkeit und Wahrheit allen Talents, das er besitzen mochte, und aller Musik, die er geschrieben hatte. Das alles war in keiner Weise entkräftet worden. Es war jetzt nur völlig ohne Belang."
 Seite 240. Die Geschichte vom Säufer.
 Seite 240. "... aber mittendrin, darüber und darunter und durch alles hindurch hatte Dmitri Dmitrijewitsch einen perfekten Dreiklang gehört. ..."
Seite 159. "... Vielleicht war es mit dem Mut wie mit der Schönheit. Eine schöne Frau wird alt: Sie sieht nur, was nicht mehr ist, andere sehen nur, was geblieben ist. ... Er sah nur, was nicht mehr war."
 Seite 176 und 177. "... Wie leicht war es, Kommunist zu sein, wenn man nicht im Kommunismus lebte!"

Das erinnert mich an die Abstimmung der Auslandstürken für die Machtausweitung Erdogans.
 Seite 179. über Strawinsky "... Nun, vielleicht beantwortete das seine Frage über  persönliche Ehrlichkeit und künstlerische Ehrlichkeit; wenn es an der einen fehlte, musste es nicht an der anderen mangeln."
 Seite 184/185. über einen, der nicht weggehen wollte. ".... Na, dann, wollen wir mal, wie der Papagei zu der Katze sagt, die ihn am Schwanz die Treppe runterzieht." *sic!*












Nun, die Begeisterung kennt keine Grenzen. Ein Lehrbuch.

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Montag, 1. Mai 2017

Fürsorge.

Anke Stelling. Fürsorge

Fürsorge.
von Anke Stelling
Roman
Verbrecher Verlag 2017

Dieses Buch ist mir empfohlen worden. Ich hätte es so nicht eingekauft, auch nicht gelesen. Eine harte Geschichte über Egoismus. Das Cover zeigt Hanteln.

Aber die Frau, die mir die Geschichte erzählt hat, bei der Schulung "Neuerscheinungen der Belletristik" für Bibliothekarinnen, wo ich mit dem Büchertisch und selbst anwesend bin. Dort ist mir das Buch aufgefallen. Und es hat mich nicht mehr los gelassen.

loslassen
losgelassen
verlassen
gehen lassen

Diese Worte passen sehr gut zu dem Buch. Die junge Balletthoffnung wird schwanger. Natürlich kann man die Betreuung und das Säugen eines Babys diesem Körper nicht antun. Das Baby bleibt bei der Oma.

Die erfolgreiche Tänzerin. Wir erleben sie, als sie 36 ist. Sie ist mit einem jungen Dichter liiert, finanziert ihn. Ihre Gelenke sind kaputt. Eine Nachbarin erzählt über sie. Die Göttliche, Die Perfekte, Die langen unendlich langen, blonden Haare, die Frau, die nichts isst, die körperlichen Schmerz als Ansporn empfindet, ein Vorbild in ihrer Konsequenz.

Die Nachbarin ist schwaner, hochschwanger, mag man sich mit diesem Körper neben die zarte Perfektion setzen? Wer ist man? Und dann erzählt der Liebhaber der Ballerina, sie sei Mutter eines 16jährigen Sohnes. Niemand kann sich vorstellen, dass diese Zierlichkeit...

Die Ballerina. Taucht dann im Plattenbau der Mutter auf. Ein Fremder öffnet die Tür. Das ist wohl ihr Sohn. Ein wunderschöner Mann, spricht über seinen Körper, wie sie auch. Krafttraining. Durchhaltevermögen. Wie ähnlich sie sich sind. Diese Anziehung.

Die Mutter/Großmutter. Funktioniert. Fragt nicht. Hinterfragt nicht. Sie tut, was zu tun ist. Das war schon immer so (Ich erinnere mich an die Großmutter aus "Die schärfsten Gerichte der tartartischen Küche" von Alina Bronsky). Eine Ostgeschichte. Menschen, im Totalitarismus erzogen.

Die Ballerina und der Krafttrainer - Anziehung. Er schäumt vor Testosteron, sie verliert sich in Sehnsucht, körperlich. Ganz klar, sie ist immer körperlich, sie reagiert. Auf ihn.

Ja. Körperliche Anziehung zwischen Mutter und Kind. 16 Jahre zu spät. Hier ist keine Unschuld in der unbedingten Liebe.

Er will, dass sie wieder weggeht, sein Leben verlässt. Sie steigt in den Zug. Zurück nach Berlin. Ihr Leben ist verändert. Sie spürt in sich.



*
Dieses Buch ist so stark, Anke Stelling hat einen so dichten TExt geschrieben, der uns verwirrt, der den Körperkult aufzeigt, den Egoismus der dadurch bedingt ist, Nur ICH. Sie, die Ballerina, nur sie.

Ein außerordentlich zeitgemäßer Roman. Überschreitet alle Grenzen. Der Scham, Der Regelhaftigkeit, des Schutzes. Was ist dann dieses neue Leben?

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Erkenntnis

Heute ist mir wieder aufgefallen.

Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich, wie wenig ich weiß.