Sonntag, 10. März 2013

Das Leuchten in der Ferne

 

Das Leuchten in der Ferne. 

Linus Reichlin beschreibt einen "ausgegliederten" Journalisten in Berlin. Er findet sich auch dem Arbeitsamt wieder. Das kann er aber niemandem sagen, ist er doch ein erfolgreicher Kriegsberichterstatter. Er schon viel gesehen. Zu viel vielleicht. Manche Bilder haben sich eingebrannt. In seinen Kopf. Bildder, die immer wieder kommen. 

Am Arbeitsamt lässt er einer Frau mit Kleinkind den Vortritt. Ihm ist egal, ob er noch Stunden hier sitzt. Diese bedankt sich mit einer Einladung zu einem Abendessen. Das kann er gut brauchen, ist er doch pleite wie nur.

Diese Frau ködert ihn. Mit einer Geschichte. Ob er denn 10.000 Euro aufstellen könne. Sie kenne eine Frau, die sich als Taliban ausgibt, sie sei eine Bacha Posh, diese wolle weg, denn ihr Entdecken wäre ihr Todesurteil. 

Martens, so heißt unser Journalist, fragt nach, die Frau kennt sich aus. Er war schon in diesen Gegenden, kennt die Situation, ja die Frau weiß wovon sie spricht, sie erwähnt auch einen großen, gefährlichen Taliban-Führer in dessen Gruppe die Bacha Posh lebt.

Martens hat noch Kontakte, ruft einen alten Freund, jetzt Chefredakteur einer großen Zeitung an, ja sie bekommen das Geld. Er soll aber die Berichterstattung machen.

Und Martens macht sich wieder auf. Nach Afghanistan.


Was wir dann erleben, ist ein Mann, der Angst vor der Langeweile des Alltags hat, der auch schon viele in den Kriegsgebieten helfende, freiwillig rekrutierte beobachtet hat - auch sie haben Angst vor der Banalität des Alltags. Dann schon lieber die staubige Luft auf den Lippen und jeden Tag leben. Im Wissen, es könnte sich bis morgen nicht mehr ausgehen. Martens ist einer von ihnen.

Miriam aber, die Frau, goutiert das nicht. Sie sagt, er sei nie erwachsen geworden. Sie könne sich nichts schöneres vorstellen, als genau diesen sicheren Alltag. Das Bild: Sonntagsspaziergang am See.

Martens muss dann erfahren, dass Miriam nicht die Bacha Posh retten will, sondern ihren früheren Mann. Einen Sonderungustl. Aber sie fühlt sich verpflichtet. Ihr Vater, selber Afghane musst in Heimaterde begraben werden und ihr früherer Mann übernahm diesen Dienst. Dort fassten ihn die Taliban. Vielmehr der Stiefbruder Miriams, der der gefürchtete Taliban-Führer ist.


Und Martens. Martens nimmt dies alles stoisch hin. Dass er schon sehr früh weiß, dass Miriam keine Fotografin ist (sie hat keinen Fotoapparat), dass die Geschichte vorne und hinten stinkt. Aber er hat ohnehin nichts anderes vor. Und bietet sich schließlich als Geisel an.

Drei Monate ist er Geisel der Taliban, sie gehen und gehen und gehen durch die steinigen Gebirge. Er bekommt nichts. Kein Gespräch, auch die Bacha Posh verweigert jede Kommunikation. Sie leiden an Hunger, Kälte, Verwahrlosung und Sinnlosigkeit. Viele werden krank.

Am Ende des Tages wird der Betrag an die Taliban bezahlt und Martens kommt frei. Jedoch für immer verändert.


Was uns Linus Reichlin hier bietet ist eine Darstellung einer Weltgegend, die uns mehr als fremd ist. Und diese Fremdartigkeit beschreibt er auch durch Martens. Der leidet an dieser strengen muslimischen Einstellung. Er erzählt. Überall auf der Welt habe er mit den Rebellenführern getrunken. Und hier gibt es nur diesen überzuckerten Tee.

Ich könnte gar nicht so genau sagen, warum ich in der Geschichte geblieben bin. Ich war neugierig, diese Geschichte weiter zu verfolgen. Die permanente Gefahr durch die Amerikaner, die Deutschen, die Angst der Dorfbewohner vor den Taliban. Diese jungen Burschen, die Hoffnung im gutbezahlten Job als Taliban begründen, weg von der schweren Feldarbeit zu kommen. 

Martens verliert in diesen drei Monaten die Erinnerung an seine liebsten Gedichte, er verändert sich, versteht die Taubheit der Gruppe. 

Vorsicht ist geboten: solche Erfahrungen lassen einen nicht mehr los. Und er hat die Angst, dass sie doch verschwinden. Was bleibt ihm? Am Ende ist auch die Frau weg, für die er alles getan hat, und zwar in ihm. Er kann nicht mehr anschließen. Auch nicht mehr an diese Überflussgesellschaft, die ohne Genuss die Mengen ist, wo er monatelang gehungert hat. 

Er solle sich Zeit nehmen für die große Reportage über seine Entführung und Monate in den Händen der Taliban. In den afghanischen Bergen. Ihm fällt nur eine Metapher ein. 

Aber lesen Sie selbst!