Donnerstag, 14. Mai 2015

Altes Land. Von Dörte Hansen

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Altes Land. Von Dörte Hansen

Die Flucht aus dem Polenland. Vor den Russen. Viele Deutsche müssen weg. Die Russen kommen. Sie haben keine Chance mehr. Es ist sehr kalt in diesem Jänner 1945. Kinderwägen mit Babys, denen nicht mehr kalt ist am Wegesrand. Baumelnde Gestalten an den Bäumen.


Doch darum geht es am Anfang gar nicht. Am Anfang stehen eine Flüchtige und ihr Kind. Verlaust, ausgehungert an einer Tür. Der erste plattdeutsche Satz für das kleine Mädchen. "Woveel koomt denn noch vun jau Polacken?" Wieviele Polen kommen denn noch? Ein Gutshaus voller Flüchtlinge.

Dörte Hansen schreibt einen stillen, feinen, sprachlich wunderschönen Roman über die Deutsch-Polen, die Ende des 2. Weltkriegs weg mussten. Flüchtlingsbewegungen innerhalb der Deutschen. Und waren sie willkommen, im deutschen Heimatland? Nein. Sie mussten hart arbeiten, bekamen wenig zu essen.

Die Mutter, eine Adelige, weigert sich, sich klein zu machen. Sie singt Operetten, Arien, bewahrt Haltung. Das hat sie noch. ... und in der Nacht stiehlt sie Milch für ihre Tochter. Ein Kind musste sie ja im Kinderwagen zurücklassen. Wie so viele andere Frauen, die sich Hals über Kopf auf den Weg in den Westen gemacht haben.

Und die Geschichte erzählt von diesem Mädchen. Von den Kirschbäumen, den Nachbarn, dem Fremd Sein, dem gestörten jungen Mann, dem Hausherrn!, der vom Krieg schwer traumatisiert zurückkommt. Ihre Mutter wird ihn heiraten. Sie singt ihm immer so schön vor. Die Schwiegermutter erhängt sich irgendwann. Das war nicht mehr ihr Leben.

Ist es zu viel, wenn die junge Frau die Erhängte findet? Die so aussieht, wie viele, die sie auf der Flucht gesehen hat? Doch sie bleibt. Bleibt bei ihrem Stiefvater. Bleibt im Haus. Verändert nichts. Ihre Mutter verlässt sie, als sie noch ein Volksschulkind ist. Findet einen besseren Mann. Will eine Zukunft haben. Ein Leben.

Sie bleibt. Draußen bei den Fachwerkshäusern. Am Land. Wo nur die bleiben, die nichts geworden sind. "Dit Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt, nennt´t ook noch sien."

Eine Welt, in der in mehreren Generationen gedacht wird. Die eigene Selbstverwirklichtung. Kein Thema. Das Haus. Für die Nachfahren mitgebaut. Das gilt es zu erhalten. Der Nachbar fragt sich, wann sich denn dieser Fehler eingeschlichen hat. Wann hat das begonnen? Die eigene Sache. Wann? Wer hatte denn früher gefragt, ob er das wollte?

Die in Hamburg gescheiterte Nichte kommt zu ihr. Sie weiß, wie Flüchtlinge aussehen. Die Nichte braucht ihr nichts zu erzählen. Der kleine Sohn. Findet sich ein am Land. Dort, wo sich jetzt die romantisierenden Aussteiger tummeln. Die die alten Fachwerkshäuser sanieren (wollen). Von den Einheimischen mehr belächelt als ernst genommen.

Heute. Die Diskrepanz zwischen denen, die am Land leben, denen, die dort leben wollen. Die Spaltung der Gesellschaft. Leistungsdruck, Fashion, Tempo in der Stadt. Langsamkeit, Naturnähe, aber auch Eintönigkeit am Land.

Dörte Hansen spannt einen weiten Bogen in ihrem Roman. Sie bringt die Fluchtgeschichte der Polendeutschen, die zerstörten heimkehrenden Soldaten, die Frauen, die alles zusammengehalten haben. Damals, als man noch nicht fragte, ob es der eigene Weg ist, grandios vermischt mit dem Heute. Der Not der Scheidungen. Wann hatte es angefangen, dass man sich "in Freundschaft" trennt. Dass man jetzt eben nichts mehr empfindet. Führ dich nicht so auf. Wir sind ja erwachsen. Wann hatte das angefangen? Dieses Wegschmeißen vom Gemeinsamen?

Ein gesellschaftskritischer Roman. Ein klarer Blick auf die Situation sowohl der Land- als auch der Stadtbevölkerung. Die Diskrepanz, die Fremdheit, die sich da auftut. Mir wohl bekannt. Zwei Welten. Und in diesem Roman. Noch viel mehr Welten.


Sehr gut zu lesen. Sehr klar. Schöne Sprache. Gute Bilder. Viel Feinheit.
Ein Buch, das einlädt, es nochmals zu lesen.

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