Mittwoch, 12. Februar 2014

Mit Haut und Haaren. Von Arnon Grünberg

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Arnon Grünberg. Mit Haut und Haaren.

Hätte ich gewusst, wie dick das Buch in Wirklichkeit ist, ich hätte es wahrscheinlich nicht in die Hand genommen. Aber ich wusste es nicht. Ich hatte ein wie ein Buch aussehendes Leseexemplar in der Hand (also man weiß schon, dass es ein Leseexemplar ist und in der Regel sind sie mit dem echten Buch identisch). In diesem Fall aber: Ich habe diesen Arnon Grünberg schon sehr lange am Nachtkastl liegen. Und gerade jetzt ist die Zeit, die Bücher, die ich schon sehr lange liegen habe (so Monate) durchzuforsten und einer Prüfung zu unterziehen: lies ich noch, geb ich weg, lies ich noch, zeig ich jemand anders...

Mit Haut und Haaren wechselte zum Stoß "Lese ich noch" - und dann war ich auch schon drinnen. Leseexemplar 270 Seiten, ein Wochenendokkassion inklusive - schnellerlesenzumnochsonntagabendfertigwerden - und dann: es geht noch weiter....  Und somit las ich dann doch das Buch, auch wenn es in echt umfangreicher ist.

Man fällt in eine komische Geschichte. Wissenschaftlicher Kongress. Völkermord. Sie, Lea,  eine Höss-Spezialistin, er und andere Ökonomen halten Referate zum Thema. Alles eher steif, formell. Sie geht mit einem ins Bett. Ihr erster Seitensprung. Sie dachte sich, das müsse auch einmal sein.

ER: Ronald Oberstein. Ökonom. Zählt zu den 40 besten Adam Smith-Kennern der Welt. Er lebt in seiner rationellen Welt. Alles ist Markt. Alles wird von Angebot und Nachfrage bestimmt. Selbst jegliche Emotion weiß er so zu erklären. Eigentlich ein ziemlicher Langweiler. Nichtsdestotrotz kann er sich nicht erwehren. Die Frauen.

Lea findet ihn interessant. Er hat keine Strategien der Ablehnung. Rutscht hinein. Will nur, dass es anderen auch gut geht. Auf gut österreichisch würde man ihn wohl als "emotionales Nackerbatzerl" bezeichnen.

Aber so geht das dahin. Er in New York, vielmehr auf einer Uni etwas abseits von New York. Geschiedene Frau und Sohn in Amsterdam, Freundin auch in Amsterdam. Frau und Freundin kennen sich. Man will sich ja auf einer vernünftigen, erwachsenen Ebene begegenen.

Arnon Grünberg lotst uns durch eine Welt voller vordergründig vernünftiger Erwachsener. Jede/r lebt sein eigenes Leben, die Familien sind entweder vorbildlich (der NewYork-Brooklyn-Bürgermeister. Ihr, Leas Mann) oder geschieden, Patchworkartig. Ronalds Ex und Sohn.

Nur: Mit welcher Selbstverständlichkeit er oder Lea oder seine Freundin oder Leas Mann gegenseitig, mit anderen, unter Drohungen oder unter Verzweiflung, an Einsamkeit leidend, provozieren wollend, aus Langeweile oder weils einfach möglich ist, also mit welcher Leichtigkeit sie miteinander ins Bett steigen, das ist wohl ein von Arnon Grünberg inszenierter Spiegel. Einer Gesellschaft einsamer Seelen, die Trost suchen.

Und Ronald. Einerseits ein Getriebener, ein seine persönliche, emotionale Not Verleugender, ein ganz normal wirkender, etwas blasser, hochrangiger Wissenschaftler. Vielleicht übertrieben eigenbrötlerisch, aber man meint wohl, er könne doch keiner Fliege etwas zuleide tun. Er ist einfach über die Maßen beziehungsunfähig. Seine Freundin will ihm Gutes tun, will mit ihrer Eifersucht zurande kommen. Sie beginnen Spielchen. Diese übt er dann auch bei seiner kleinen Studentin aus, die ihn zuerst erpressen will, er sich wiedereinmal nicht wehren kann (er will immer einfach nur an seiner Arbeit weitermachen, ist aber unglaublich leicht sozial manipulierbar, was ihm in keinster Weise bewusst ist), der dann ihn Fantasien abgleitet - und dann sein Absturz.

Wir begegenen einem Roman, der unglaublich gesittet ist. Sprachlich schön erzählt. Mit Seitensträngen, wo kurz die Möglichkeit von Gewalt und Macht als Erpressungs-Sklavenspielchen gestreift wird. Zwischen den Zeilen. Brutalität. Kälte. Die Neuen Medien, die unser Noch-Nicht-Professor, aber Immerhin-Ökonom nicht kennt. Er tappt in jede Falle. Nur dann: Das Mädchen liest Stefan Zweig "Brief einer Unbekannten", verliebt sich. Das war nicht einkalkuliert. Auch nicht für ihn.

Arnon Grünberg streift viele Themen. Einsamkeit, Rationalisierung, Individualität, Beziehungsunfähigkeit, Sterbehilfe, Illegale, Misstrauen gegen Väter, Karriere, "Was ist der Mensch?". Alles mischt sich in diesen Kosmen der heutigen Gesellschaft. Der Verlag - Diogenes - beschreibt den Roman als Satire. Ich habe eher einen Gesellschaftsspiegel gesehen.

680 Seiten. Und kein Aufhören.


Arnon Grünberg hat schon viele Literaturpreise bekommen. Er ist ein Meistererzähler. Ganz leicht, still, unscheinbar kommt der Text daher.


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