Sonntag, 30. Oktober 2016

TROTZDEM

Manchmal streifen einen neblige Gesprächsfetzen, die schmecken wie Galle. Meinungen und Gerüchte, die stinken wie faule Eier.

jedoch: sie sagen mehr über den Sender aus, als über den Empfänger. (Was zwar kurzweilig tröstlich ist, aber im Endeffekt nichts nützt.)

Vieles kann man schließen, die Augen zum Beispiel, bei den Ohren wird es schwierig.

Doch bevor man sich dem beleidigten "Ich muss ja nicht" oder dem trotzigen "Habt mich gerne" hingibt, hilft es, sich an etwas höherem, tiefer gehenden aufzurichten, Kraft und Zuversicht aus Worten und Sätzen größeren Ausmaßes, sinnvolleren Inhalts zu ziehen.


Wie z. B. aus TROTZDEM

Urheberin dieser Sätze: Mutter Teresa.

TROTZDEM

Die Menschen sind unvernünftig, irrational und egoistisch.
Liebe diese Menschen trotzdem.
Wenn du Gutes tust, werden dich die Menschen beschuldigen, dabei selbstsüchtige Gedanken zu haben.
Tue trotzdem Gutes
Wenn du erfolgreich bist, gewinnst du falsche Freunde und wahre Feinde.
Sei trotzdem erfolgreich.
Das Gute, das du heute getan hast, wird morgen schon vergessen sein.
Tue trotzdem Gutes.
Ehrlichkeit und Offenheit machen dich verwundbar.
Sei trotzdem ehrlich und offen.
Die Menschen bemitleiden Verlierer, doch sie folgen Gewinnern.
Kämpfe trotzdem für ein paar von den Verlierern.
Woran du Jahre gebaut hast, das mag über Nacht zerstört werden.
Baue trotzdem weiter.
Die Menschen brauchen wirklich Hilfe, doch es kann sein, dass sie dich angreifen, wenn du ihnen hilfst.
Hilf diesen Menschen trotzdem.
Gib der Welt das Beste, was du hast, und du wirst zum Dank dafür einen Tritt erhalten.
Gib der Welt trotzdem das Beste.
Letztendlich ist dann alles eine Angelegenheit zwischen dir und Gott.
Sowieso war es nie eine Angelegenheit zwischen dir und anderen.

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Das mag schon alles sehr schwülstig klingen, der Anspruch ist hoch, aber es war doch die Rede, sich an etwas aufrichten zu können. An jemandem, der weit über die eigene kleine Verletztheit geht, der weit über der persönlichen Kränkung steht, an der wir selbst schon oft angestanden sind.

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Quelle: Kalender. Alles hat seine Zeit. 2016. Verlag benno, Eintrag vom 19. Oktober 2016.


Mittwoch, 26. Oktober 2016

Maulina Schmitt. Von Finn-Ole Heinrich.

Die erstaunlichen Abenteuer der einzigartigen, ungewöhnlich spektakulären, grenzenlos mirakulösen Maulina Schmitt.
Geschrieben von Finn-Ole Heinrich. (Finn-Ole ist ein Männername)
Gemalt von Rán Flygenring. (Rán ist ein Fraunname)
Erschienen bei Hanser.

Zu Maulina Schmitt. Maulina Schmitt ist mir vor einigen Jahren in einer Buchempfehlung aufgefallen. Niemand wusste, welchem Kind man dieses Buch empfehlen soll, da es um Trennung und Krankheit geht. Ein bißchen viel für ein Kinderbuch, sagt man.

Das Buch habe ich nur sehr ausgewählt empfohlen, noch hatte ich es selbst nicht gelesen, kannte nur das Buch selbst, hatte reingeblättert, die Rezensionen gehört und gelesen.

Doch ich habe es nie aus dem Sortiment genommen. Dann kam schon der zweite Teil. Der erste ist hellblau, der zweite grün. Wieder Maulina Schmitt. Ich sollte sie doch lesen. Ein Jahr später der dritte Teil. Ich habe sie noch immer nicht aus dem Sortiment genommen, zu wertvoll und einzigartig erscheint es mir (so wie "Die Welt, wie Delly sie sieht".

Und jetzt musste es einmal sein. Ich nehme mir Teil 1 mit nach Hause (der hellblaue Teil). Fange an und kann mich überhaupt nicht mehr entziehen. Maulina ist so durch und durch stark als Person, so wunderbar zornig, so fantasievoll in ihrer Rache, und ein Kind. Sie muss noch 71/2 Jahre warten, bis sie erwachsen ist und endlich tun kann, was sie will.

Am nächsten Tag nehme ich gleich Teil 2 (Warten auf Wunder) mit nach Hause - auch hier. Ins Bett, Welt aus, Maulina rein, durchgelesen. Keine Minute unterbrochen.

Für Teil 3 muss ich suchen gehen - es hatte sich in den Regalen verreiht, war von den 10jährigen zu den 12jährigen gerutscht (was in meiner Buchhandlung ein völlig anderes Regal ist - einmal umdrehen bitte!) Und dann Teil 3. Ende des Universums.

Ich möchte die Maulina Serie vorlesen, gemeinsam mit Kindern lesen. Es ist so echt. Kindern wird so oft das Leben vorenthalten. Doch das dürfen wir nicht. Sie sind im echten Leben mit all den Themen konfrontiert, uns hier ist eine Protagonistin, der es auch so geht. Sie wird mit Problemen konfrontiert, die die Erwachsenen, ihre Eltern haben. Und sie muss da mit. Ob sie will oder nicht.

Das Buch ist nicht melancholisch, es ist einfach so, wie das Leben so ist. Zorn, Trauer, neue Umgebung, hasse alle, Mutterliebe, verloren sein und aufgehoben sein. Neue Freunde finden, alte Freunde behalten, eine neue Frau in Papas Leben (Eindringling!), Mama hat "Die Krankheit". Umzug. Opa ist witzig, große Aufgaben mit den Freunden. Im letzten Teil stirbt Mama an "der Krankheit". Papa ist da, auch wenn Maulina "die Neue" nicht mag, ihre zwei kleinen Brüder liebt sie sehr, sie kommt zurück nach Hause, in ihr Paradies, Mauldawien, aber auch hier verändert. Es wird gut weitergehen, vieles hat sich verändert. Sie ist eine starke Persönlichkeit geblieben, der Maul hat sich in den letzten drei Jahren etwas zähmen lassen (Zornausbrüche), sie ist älter geworden.

BITTE LESEN SIE DIESES BUCH MIT IHREN KINDERN!!!
LIEBE LEHRERINNEN: BITTE LEST DIESES BUCH IN DER KLASSE!!!

Es geht um Umgang mit Veränderungen, mit neuen Lebensumständen, aber auch darum, sich selbst treu zu bleiben.


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Dass die Zeichnungen herausragend, das Spiel mit versteckten (Such-)Bildern fantasievoll, die Einschübe in Grafiken abwechslungsreich sind - dass dies auch den besonderen Ton unterstützt, das wollte ich noch gesagt haben.


Der Gedanke an das Glück und an das Ende.

Der Gedanke an das Glück und an das Ende.
Von Jean-Luc Seigle
Überesetzt aus dem Französischen von Andrea Spingler
Verlag C.H. Beck.


Dieses Buch, zumindest jenes, das ich in Händen halte, ist ein Leseexemplar. Ein Leseexemplar ist etwas ganz besonderes. Das bekommen Buchhändler und Literaturkritiker, bevor das Buch in den Handel kommt. Und da mich die Thematik interessiert, und mir auch gesagt wurde, dass Seigle so wunderbar geschrieben hat, habe ich um ein Exemplar gebeten. Und es bekommen. 2014.

Seit 2014 lese ich dieses Buch. Am Anfang, im Herumtragen. D. h. ich trage es von einem Leseplatz zum nächsten, dann hineinlesen, passt gerade nicht, dann vieles andere lesen, dann wieder hineinlesen. Dann einmal den Stoß der "daswillichnochlesen"-Bücher durchsortieren. Immer wieder ist dieses Buch wieder zum Stoß "Dasleseichnoch" zurückgekommen, bzw. bei ihm verblieben. Diesen Sommer war es so weit, ich begann wirklich. Hörte wieder auf, las vieles andere, vor allem Kinderbücher und Sachbücher, dann wieder. Und im September waren alle (fast alle) der "dasunbedingt"-Bücher weg. Der Stoß am Nachtkastl war kleiner geworden (auch wegen der gefährlichen Fallhöhe) und "Der Gedanke an das Glück und an das Ende" war noch immer da. Also was jetzt.

Ich schlug eines Nachts auf, im Willen, mir das Buch jetzt tatsächlich zu geben, war es doch schon sehr bemerkenswert, dass es sich über so lange Zeit gehalten hatte. Und vertiefte mich. Sofort wusste ich, warum ich es so oft zur seite gelegt habe. Es geht um einen kleinen Jungen, der gerne liest und niemand in der Familie liest. Ein tiefgründiger Bub. Der Vater in sich selbst verschlossen (Ein Veteran aus dem 2. Weltkrieg), die Mutter gerade in einen vitaleren Mann verliebt, der Bruder im Krieg in Algerien. Das Buch spielt ja in Frankreich.

Der Vater, der mit den neuen Zeiten nicht zurechtkommt, die Großmutter - schon in ihrer eignene Welt - er.

Es ist die Geschichte dieses Sohnes, der dann, einem alten Wissenschafter anvertraut, seinen Bildungsweg macht. Der Vater, irgendwann erhängt aufgefunden. Vom Sohn. Die Mutter ist dann weggezogen von diesem Elend auf dem Land, glücklich mit dem neuen mann. Doch um diesen Werdegang geht es gar nicht.

In Wirklichkeit schreibt er eine Wiedergutmachung an die Kämpfer an der Maginot-Linie. Die Maginot-Linie, die triumphierend von Hitler eingenommen wurde. Die Kämpfer dort, verschmäht vom Volk. Sein Vater war dort im Kampf, darauf folgten Jahre der Kriegsgefangenschaft in Deutschland. Ein gebrochener Mann. Zurückgekommen. Verschmäht. Dort haben wir den Krieg verloren.

Und unser junger Mann beschäftigt sich damit. Vielmehr erkennen wir das erst, als er vor seinen Studenten, er wird Literaturprofessor, eine Brandrede hält. Eine Brandrede für die wackeren Soldaten an der Maginot-Linie.

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Ich war ganz überrascht über die Wendung. Doch im Roman ist es so seine Leistung, die Ehre seines Vaters wiederherzustellen. Ich bin sehr beeindruckt - und was noch beeindruckender ist; als ich an der letzten Seite angekommen war, habe ich sofort von vorne begonnen. Wieder begonnen. Ein sehr beeindruckendes, beständiges Buch.

Auch wusste ich nichts von diesem Schock der Franzosen. Der Schock, dass die Deutschen in ihr Land eingedrungen sind. Trotz der Erfahrung aus dem ersten Weltkrieg. Dass das heute noch Thema ist.

Zum Stil des Buches. Es ist eben der Stil, den ich sehr gerne mag. Ruhig, innere Monologe, Tiefgang, schöne Sprache. Fein. Sensibel. Die handelnden Personen leichtgängig, scheints oberflächlich, doch mit viel Liebe (?) beschrieben.

Ein Buch, das in Frankreich Bestseller war. 80000 verkaufte Exemplare. Bei uns ist es nicht so druchgekommen, was ich schade finde, denn es ist ein Kleinod, ein Geheimtip. Ein Buch, das die Last der Kriegskinder/Kriegsväterkindergeneration aufdekct. Dieses "wir müssen etwas für unsere Eltern tun, es ist ihnen so schlecht ergangen". (Übrigens im Buch "Wir Kinder der Kriegskinder" wissenschaftlich erarbeitet).

Schön und gut zu lesen. Auch wenn es wieder "diese Zeit", die Zeit des Weltkrieges, der nachwirkt, noch immer nachwirkt, behandelt. Und das wahr wohl der Grund, warum es so lange gedauert hat, bis ich mir den Genuss Jean-Luc Seigle gegönnt habe. Es ist etwas schwermütig. Natürlich ist es das, es geht ja um eine gebrochene Person, gebrochen durch den Krieg. Ein junger Mann, 19, ein Kind fast, erlebt den Krieg, geht in Kriegsgefangenschaft und kommt nicht als geehrter Held zurück, sondern als Versager. So viele sind daran zerbrochen. In diesem Buch bekommen sie ihre Ehre zurück.


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