Samstag, 27. April 2013

Josef Winkler. Mutter und der Bleistift.



Der von mir sehr verehrte Josef Winkler bringt nun sein Requiem an seine Mutter heraus. Nach Roppongi, Requiem für einen Vater, das ich verschlungen habe, wieder ein Meisterwerk.

Josef Winkler kann diese österreichische Dorffamilie mit ihren unaufgearbeiteten Geistern, ihrer patriarchalen Strenge, ihrer katholisch-strafenden Grundhaltung in so präzisen Worten malen, dass man sich dieser Wahrheit nicht entziehen kann.

Für alle Landkinder!


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Montag, 22. April 2013

Und dann kam Paulette.

 


Und dann kam Paulette.

Ein schöner, stiller Roman über verschiedene Charaktere in Frankreich, die im Alter sukzessive, nacheinander, sorgfältlig versuchen, nicht allen sondern gemeinsam zu leben.

Ferdinand, dessen Frau vor längerer Zeit gestorben ist, aber was ihn noch mehr belastet sein Sohn mit den Enkelkindern erst kürzlich ausgezogen ist, nimmt sich seiner Nachbarin an. Einer entzückenden Person, die offenbar unter schreiender Armut leidet. Bei einem Gewitter werden gravierende Mändel im Dach sichtbar und als das Wasser schon knöchelhoch im Raums steht akzeptiert sie seine Einladung, ein paar Nächte (bis zur Reparatur des Daches) in seinem großen Haus ein Zimmer zu nehmen.

Und so ergibt eine Person die andere. Ferdinand lernt seinen Einladungstext. Die Freunde nehmen zögerlich aber doch an.

Im großen Haus von Ferdinand, einem alten Bauernhaus gestaltet sich so eine Alten-WG, die in weiterer Folge ganz junge Menschen aufnimmt. Hier ist generationenübergreifendes Zusammenleben möglich.

Ein schöner, romantischer, lieblicher Roman. Einmal ausruhen bitte.


... der einzige Wehrmutstropfen ist die oft flapsige Übersetzung einer derben deutschen Sprache die nicht zum Stil der Charaktere passt. Ich habs durchgehalten, wenn auch manchmal unter Schmerzen.


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Dienstag, 16. April 2013

Alles dreht sich.



Alles dreht sich.

Linda sitzt gerade im Hof des Krankenhauses. Ihre Mutter ist noch drinnen. Die schafft es nicht so mit der Diagnose: Gehirntumor. Linda hat einen Gehirntumor. Da setzt sich ein unscheinbarer Junge zu ihr. Max. Wie viele Tage hast du noch? Weiß ich nicht. Wir machen eine Liste.

Die Liste. Systematisch. Was will ich noch getan haben, bevor ich gestorben bin.

Die Liste. Max. Max ist verhaltensgestört. Deshalb musste er auch Linda kennenlernen. Seine Therapeutin hatte ihm das aufgetragen. Max kennt sich mit dem Typ Mensch schon gut aus. Beide färben dann ihre Haare. Sie haben nichts zu verlieren.

Max und Linda arbeiten diese Liste ab. Am Ende macht sogar Pia mit. Pia ist Lindas beste Freundin. Und sehr eifersüchtig auf Max. Ihre beste Freundin hat einen Gehirntumor! Was soll das?! Die drei beschließen dann, etwas gegen die Gleichgültigkeit der Menschen zu tun. Sie wollen aufrütteln. Wollen den Leuten zeigen, wie es Kindern anderswo auf der Welt geht. Sie agieren anarchistisch, bekleben Wände mit Botschaften. Sie wollen zeigen, dass an den T-Shirts Kinderarbeit klebt.


Max, Linda und Pia kommen aus verschiedenen Verhältnissen. Jeder von ihnen hat mit seinem Umfeld zu kämpfen. Wobei Linda sich auch um ihre Mutter sorgt, immerhin hat ihre Tochter einen Tumor.

Der ganze Roman spielt in der Zeit zwischen Diagnose und Erstbehandlung.

Wie geht man mit einer Diagnose "Hirntumor" um? Wie, wenn man gerade mitten in der Pubertät steckt.


Rosemarie Eichinger liefert einen schnellen, bunten, kraftvollen Jugendroman, der genau so zu lesen ist. Man ist vom ersten Satz an in der Geschichte und bleibt auch dabei. Lebe dein Leben!


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Sonntag, 14. April 2013

Der Schrecken verliert sich vor Ort. Monika Held


Der Schrecken verliert sich vor Ort.

Auschwitz. Auschwitz ist so groß. Kann die Liebe das aushalten?

Heiner ist Auschwitz Überlebender. Linda lernt ihn während der Nürnburger Prozesse kennen. Als sie einen bleichen Mann im Gang zusammengehen sieht. Sie sieht, wie er, an die Wand gelehnt, abrutscht. Sie geht zum ihm hin. "Servus" sagt er, mit einem Lächeln und leichter Ironie in der Stimme. In dieses "Servus" verliebt sie sich.

Zu einer Zeit, wo es noch keine Zeugenschutzprogramme, separate Aussagen oder dergleichen gibt, setzt sich Heiner der öffentlichen Zeugenaussage vor Gericht aus. Inklusive hämischer Meldungen der Nazi-Mörder. Inklusive brutaler Verhöre seitens deren Verteidigern.

Doch Heiner hat Auschwitz überlebt, um Zeuge zu sein. Um der Welt erzählen zu können, was da möglich war. Und er erzählt seine Geschichte immer, überall, ständig. Mit dieser Wucht an Bruatlität, Verbrechen an der Menschlichkeit, mit dieser Walze an Unfassbarem überfordert er seine Mitmenschen. Wer hält schon aus, bei jedem Begriff eine Verbindung zu einer Tötungsmethode serviert zu bekommen.

Linda. Linda und Heiner lieben sich. Lindas Freundinnen sind skeptisch. Was kann der Grund sein, dass eine junge Frau sich so einen Mann antut? Mitleid? Was soll eine so junge attraktive, erfolgreiche, kluge Frau mit einem Mann, der arbeitsunfähig ist?

Es ist Liebe. Heiner liebt Linda und Linda liebt Heiner. Trozdem und auch deshalb. Kann man den ganzen Menschen lieben? Auch diese Seiten?


Llinda lernt viel über Auschwitz, über den Lageralltag, über den Nummernadel in Auschwitz. Dass man nicht in Wochen, Monaten oder Jahren beschreibt; sondern in Tagen, wie lange man Auschwitz überlebt hat.

Heiner war ein junger Sozialist, im Widerstand in Wien. Nach Sonderbehandlungen durch die Gestapo wird der noch nicht 20jährige mit dem Vermerk RU (Rückkehr unerwünscht, er weiß aber zu dem Zeitpunkt noch nicht, was dieses Kürzel bedeutet) nach Auschwitz deportiert. Von seinem Transport 1860 Personen überleben 4 Leute.

Diese treffen sich im späteren Leben. Sie lachen viel, essen immer (was du im Magen hast, kann dir keiner mehr nehmen). Sie erzählen Linda ihre Geschichten. Linda. Wie kann sie das aushalten? Es wird viel gelacht und gescherzt. Eine eigenwillige Truppe. Leben. Das wollen sie. Und jeder hat seine eigene Überlebensstrategie nach Auschwitz gefunden.

Eine lange Ehe. Ein großes Zutrauen. Viel Verständnis und Platz füreinander.

Lena, die Danzigerin, die in der Schweiz aufwachsen musste, weil ihr Vater "zwar Deutscher aber kein Nazi" war. Lena, die es geschafft hatte, polnisch-Unterricht zu bekommen, damit sie die Sprache ihrer geliebten Kinderfrau Olga sprechen konnte. Diese Lena wird nie Teil der Auschwitz-Freunde sein. Weil sie nicht in Auschwitz war. Und das ist gut so.

Auch wenn sie manchmal eifersüchtig auf die besonders liebevolle Beziehung der Überlebenden ist. Da ist eine Kraft, eine Energie, die diese Menschen verbindet, die größer ist. Es ist die Verbindung von Unsterblichen.

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Monika Held begleitet uns durch das Lager, durch die Zeit, sie stellt uns Menschen im Widerstand vor. Auch später, Solidarnosc, auch die lernen wir kennen.

Wie begleitet uns - uns an der Hand haltend - durch diese Ereignisse, die es nicht geben kann, darf und die doch geschehen sind. So ist es möglich. Geschützt durch diese Geschichte. Das Grauen, die Kälte, die Angst.

Und Heiner, der Kommunist, im Widerstand. Immer auf der Seite der Freiheit für den Menschen. Heiner spricht an seinem neuen Wohnort. Eingeladen vom Pfarrer. Zu Weihnachten. Und sein letzter Satz ist: "Ob wir Engel oder Teufel sind, bestimmen wir selber. Und nun wollen wir das Essen genießen, das auf uns wartet. Frohes Fest."

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Mit einem Nachwort von Margarete Mitscherlich.
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Ich kann mich nicht erinnern, einen Roman dieser Art gelesen zu haben. (Vielleicht in Ansätzen die "Atemschaukel" von Herta Müller) Der Unterschied zwischen der Atemschaukel und "Der Schrecken verliert sich vor Ort" ist das Leben. Nach dem Straflager der Russen kann der junge Mann von Herta Müller kein Leben mehr führen. In der Atemschaukel erleben wir die Zeit im Lager, hier erleben wir das Leben danach. Heiner, der Auschwitzüberlebende führt ein Leben in einer liebevollen Ehe. Er ist nicht mehr Opfer. Er hat es geschafft.


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Sonntag, 7. April 2013

Reise nach Kalino. Von Radek Knapp

Reise nach Kalino. Von Radek Knapp

Wer würde nicht gerne ein perfektes Leben in dienm perfekten Körper im perfekten Alter haben? Sicher fast alle. Dies ist in Kalino Wirklichkeit geworden.

Durch eine besonders hoch entwickelte Technologie kann man sich durch chemische Prozesse in der ewigen Jugend erhalten. Ein sorgenfreies Leben garantiert.


Was Detektiv Werkazy in Kalino erlebt bringt ihn aus dem Staunen nicht heraus. Er, mittelloser Detektiv, wird von Osmos, dem Gründer, angerufen. Man kennt schon die Gerüchte um Kalino, das völlig abgeschottet ist. Aber jetzt, wo er eingeladen ist und diese Realität selbst erlebt.

Lauter wunderschöne Menschen, durchtrainierte Körper, perfekte Technologie. Alles passt.

Diese Menschen kennen keine Schmerzen, keine Krankheiten, keinen Tod. Jeder Tag ist Glück. Sie haben ihre Glücklichmachgeräte, Handyändliche Dinger, die Serotonin ausschütten. Doch dazu erst später. Werkazy muss zuerst einen Mord aufklären. In einer Welt, wo es kein Böse gibt.


Dieser Roman fließt. Radek Knapp beschreibt Werkazy, diese Welt, die Personen in einem so leichten Plauderton, die Geschichte tänzelt. Trotz der Recherchearbeit und dem skurill anmutenden Umständen in Kalino bleibt ein Kern, der gut getroffen ist. Die einen manipulieren, die anderen sind manipuliert.


Am Ende siegt das Gute. Aber bis dahin ist ein Weg.



Ich habe diesen Roman in einem Fluss gelesen. Immer auch Radek Knapp vor meinem inneren Auge, der ein wunderbarer Erzähler und Vorleser ist. Danke für den Leseabend im Literaturhaus Mattersburg!


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Montag, 1. April 2013

Fräulein Jacobs funktioniert nicht



Fräulein Jacobs funktioniert nicht. Von Louise Jacobs.

Zuerst einmal ist mir dieses Cover beim Zeitunglesen in die Augen gestochen und ich dachte mir, in dieses Buch muss ich rein schauen, das klingt so interessant. Und dann, beim Reden und Vorstellen mit lieben Leuten ist es mir im Laufe des Tages ganz von allein in die Hände gefallen. Das war am Samstag vor Ostern.

Neben einem Stapel anderer Bücher, die unbedingt übers verlängerte Wochenende mitmussten.

Und dann habe ich angefangen. Fräulein Jacobs, ein Kind der Jacobs Kaffee Dynastie funktioniert nicht. Sie passt nicht in die Welt und zwar ab dem Zeitpunkt der Einschulung. Fräulein Jacobs kann nicht rechnen und nicht schreiben. Sie ist zu langsam, versteht nicht. Und sie wird gefördert. Da Fördern Zeit in Anspruch nimmt, wird Zeit von nicht so wichtigen Beschäftigungen weggenommen. Diese sind: Zeichnen, Spielen, Wandern gehen.

Fräulein Jacobs wächst in einer liebevollen, besorgten Familie auf. Da kann man gar nichts sagen, Aber sie passt nicht. Nicht in die Umgebung. Nicht in die Vorstellungen. Bis sie sich selbst nicht mehr passt. Ihr passt dann nichts mehr.

Denn sie will perfekt sein, sie will ein braves Mädchen sein, dass die Schule schafft, dass Leistung erbringt, das Zukunftspläne hat. In Wirklichkeit funktioniert das alles nicht bei ihr. Sie funktioniert also nicht. Und sie richtet sich gegen sich selbst. Eine übertherapierte junge Frau will sich selbst wegschaffen. Sie isst nicht mehr.

Ihre Eltern helfen ihr, sind verständnisvoll, wollen, dass sie in dieser Welt besteht. Sie will nichts mehr. Oder doch. Sie will in und mit der Natur sein. Möglichst einsam. Sie hat mittlerweile nicht nur mathematisch-logische, legasthenische, sondern auch soziale Probleme.

Die Geschichte: Ein junger Mensch sucht sich selbst.

 Was passiert in einer Gesellschaft, in der Schul- und Studienabschlüsse alles sind, mit einem Menschen, der in Bildern denkt? Mit einem Menschen, der ständig analysiert wird, korrigiert wird, gefördert wird, angepasst wird?

Wie umgehen mit so jemanden? Wie geht so jemand mit sich selbst um?

Louise Jacobs hat ein wunderbares Schreibtalent entwickelt. Ganz im Stillen, ganz privat. Sie gibt mit ihrer Lebenserzählung einerseits ein Bild unserer Gesellschaft ab, an dem viele zerbrechen und sie tut dies mit einer großen Reflexion. In detaillierten Bildern beschreibt sie ihre Dysfunktionalität, die nur in der Leistungsgesellschaft mangelhaft ist, sie zeigt uns, wie ein junger Mensch an sich selbst verzweifeln und auch wachsen kann. Wie schwierig es auch ist, sich gegen ein liebevolles und verständnisvolles Umfeld durchzusetzen.

Was tun mit jemandem, der Cowboy werden will?

Diese Geschichte kann ich all denen empfehlen, die auch schon einmal in irgendein Schema nicht hineingepasst haben. Und all jenen, die in einer Unpassendheit aktuell gefangen sind.


wunderschön geschrieben, ich habe sie gerne begleitet.


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