Samstag, 21. September 2013

Zaira. Ein Leben im 20. Jahrhundert


Abseits des Neuerscheinungsgetöses, wie der von mir sehr geschätzte Heinz Sichrovsky in seiner grandiosen Sendung "Erlesen" in ORFIII zitiert. Also, abseites des Neuerscheinungsgetöses ist mir "Zaira" in die Hände gefallen. Mehr oder weniger tatsächlich.

Der Roman ist 2008 im C. H. Beck Verlag erschienen. Das ist nun doch schon ein Weilchen her.

Herr Florescu, der Autor, ist bis jetzt auch in mir vorbeigegangen. Was sehr schade ist, denn er schreibt wie ein Märchenerzähler. Er hat eine blumige und ausschweifend-erzählerische Sprache; ein Autor aus dem Osten, genauer: Rumänien.

Und von dort erzählt der Roman auch. Zaira, adeliges Kind in fruchtbarer Gegend wächst mehr oder weniger sorglos auf (wenn man davon absieht, dass ihre Mutter wichtigeres zu tun hat, als am Land zu versauern und ihr Kind aufzuziehen).

Zaira wird in ene Zeit hineingeboren, als gesellschaftliche und soziale Grenzen klar und unüberwindbar sind. Der Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihr geliebter Cousin, den sie "meine vierte Mutter" nennt, ist Herrschaftsbesitzer von riesigen Landflächen, die Bauern sind Leibeigene. Sie überstehen die Kriege, die Deutschen, die Wirren. Was sie nicht überstehen ist die kommunistische Revolution und der Hass der Meute.

Die Familie zerschlägt sich, sie müssen sich verarmt und verfolgt durchschlagen. Denn der Hass des ehemaligen Bauernbuben, jetzt hoher kommunistischer Genosse, verfolgt sie. Und wir werden sehen: bis an ihr Lebensende.


Zaira leidet unsäglich am Verlust ihres gewohnten Lebens, am Tod ihres Zizi und kommt nicht darüber hinweg. Wieder mit ihrer Mutter zusammen, in Armut in Bukarest, heiratet sie, weil sie sich verpflichtet fühlt (Versprechen müssen eingehalten werden!) und lässt sich später aber wieder scheiden. An das kommunistische System, an die Unterwerfung, an das verlangte Buckeln kann und will sie sich nie anpassen. Sie schlägt sich durch. Findet ihre große Liebe, und doch, aber auch weil. Umstände und Lebenszeit, Vergangenheit und politische Situation. Das alles passt nicht, lässt sich nicht vereinbaren. Stolz, Hochmut, Verzweiflung, alte Traumata. Ein versöhnliches Miteinander wird nicht möglich.

Die Tochter - katalanisch schweigsam und stur wie ihre Urgroßmutter macht Zaira das Leben schwer. Ein trotzig-schweigsames Leben. Dann heiratet sie doch. Einen kleinen Maler, der Biologe ist. Die merkwürdigsten Lebensverwirrungen sind im Kommunismus nicht verwunderlich. Sie flüchten über Prag nach Amerika. Dem Land der Freiheit. Zaira, todunglücklich, findet sich nach Jahren ein und schafft ein erfolgreiches Leben. Bis auch das zerbricht. Schockartig.

Und dann geht sie heim. Mit aller Angst, Feigheit, Sorge. Und Schmerz. Was wird er sagen?



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Nebenbei spielt sich die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts ab. Was die Kriege angerichtet haben. 1. und 2. Weltkrieg. Die Zerschlagung Österreich-Ungarns spielt in die Familie hinein. Der Offizier, Zairas Vater der König und Vaterland verteidigt und am Ende als Adeliger NICHTS ist. Wir erleben die Zerstörung Rumäniens mit, den Prager Frühling und das Amerika der 50er und 60er Jahre.

Weltgeschichte. anhand Zairas Leben. sie hätte es so nicht gewollt.

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Catalin Dorian Florescu, 1967 geboren in Timisoara, Rumänien, ist ein brillanter Erzähler. Er ist es wert, ihn kennenzulernen.


hier erhältlich: www.buchwelten.at

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