Freitag, 27. September 2013

Wir sind die Macht. Leymah R. Gbowee

Wir sind die Macht. Die bewegende Autobiographie der Friedensnobelpreisträgerin Leymah R. Gbowee. Ihr wurde 2011 neben anderen der Friedensnobelpreis verliehen.

Gerade heute - und das ist das Thema - am 27. September 2013, vermeldet der Kurier unter "Weitere Meldungen": Taylor wandert für 50 Jahre hinter Gitter. Der skrupellose Warlord Charles Tayler, der den Bürgerkrieg in Libera verantwortet ist in Den Haag verurteilt worden.

Leymah wächst in Liberia auf. Geboren 1972. Liberia ist ein offenes Land, stark an Amerika angebunden. Die Kinder genießen Schulbildung. Man lebt in einfachen Verhältnisse. Nach dem Abschluss der high school, kurz nach ihrer Feier bricht der Bürgerkrieg aus. Er wird das Land für 14 Jahre grausamst ausbeuten.

Wir lesen die Lebensgeschichte einer Frau, die von Wut, Ohnmacht, Schmerz und Überlebenskampf geprägt ist. Und doch gibt sie nicht auf. Oft schon. Wochen erliegt sie schweren Depressionen. Doch der Bürgerkrieg übertrifft in seiner Brutalität alle Vorstellungen. Taylor ist der erste, der Kindersoldaten einsetzt und diese im Drogenrausch unbeschreibbare Gräueltaten vollbringen.

Leymah flüchtet nicht ein Mal, sie findet sich in Flüchtlingslagern, auf wackeligen Schiffen, in anderen Ländern wieder. Der Bürgerkrieg flammt immer wieder von neuem auf. In der Zwischenzeit hat sie 4 Kinder geboren. Noch keine 30 Jahre alt. Und sie muss. Muss sich aufraffen, muss etwas tun, muss kämpfen.

Eine starke, intelligente, unbeirrbare Frau. Die Kraft aus Zuspruch und Wut zieht. Aus einer Botschaft, DENEN doch nicht den Sieg zu lassen, aus einer Botschaft, das Land zu retten. Sie kommt an die Spitze der Friedensbewegung der Frauen. Erstmals in der Welt schließen sich Frauen zusammen und demonstrieren für den Frieden. In einer denkbar lebensgefährlichen Umgebung.

Und in größter Not und Verzweiflung schafft sie es, den Friedensprozess weiterzutreiben. Heute gibt es Frieden in Liberia. Sie selbst ist geprägt von ihren Erlebnissen und trägt ihre Botschaft in die Welt hinaus.

Wir erleben eine Frau, für die Bildung, Reifung und Wachstum alles ist. Die unerschrocken gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung kämpft. Die jeden Strohhalm nimmt und sich an ihm aufrichtet. Jede kleinste Chance ergreift und es schafft, breite Netzwerke aufzubauen. Ohne Telefon. Ohne Strom, ohne Alles.

Und sie geht ihren Weg. Immer konsequenter. Ein Vorbild.


In diesem Buch stehen so viele Sätze, findet man so viele schlichte Aussagen, wahre Erkenntnisse und jedenfalls mutige Menschen. Die für ihr Land, ihre Menschen und die Demokratie kämpfen. Für Gleichberechtigung und ein ordentliches Justizsystem.


In diesem Sinne - gehen Sie wählen!


"Wir sind die Macht" gleich besorgen. www.buchwelten.at

Mehr zur Friedensnobelpreisträgerin auf youtube und in wikipedia

Donnerstag, 26. September 2013

Honig. von Ian McEwan

Honig. Von Ian MEwan

Noch im Geschmack der Zeilen, in der Geschichte verweilend, im Schreibtempo gebannt erzähle ich von meiner Begegnung mit Ian McEwan. Wohl wissend, dass ich nicht die Worte finden werden, diesen Autor umfassend zu beschreiben.


Erst beginnt die Geschichte ganz langsam. Die Personen werden vorgestellt. Ich beginne mich zu langweilen. Wie immer tauchen die Fragen auf: Warum tue ich mir das an? Ich könnte das Buch längst weglegen. Was wird da schon werden? Ich vergeude meine Zeit. Es gibt so viele gute Bücher.

Jedoch. Ich lege das Buch nicht weg. Ganz im Gegenteil. Lasse es nicht mehr los. Lese lese lese.

Der Erzählstil hält sich an die Zeit, eher an den Stil der jungen Frau. Wohlhabende Familie, braves Mädchen, studiert was ihre Mutter will. Fügt sich ein. Lebt so vor sich hin. Lernt in diesem schrecklichen Cambridge dann doch noch einen Studenten kennen. Erste sexuelle Erfahrungen. Sie findets gut, er selbst ist gelangweilt. Sie meint dies zumindest. Dann verliebt sie sich in ihren Professor. Ein wunderbarer Sommr voller Verstecken und sexuell erfüllender Erlebnisse erwartet sie. Der Professor lässt sie dann kalt fallen.

Nichtsdestotrotz nimmt sie einen merkwürdigen Job beim Geheimdienst an und verschweigt das zuhause bei ihren Eltern. Und hier beginnt es. Sie zieht diese Geheimnistuerei tief in sich hinein. Und kommt nicht mehr heraus. Auch nicht, als die einzige Freundin, die sie hat, sich outet - sie bricht die Beziehung ab. Sie ist blind für die skandalösen Umstände unter denen sie arbeitet, will nur gelobt werden. Dafür tut sie alles.

Selbst als sie die große Liebe findet bleibt sie in ihrem Versteckspiel-Gefängnis hängen. Die Geschichte gewinnt an Dynamik. Die Intrigen in der M15 (Geheimdienst) werden immer deutlicher. Sie ist gehetzt. Ihr wahres Ich kann nicht mehr durchkommen. Man möchte sie anschreien. Sie verstrickt sich immer tiefer und lebt selbst mit der Gefahr ihre Beziehungen zu verlieren.

Ihr Freund, Ihr Geliebter (Ian McEwan geizt nicht mit Liebesszenen), Ihr Alles. Sie hintergeht ihn durch ihre Unfähigkeit, sich loszulösen. Zu sehr ist sie gefangen im Brave-Mädchen-Syndrom.

Als die Sache kollabiert fährt sie noch einmal zu ihm - und da liegt ein Brief.

Ian McEwan hält Überraschungen für uns bereit, führt uns in die paranoide Welt der Geheimdienste ein und zeigt uns die gehässigen Seiten des Menschseins. Und dann wendet er.


Ein Buch, wert ein zweites Mal gelesen zu werden.


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Dienstag, 24. September 2013

Norbert Gstrein. Eine Ahnung vom Anfang.


Norbert Gstrein. Eine Ahnung vom Anfang.

Ich hätte das Buch nicht gelesen. Mir sagte das Cover nicht zu und ich konnte auch mit dem Titel nichts anfangen. Er machte mich nicht neugierig. Wenn da nicht ein lieber Freund gewesen wäre, ein sehr belesener, der mir nahe gelegt hätte "Du musst ihn lesen. Wirklich." Nun, dann nahm ich ihn einmal mit heim. Er musste noch ein Zeiterl warten, aber gleich nach dem andern Buch fing ich an.

Ich habe ihn gerne gelesen. Den Roman über den Lehrer, der alles sehr ernst nimmt. Hinterfragt. Der dies auch mit seinen Schülern tut. Der mit dem Klatsch und Tratsch, den Unterstellungen, Hinzufügungen, Erfindungen seiner Dorfgesellschaft nichts anfangen kann; ja ausgeliefert ist.

Er hat da diesen Lieblingsschüler. Er selbst hätte ihn nie so bezeichnet. Die anderen meinten, dies wäre sein Lieblingsschüler gewesen. Und dieser - Daniel - besuchte ihn an dem Ort, den er wieder zurückgekauft hatte. Die alte Mühle. Alt-Familienbesitz mütterlicherseits, die irgendwann zum Verkauf da stand und er nicht mit dem Gedanken leben konnte, jemand Fremder würde sie kaufen. Sie war verfallen und nichts wert, aber er hing irgendwie an diesem einsamen Platz.

Dort besuchten ihn Daniel und sein Freund Christoph, beide Schüler von ihm. Beide gute Schüler. Ein bißchen vermurkst, philosophierend und sie blieben den ganzen Sommer am Ufer des Flusses, machten Feuer, lasen, philosophierten. Unschuldig. Aber nur für sie. Die Spechtler und Späher interpretierten da ganz andere Dinge hinein. Doch sie ließen sich in ihrem So-Sein nicht beirren.

Und an diesem Sommer hängt sich alles auf. Alte Sehnsüchte. Vorwürfe. Spekulationen. Jahre später tauchen Bombendrohungen auf und alle machen ihn - den Lehrer - verantwortlich, er hätte den Buben, vielmehr Daniel, Flausen in den Kopf gesetzt, er wüsste wo er wäre und warum er sich so entwickelt hätte.

Er sinniert und kommt nicht darüber hinweg. Immer wieder auch die alte Frage wie beim Selbstmord seines Bruders. "War die Literatur, die er auswählte ausschlaggebend für die verwirrten Gedanken?" War er Schuld? Die Leute stoßen ihn mit der Nase auf die Sache aber er verbleibt in seinem Schneckenhaus.

Die Vermutungen steigern sich und lösen sich nicht auf. Nie. Vielleicht beruhigen sie sich als jemand anderer mit Bombe erwischt wird. Auch er selbst traut all dies Daniel zu. Ohne es auszusprechen. Und seine Vermutungen werden von andern in Worten bestätigt, ein Geständnis von ihm erwartet.

Er ist einer, der grübelt und jede Bewegung, Nicht-Bewegung, Andeutung, jedes Wort von anderen auf sich projiziert, darüber in tiefe Gedanken versinkt und doch vieles erkennt. Er will nicht zu nahe treten. Niemanden. Daniel wäre ihm nahe gewesen. Doch der ist weg. Er wüsste gerne wo und wie es ihm erginge.

Die junge Frau von damals, heute ist sie seine Lehrerkollegin, sagt einmal "Du nimmst alles viel zu ernst. ... Vielleicht kannst du irgendwann einsehen, dass es Dinge gibt, für die du nicht verantwortlich bist und die vielleicht nicht einmal etwas mit dir zu tun haben."

Und am Ende - das ist dann wahrscheinlich die Ahnung vom Anfang - da baut er eine Beziehung auf. Zu einem Kind. Und es ist gut.


Norbert Gstrein führt uns in die Innenwelt eines Mannes, der den Selbstmord seines Bruders nie verwunden hat. Das ist auch für alle in seiner sozialen Umgebung sichtbar. Er selbst schaut aber nicht dort hin. Deshalb wird ihm dann auch die intensive Beziehung zu seinen Schülern falsch ausgelegt. Oder vielleicht doch nicht. Etwa sucht er Ersatz. Und er führt uns zur Möglichkeit der Heilung und eines Neubeginns.

Dazwischen ist die Geschichte von Daniel eingewoben, einem Buben, der ohne Vater aufgewachsen ist, hochintelligent, ausgesprochen gebildet und in einen katholischen Erlösungswahn hineingetrieben (selbst oder fremd. wer weiß schon). Und diesem traut das Dorf alles zu. Nur wenige spielen in der allgemeinen Entrüstung nicht mit. Ein Abbild von Enge und Zuschreibungen.


Ein stilles Buch. Oft ist nicht klar, wohin sich die Wendungen drehen werden. Aber das ist im Leben öfter auch so. Ein unglücklicher Mensch im Zentrum, der in der provinziellen Enge nicht eingeschätzt werden kann. Und somit eine Zielscheibe wird. Wie er damit umgeht und was dabei möglich ist ist hier still und leise erzählt.



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Samstag, 21. September 2013

Zaira. Ein Leben im 20. Jahrhundert


Abseits des Neuerscheinungsgetöses, wie der von mir sehr geschätzte Heinz Sichrovsky in seiner grandiosen Sendung "Erlesen" in ORFIII zitiert. Also, abseites des Neuerscheinungsgetöses ist mir "Zaira" in die Hände gefallen. Mehr oder weniger tatsächlich.

Der Roman ist 2008 im C. H. Beck Verlag erschienen. Das ist nun doch schon ein Weilchen her.

Herr Florescu, der Autor, ist bis jetzt auch in mir vorbeigegangen. Was sehr schade ist, denn er schreibt wie ein Märchenerzähler. Er hat eine blumige und ausschweifend-erzählerische Sprache; ein Autor aus dem Osten, genauer: Rumänien.

Und von dort erzählt der Roman auch. Zaira, adeliges Kind in fruchtbarer Gegend wächst mehr oder weniger sorglos auf (wenn man davon absieht, dass ihre Mutter wichtigeres zu tun hat, als am Land zu versauern und ihr Kind aufzuziehen).

Zaira wird in ene Zeit hineingeboren, als gesellschaftliche und soziale Grenzen klar und unüberwindbar sind. Der Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihr geliebter Cousin, den sie "meine vierte Mutter" nennt, ist Herrschaftsbesitzer von riesigen Landflächen, die Bauern sind Leibeigene. Sie überstehen die Kriege, die Deutschen, die Wirren. Was sie nicht überstehen ist die kommunistische Revolution und der Hass der Meute.

Die Familie zerschlägt sich, sie müssen sich verarmt und verfolgt durchschlagen. Denn der Hass des ehemaligen Bauernbuben, jetzt hoher kommunistischer Genosse, verfolgt sie. Und wir werden sehen: bis an ihr Lebensende.


Zaira leidet unsäglich am Verlust ihres gewohnten Lebens, am Tod ihres Zizi und kommt nicht darüber hinweg. Wieder mit ihrer Mutter zusammen, in Armut in Bukarest, heiratet sie, weil sie sich verpflichtet fühlt (Versprechen müssen eingehalten werden!) und lässt sich später aber wieder scheiden. An das kommunistische System, an die Unterwerfung, an das verlangte Buckeln kann und will sie sich nie anpassen. Sie schlägt sich durch. Findet ihre große Liebe, und doch, aber auch weil. Umstände und Lebenszeit, Vergangenheit und politische Situation. Das alles passt nicht, lässt sich nicht vereinbaren. Stolz, Hochmut, Verzweiflung, alte Traumata. Ein versöhnliches Miteinander wird nicht möglich.

Die Tochter - katalanisch schweigsam und stur wie ihre Urgroßmutter macht Zaira das Leben schwer. Ein trotzig-schweigsames Leben. Dann heiratet sie doch. Einen kleinen Maler, der Biologe ist. Die merkwürdigsten Lebensverwirrungen sind im Kommunismus nicht verwunderlich. Sie flüchten über Prag nach Amerika. Dem Land der Freiheit. Zaira, todunglücklich, findet sich nach Jahren ein und schafft ein erfolgreiches Leben. Bis auch das zerbricht. Schockartig.

Und dann geht sie heim. Mit aller Angst, Feigheit, Sorge. Und Schmerz. Was wird er sagen?



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Nebenbei spielt sich die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts ab. Was die Kriege angerichtet haben. 1. und 2. Weltkrieg. Die Zerschlagung Österreich-Ungarns spielt in die Familie hinein. Der Offizier, Zairas Vater der König und Vaterland verteidigt und am Ende als Adeliger NICHTS ist. Wir erleben die Zerstörung Rumäniens mit, den Prager Frühling und das Amerika der 50er und 60er Jahre.

Weltgeschichte. anhand Zairas Leben. sie hätte es so nicht gewollt.

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Catalin Dorian Florescu, 1967 geboren in Timisoara, Rumänien, ist ein brillanter Erzähler. Er ist es wert, ihn kennenzulernen.


hier erhältlich: www.buchwelten.at