Dienstag, 30. Juli 2013

Das Verschwiegene. Von Linn Ullmann



Das Verschwiegene. Von Linn Ullmann

Selten habe ich mich für ein Buch so angestrengt. Mich um es so bemüht.

Zur Vorgeschichte: Das Cover ist mich gleich angesprungen. Das kennen wir schon. Bin ein optischer Typ. Die Geschichte beginnt anziehend; so zu verstehen, es zieht dich an, nimmt dich an der Hand. Ich hatte sie so nebenbei begonnen; in der Pause, während andere sich neben mir unterhalten haben. Dann wieder ein paar Seiten allein, dann schnell aus der Handtasche raus und wieder ein paar Seiten. Bei Seite 79 gab ich auf.

Linn Ullmann stellt auf den ersten 80 Seiten (also ich war kurz davor!) alle Personen vor. In ihrer Komplexität, was war, was ist, Rückblenden, Vorschauen, innere Monologe, Situationen, Orte, ... Das war mir zu anstrengend. Ich verwechselte dann schon wer wo wann wie und weshalb.


Dann eben nicht.

Zwei Monate später nehme ich es wieder zur Hand. Was will Linn Ullmann, was verbirgt sich hinter der Geschichte, meine Neugier war geweckt. Und: das werde ich mir jetzt erarbeiten. Das wäre doch gelacht!

Mit Notizzettel und Bleistift gehe ich das Buch nochmals von Anfang an an. Notiere die handelnden Personen, die betroffenen Orte, Jahreszahlen, Verwandtschaftsverhältnisse. Das geht bis Seite 80, dann ist die Szenerie klar und offen.

Dieses Buch wäre es wert, Charakterstudien abzuhalten, ich sah mich, Fragen zu stellen wie: "Warum muss Siri immer glauben, sie hätte mehr tun müssen?", "Warum konnte Mille keine Hilfe holen?", "Kann mir jemand Jon erklären?"

Nun müsste man noch nach Norwegen fahren, um sich die Orte anzuschauen, warum nicht? Mailund, die Villa, und dann einen Sprung nach Schweden, was ist mit den Zwillingstürmen, die man Annes Eyes nennt? Und warum ist das wichtig?

Linn Ullmann führt uns wie die Katze um den heißen Brei um diese Familie herum - und gleich vorweg: Wer sich ein tröstliches, klares Ende wünscht - weit gefehlt!

In den Vordergrund stellt sie das Verschwinden des Kindermädchens. Der Aufhänger, an dem alle anderen hängen bleiben, jeder hat seine Rolle (ich fühlte mich wie in einem Agatha Christie Krimi), doch es gibt keine Fährten, nur Schuldgefühle.

Eine Durchschnittsfamilie begegnet uns hier in einem Durchschnittsdorf in den Zehnerjahren dieses Jahrhunderts. Die Protagonisten sind in den 1960er Jahren geboren, sie haben Kinder und Eltern. Wobei die vordergründige Hauptrolle Siris Mutter ist, Jon (Siris Mann) den meisten geschriebenen Platz einnimmt und für mich Siri die tatsächliche Hauptrolle spielt.

(Diese Einschätzung würde ich jedoch gerne mit anderen durchbesprechen.)

Nun. Mille verschwindet. Das Kindermädchen, das mit 19 Jahren erstmals den Sommer nicht mit ihren Eltern verbringt, sondern als - eben Kindermädchen - bei einer Familie anheuert. (Siri weiß übrigens vom ersten Tag weg, dass es ein Fehler war, das Mädchen aufzunehmen.)

Und Jon. Der Schriftsteller mit Schreibhemmung. Und die Ehe zwischen Siri und Jon. Und diese unmögliche Schwiegermutter. Und die Kinder. Und dann noch Mille, das Kindermädchen. Alles zu viel. Die Schulden am Haus, die nicht eintreffenden Einkünfte mangels abgegebenem Buch, die Frau, die wirklich schuftet, der Sommer in Mailund. Diese Ehe - sie lieben sich, sie lieben sich nicht, sie lieben sich, sie lieben sich nicht.

Zwei Erwachsene Menschen in den 40ern. Da die Kinder, dort die alten Eltern. Die unaufgearbeiteten Altverschweigungen und die nicht ausgesprochenen neuen Verschweigungen.

Und das ist es wohl, was Linn Ullmann mit "Das Verschwiegene" meint.


hochliterarisch! komplexe Charaktere! Ein Buch zum Nochmal-Lesen und Nochmal-VielEntdecken!


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