Sonntag, 14. April 2013

Der Schrecken verliert sich vor Ort. Monika Held


Der Schrecken verliert sich vor Ort.

Auschwitz. Auschwitz ist so groß. Kann die Liebe das aushalten?

Heiner ist Auschwitz Überlebender. Linda lernt ihn während der Nürnburger Prozesse kennen. Als sie einen bleichen Mann im Gang zusammengehen sieht. Sie sieht, wie er, an die Wand gelehnt, abrutscht. Sie geht zum ihm hin. "Servus" sagt er, mit einem Lächeln und leichter Ironie in der Stimme. In dieses "Servus" verliebt sie sich.

Zu einer Zeit, wo es noch keine Zeugenschutzprogramme, separate Aussagen oder dergleichen gibt, setzt sich Heiner der öffentlichen Zeugenaussage vor Gericht aus. Inklusive hämischer Meldungen der Nazi-Mörder. Inklusive brutaler Verhöre seitens deren Verteidigern.

Doch Heiner hat Auschwitz überlebt, um Zeuge zu sein. Um der Welt erzählen zu können, was da möglich war. Und er erzählt seine Geschichte immer, überall, ständig. Mit dieser Wucht an Bruatlität, Verbrechen an der Menschlichkeit, mit dieser Walze an Unfassbarem überfordert er seine Mitmenschen. Wer hält schon aus, bei jedem Begriff eine Verbindung zu einer Tötungsmethode serviert zu bekommen.

Linda. Linda und Heiner lieben sich. Lindas Freundinnen sind skeptisch. Was kann der Grund sein, dass eine junge Frau sich so einen Mann antut? Mitleid? Was soll eine so junge attraktive, erfolgreiche, kluge Frau mit einem Mann, der arbeitsunfähig ist?

Es ist Liebe. Heiner liebt Linda und Linda liebt Heiner. Trozdem und auch deshalb. Kann man den ganzen Menschen lieben? Auch diese Seiten?


Llinda lernt viel über Auschwitz, über den Lageralltag, über den Nummernadel in Auschwitz. Dass man nicht in Wochen, Monaten oder Jahren beschreibt; sondern in Tagen, wie lange man Auschwitz überlebt hat.

Heiner war ein junger Sozialist, im Widerstand in Wien. Nach Sonderbehandlungen durch die Gestapo wird der noch nicht 20jährige mit dem Vermerk RU (Rückkehr unerwünscht, er weiß aber zu dem Zeitpunkt noch nicht, was dieses Kürzel bedeutet) nach Auschwitz deportiert. Von seinem Transport 1860 Personen überleben 4 Leute.

Diese treffen sich im späteren Leben. Sie lachen viel, essen immer (was du im Magen hast, kann dir keiner mehr nehmen). Sie erzählen Linda ihre Geschichten. Linda. Wie kann sie das aushalten? Es wird viel gelacht und gescherzt. Eine eigenwillige Truppe. Leben. Das wollen sie. Und jeder hat seine eigene Überlebensstrategie nach Auschwitz gefunden.

Eine lange Ehe. Ein großes Zutrauen. Viel Verständnis und Platz füreinander.

Lena, die Danzigerin, die in der Schweiz aufwachsen musste, weil ihr Vater "zwar Deutscher aber kein Nazi" war. Lena, die es geschafft hatte, polnisch-Unterricht zu bekommen, damit sie die Sprache ihrer geliebten Kinderfrau Olga sprechen konnte. Diese Lena wird nie Teil der Auschwitz-Freunde sein. Weil sie nicht in Auschwitz war. Und das ist gut so.

Auch wenn sie manchmal eifersüchtig auf die besonders liebevolle Beziehung der Überlebenden ist. Da ist eine Kraft, eine Energie, die diese Menschen verbindet, die größer ist. Es ist die Verbindung von Unsterblichen.

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Monika Held begleitet uns durch das Lager, durch die Zeit, sie stellt uns Menschen im Widerstand vor. Auch später, Solidarnosc, auch die lernen wir kennen.

Wie begleitet uns - uns an der Hand haltend - durch diese Ereignisse, die es nicht geben kann, darf und die doch geschehen sind. So ist es möglich. Geschützt durch diese Geschichte. Das Grauen, die Kälte, die Angst.

Und Heiner, der Kommunist, im Widerstand. Immer auf der Seite der Freiheit für den Menschen. Heiner spricht an seinem neuen Wohnort. Eingeladen vom Pfarrer. Zu Weihnachten. Und sein letzter Satz ist: "Ob wir Engel oder Teufel sind, bestimmen wir selber. Und nun wollen wir das Essen genießen, das auf uns wartet. Frohes Fest."

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Mit einem Nachwort von Margarete Mitscherlich.
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Ich kann mich nicht erinnern, einen Roman dieser Art gelesen zu haben. (Vielleicht in Ansätzen die "Atemschaukel" von Herta Müller) Der Unterschied zwischen der Atemschaukel und "Der Schrecken verliert sich vor Ort" ist das Leben. Nach dem Straflager der Russen kann der junge Mann von Herta Müller kein Leben mehr führen. In der Atemschaukel erleben wir die Zeit im Lager, hier erleben wir das Leben danach. Heiner, der Auschwitzüberlebende führt ein Leben in einer liebevollen Ehe. Er ist nicht mehr Opfer. Er hat es geschafft.


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