Dienstag, 24. September 2013

Norbert Gstrein. Eine Ahnung vom Anfang.


Norbert Gstrein. Eine Ahnung vom Anfang.

Ich hätte das Buch nicht gelesen. Mir sagte das Cover nicht zu und ich konnte auch mit dem Titel nichts anfangen. Er machte mich nicht neugierig. Wenn da nicht ein lieber Freund gewesen wäre, ein sehr belesener, der mir nahe gelegt hätte "Du musst ihn lesen. Wirklich." Nun, dann nahm ich ihn einmal mit heim. Er musste noch ein Zeiterl warten, aber gleich nach dem andern Buch fing ich an.

Ich habe ihn gerne gelesen. Den Roman über den Lehrer, der alles sehr ernst nimmt. Hinterfragt. Der dies auch mit seinen Schülern tut. Der mit dem Klatsch und Tratsch, den Unterstellungen, Hinzufügungen, Erfindungen seiner Dorfgesellschaft nichts anfangen kann; ja ausgeliefert ist.

Er hat da diesen Lieblingsschüler. Er selbst hätte ihn nie so bezeichnet. Die anderen meinten, dies wäre sein Lieblingsschüler gewesen. Und dieser - Daniel - besuchte ihn an dem Ort, den er wieder zurückgekauft hatte. Die alte Mühle. Alt-Familienbesitz mütterlicherseits, die irgendwann zum Verkauf da stand und er nicht mit dem Gedanken leben konnte, jemand Fremder würde sie kaufen. Sie war verfallen und nichts wert, aber er hing irgendwie an diesem einsamen Platz.

Dort besuchten ihn Daniel und sein Freund Christoph, beide Schüler von ihm. Beide gute Schüler. Ein bißchen vermurkst, philosophierend und sie blieben den ganzen Sommer am Ufer des Flusses, machten Feuer, lasen, philosophierten. Unschuldig. Aber nur für sie. Die Spechtler und Späher interpretierten da ganz andere Dinge hinein. Doch sie ließen sich in ihrem So-Sein nicht beirren.

Und an diesem Sommer hängt sich alles auf. Alte Sehnsüchte. Vorwürfe. Spekulationen. Jahre später tauchen Bombendrohungen auf und alle machen ihn - den Lehrer - verantwortlich, er hätte den Buben, vielmehr Daniel, Flausen in den Kopf gesetzt, er wüsste wo er wäre und warum er sich so entwickelt hätte.

Er sinniert und kommt nicht darüber hinweg. Immer wieder auch die alte Frage wie beim Selbstmord seines Bruders. "War die Literatur, die er auswählte ausschlaggebend für die verwirrten Gedanken?" War er Schuld? Die Leute stoßen ihn mit der Nase auf die Sache aber er verbleibt in seinem Schneckenhaus.

Die Vermutungen steigern sich und lösen sich nicht auf. Nie. Vielleicht beruhigen sie sich als jemand anderer mit Bombe erwischt wird. Auch er selbst traut all dies Daniel zu. Ohne es auszusprechen. Und seine Vermutungen werden von andern in Worten bestätigt, ein Geständnis von ihm erwartet.

Er ist einer, der grübelt und jede Bewegung, Nicht-Bewegung, Andeutung, jedes Wort von anderen auf sich projiziert, darüber in tiefe Gedanken versinkt und doch vieles erkennt. Er will nicht zu nahe treten. Niemanden. Daniel wäre ihm nahe gewesen. Doch der ist weg. Er wüsste gerne wo und wie es ihm erginge.

Die junge Frau von damals, heute ist sie seine Lehrerkollegin, sagt einmal "Du nimmst alles viel zu ernst. ... Vielleicht kannst du irgendwann einsehen, dass es Dinge gibt, für die du nicht verantwortlich bist und die vielleicht nicht einmal etwas mit dir zu tun haben."

Und am Ende - das ist dann wahrscheinlich die Ahnung vom Anfang - da baut er eine Beziehung auf. Zu einem Kind. Und es ist gut.


Norbert Gstrein führt uns in die Innenwelt eines Mannes, der den Selbstmord seines Bruders nie verwunden hat. Das ist auch für alle in seiner sozialen Umgebung sichtbar. Er selbst schaut aber nicht dort hin. Deshalb wird ihm dann auch die intensive Beziehung zu seinen Schülern falsch ausgelegt. Oder vielleicht doch nicht. Etwa sucht er Ersatz. Und er führt uns zur Möglichkeit der Heilung und eines Neubeginns.

Dazwischen ist die Geschichte von Daniel eingewoben, einem Buben, der ohne Vater aufgewachsen ist, hochintelligent, ausgesprochen gebildet und in einen katholischen Erlösungswahn hineingetrieben (selbst oder fremd. wer weiß schon). Und diesem traut das Dorf alles zu. Nur wenige spielen in der allgemeinen Entrüstung nicht mit. Ein Abbild von Enge und Zuschreibungen.


Ein stilles Buch. Oft ist nicht klar, wohin sich die Wendungen drehen werden. Aber das ist im Leben öfter auch so. Ein unglücklicher Mensch im Zentrum, der in der provinziellen Enge nicht eingeschätzt werden kann. Und somit eine Zielscheibe wird. Wie er damit umgeht und was dabei möglich ist ist hier still und leise erzählt.



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