Sonntag, 11. Mai 2014

Biografie eines zufälligen Wunders

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Biografie eines zufälligen Wunders. Von Tanja Maljartschuk

Aus dem Ukrainischen übersetzt von Anna Kauk.

An diesem Buch bin ich lange vorübegegangen. Titel, Cover, alles hat mich interessiert. Aber was soll ich? Der Stoß auf meinem Nachtkastl nimmt kilimandscharohafte Ausmaße an. Aber wer kennt das nicht: diese vielen "das klingt interessant", "das möchte ich auf jeden Fall lesen", "das ist ein Wissensthema, das mich interessiert"- Bücher. Und flugs sind sie schon in meiner Tasche und auf dem berühmten Stoß.

Hier war es anders. Tanja Maljartschuk ist nie auf den Stoß gekommen. Ich habe sie - noch verschweißt - mit nachhause genommen, aufgemacht und kurz reingelesen. Und dieses nicht mehr beendet. 

Wir erleben ein junges Mädchen in der Ukraine. - gerade heute findet eine Abstimmung statt, ob die Ostukraine sich Russland anschließen will - welch Ironie!

Also unsere junge Protagonistin lebt in der Zeit vor der aktuellen Ukraine-Krise. In einem kommunistischen Land. Voller Korruption, Lüge, Mitläufertum.

Sie nimmt schon als Kindergartenkind die ausgesprochenen Worte für voll, für wahr. Dass man seinen Talenten folgen soll, dass man ehrlich sein soll, dass man, wenn man etwas kann, dafür belohnt wird.

Und danach lebt sich auch. Sie schwebt in ihrer Zeit - ohne zu bemerken, wie sie von Unmöglichkeiten umgeben ist. Sie beschreibt ihr Leben - sie muss dann Turnen studieren, da ihre Familie zu wenig Schmiergeld für die geeigneteren Studienrichtungen hat - als Abfolge von unveränderlichen Rahmenbedingungen, in denen sie sich mit skurillen Menschen umgibt. 

Professoren, die am Markt stehen und Krimskrams verkaufen, ihre Mitbewohnerin, die alles kann nur nicht an einem Turnier teilnehmen, ...Ihre Freundin "Hund", die ihr immer folgt - und der sie dann in weiterer Folge hilft. 

"Was ist unsere Protagonistin?", steht auf der Rückseite des Buches, "Ein Engel?"

Ich sehe einen ganz normalen jungen Menschen in einer ganz unnormalen Umgebung. Sie schlägt sich durch, hilft, wo Hilfe gebraucht wird und schlägt sich Nase und Stirn blutig. Läuft gegen Mauern.

Dann entscheidet sie sich für den Beruf Wunderheilerin, was sollte sie sonst machen? Diskutiert das mit ihrem Yoga-Freund, mit Hund, die nach unglücklichen Umständen im Rollstuhl gelandet ist. Niemand hilft. Als Wunderheilerin ist sie nicht so erfolgreich, aber als Widerständige sehr.

Und dann schlägt das System zurück. Der Beamtenapparat. Lena wird in eine geschlossene Anstalt eingeliefert. Ihr Freund, der Literaturprofessor - mittlerweile ebenfalls in der Geschlossenen - schreibt ihr Leben auf. Dann ist Lena weg. Weggeflogen. Wie die Erscheinung, die sie bei so vielen Menschen beobachet hat. Zu Ende schreibt der Professor: "Jeder hat seine Aufgabe, meinte Lena immer, jeder muss seine Sache verfolgen."

Dieses Buch strotzt vor wunderbaren Szenen, in einer Sprache, die voller Mitgefühl, Herzenswärme und einer irritierenden Leichtigkeit, wie ich sie schon bei einigen AutorInnen aus dem Osten Europas erlebt habe.

Wunderschön zu lesen. Viele Absätze zum Rausschreiben und an die Wand pinnen. Ganz viel Klugheit, Weisheit und drumherum das Überleben von Menschen in einem totalitären System. Alltäglich, Unaufgeregt, sich in den Umständen zurechtfindend.

Ein lesenswertes, schönes Buch. Für alle, die gerne in eine Geschichte, auch absurde, reinfallen, und da und dort ein paar Wort zum Mitnehmen finden.

Lena. Ein herzenswarmes kluges Mädchen. Mutig, Unerschrocken und Lebendig.




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