Sonntag, 9. März 2014

Ostende 1936, Sommer der Freundschaft

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Ostende1936, Sommer der Freundschaft.

Volker Weidermann erzählt die Geschichte von Stefan Zweig, seine Sehnsucht nach dem Urlaubsort Ostende, als er 1914, vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs dort war und 1936 wieder nach Ostende in Belgien kommt. Um einen letzten Sommer zu erleben. Er trifft sich dort mit seinem Freund "Bruder" Josef Roth.

Ostende ist Zufluchtsort der Exilliteraten. Sie sind bereits alle in Hitlerdeutschland verboten, auch Irmgard Keun, obwohl Arierin, verlässt Deutschland aus Protest und kommt nach Ostende.

Wir erleben eine geistige Elite, die vor ihrem Ende steht. Das Buch liest sich wie ein who-is-who der deutschen Literatur, ihrer Verleger und der gehobenen Gesellschaftsschichte Deutschlands und Österreichs.

In der Zeit in Ostende bricht bereits der Bürgerkrieg in Spanien aus.

Volker Weidermann erzählt feinsinnig, in wunderbar gepflegter Sprache, als exzellenter Kenner der Personen, ein Bild von Vertriebenen. Noch sind sie in ihrem alten Leben verhaftet. Das ändert sich, nach diesem Sommer werden sie in alle Winde zerstreut sein.

Ostende und seine Besucher: Stefan Zweig, Lotte Altmann (seine Sekretärin und spätere Frau), Joseph Roth, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Willi Münzenberg, Irmgard Keun, Ernst Toller, Arthur Koestler. Wir erleben die brieflichen Absagen der Verleger, das Verbot von Verlagen, die herannahende Existenznot.

Und Literatur. Die Entstehung der Romane, das Schreiben Stefan Zweigs, Joseph Roths, die Diskurse zu geplanten neuen Romanen. Freundschaften, Feindschaften, Liebschaften.


Volker Weidermann zeichnet sich durch eine sehr detailreiche Recherche aus, wir lesen als Beteiligte mit, doch immer in Distanz, das Gefühl eines inneren Monologs macht sich breit. Gescheite Unterhaltung, Wissenserwerb auf angenehme Art. Und das Lebensgefühl einer Zeit, die es nicht mehr gibt.


Eines: jeder von uns hat die Aufgabe, einem Gedankengut, dass Geschichten erzählen nicht mehr zulässt, entschieden entgegen zu treten. Der Schaden, den wir heute noch tragen, ist unermesslich.



Einfach einmal reinlesen, in das Leben von Stefan Zweig und Joseph Roth.
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Ostende liegt in Dänemark, Region Flandern, und schaut in die Nordsee. Es gilt heute noch als "Königin der Strandbäder"

Zitiert aus https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Belgiens vom 9.1.16

1936, als die jüdischen Intellektuellen den Sommer in Belgien verbrachten, konnte sich keiner vorstellen, dass dies passieren würde. Aber sie wussten schon, dass es in den deutschen Landen nicht mehr lebbar war. Im Frühling 1936 hatten die deutschen Truppen das Rheinland wieder besetzt. Die Einheitspartei NSDAP hatte da schon an die 98 %

1933, im November, gab es die zweite Reichstagswahl dieses Jahres, diesmal aber nur mehr mit einer Einheitspartei - der NSDAP. Im Wahlkampf empfahlen folgende Personen, mit Ja zu stimmen.

Wahlkampf November 1933

Das Regime warb mit allen Mitteln der Propaganda um Zustimmung. Die Partei warb mit dem Slogan „Mit Hitler gegen den Rüstungswahnsinn“.[3] Unterstützt wurde die Regierung dabei von führenden Personen des öffentlichen Lebens. Am 11. November forderte Reichspräsident Paul von Hindenburg in einer seiner seltenen Radioansprachen zur Zustimmung auf. Unterstützung kam auch vom Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, vom Philosophen Martin Heidegger und vom Schriftsteller Gerhart Hauptmann. Auch die Spitzen der Wirtschaft und der Kirchen riefen zur Abstimmung auf. Im Fall der katholischen Kirche trug der Abschluss des Reichskonkordats dazu bei, dass die Bischöfe zur „freudigen Stimmabgabe für den Führer“ aufriefen.[4] Auch Gegner des Regimes sprachen sich zumindest hinsichtlich der Volksabstimmung für eine Zustimmung aus, weil sie damit eine nationale Außenpolitik unterstützen wollten.[5]
 
Da muss man sich ja alles normaler Mensch komplett verlassen vorgekommen sein. Heidegger. Gerhart Hauptmann, ...

Zweiter Weltkrieg

Belgien wurde auch im Zweiten Weltkrieg unter erneuter Verletzung der Neutralität am 10. Mai 1940 durch deutsche Truppen angegriffen. Nach 18 Tagen Widerstand ("campagne des 18 jours") kapitulierte die belgische Armee am 28. Mai 1940 bedingungslos – die Niederlande hatten am 15. Mai kapituliert. Belgien blieb bis zum September 1944 unter einem deutschen Militärbefehlshaber besetzt und verlor seine Selbstständigkeit. Vom 22. Mai 1940 bis 15. Juli 1944 war Alexander von Falkenhausen der Befehlshaber – sein Hauptquartier war in Brüssel.

Innenhof der Dossin-Kaserne (SS-Sammellager Mechelen), 1942
Die belgische Regierung unter Premierminister Hubert Pierlot ging nach London ins Exil und wollte von dort den Kampf gegen Deutschland fortsetzen. Der belgische König Leopold III. hingegen befand, dass er bei seinem Volk im Land zu bleiben habe. Er legte aber seine Dienstgeschäfte nieder. Die geflüchtete Regierung ließ sich in Limoges auf der letzten Sitzung des geflüchteten Parlaments mit der Bildung der Exilregierung in London beauftragen. In Belgien selbst bestand nunmehr eine ungeklärte Situation. Das ganze Land war von den Deutschen besetzt. Der König hielt sich in seiner bewachten Residenz in Laeken auf. Die Souveränität wurde vom Militärbefehlshaber ausgeübt, die belgische Verwaltung an ihrer Spitze Generalsekretäre, setzte ihre Arbeit fort - unter der Kontrolle und nach den Anweisungen der deutschen Militärverwaltung.[6]
Aber die Deutschen hatten auch eigene politische Ziele. Sofort nach dem Einmarsch erließen sie zahlreiche antijüdische Gesetze und Verordnungen und begannen mit der Judenverfolgung. In Belgien gab es vor Beginn des Zweiten Weltkrieges etwa 60.000 Menschen jüdischer Abstammung. Nur 7 Prozent von ihnen waren belgische Staatsbürger, die meisten stammten aus Osteuropa oder waren vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten aus Deutschland und Österreich geflüchtet. Die jüdische Bevölkerung wurde in den Städten Brüssel, Antwerpen, Lüttich und Charleroi konzentriert und deren Vermögen arisiert. Danach wurden die Menschen über das SS-Sammellager Mechelen in das KZ Auschwitz deportiert. Etwa 30.000 Juden wurden ab dem August 1942 deportiert, von ihnen überlebten nur etwa 1500. Im Januar 1944 wurde eine Gruppe von 317 Sinti und Roma deportiert – von ihnen überlebte nur ein Dutzend.[7]
Nach der am 6. Juni 1944 erfolgten Landung der Alliierten in der Normandie räumte die deutsche Wehrmacht im September 1944 Teile von Belgien. Die belgische Exilregierung unter Hubert Pierlot kehrte nach Brüssel zurück und zwang Leopold III., zugunsten seines Bruders Karl von Flandern vorerst auf sein Amt zu verzichten. Im Dezember 1944 und Januar 1945 war Ostbelgien von der deutschen Ardennenoffensive betroffen.

Liebes Leben. Von Alice Munro.

http://www.buchwelten.at/list/9783100488329

Liebes Leben. Es könnte auch liebes Leben. oder Liebesleben heißen. Beides wird im Buch in dieser wunderschönen Erzählform, in diesem Kopfkino, das Alice Munro lossprühen lässt, behandelt.

Und solche Sätze: »Dir diesen Brief schreiben ist wie einen Zettel in eine Flasche stecken und hoffen, er wird Japan erreichen«, schreibt Greta in der ersten Erzählung und schickt diese Zeilen an Harris, den Zeitungsreporter, der sie nach einer Party fast geküsst hätte. Aber eben nur fast.
Schwer zu verbergen, dass ich von dem konzentrierten, aber leichtgängigen, bildreichen und alltäglichen Geschichten von Alice Munro unfassbar begeistert bin. 
Jede Geschichte ist für sich so stark, hinterlässt Gedankenschweifen, trifft einen Punkt, bringt etwas zum Klingen. Zeit lassen. 

Ich habe an diesem Buch sicherlich mehr als einen Monat gelesen. Jede Geschichte für sich. Jedes Leben, jede Liebe langsam und unvermischt mitleben.


SEHR empfehlenswert.

Für alle, die gute Texte, intensives Leben, die Banalität des Alltags, diese eine Wendung, die alles verändert, einen ungeschminkten Spiegel der Gesellschaft zu einer Zeit, für alle, die das gerne haben. Bitteschön.