Mittwoch, 27. März 2013

Das Phantom des Alexander Wolf



Das Phantom des Alexander Wolf. Gaito Gasdanow.
 
Hier passt alles. Das laufende weiße Pferd. Der Titel. Alles macht neugierig. 
 
Ich kannte Gaito Gasdanow nicht. Ich habe das Buch so wie die meisten einfach aufgeschlagen und mich auf eine Geschichte eingelassen. Anfangs war ich über die Sprache verwundert. Ständig ging mir "Das Bildnis des Dorian Gray" im Kopf herum. Er spukte und spukte und spukte und nahm mir oft den Lesefluss. 
 
Jetzt weiß ich auch warum. Die beiden Autoren sind  Generationskollegen.

Doch zur Geschichte. Schon der Beginn erzählt über eine prägende Situation eines jungen Menschen. Der Augenblick, als er meinte, einen Mord begangen zu haben. Dieser Moment brennt sich in ihn ein. Noch Jahre später sieht er das Bild des Sterbenden vor sich.

Im Exil in Paris fällt ihm (einem Russlandflüchtling) ein Buch in die Hände. Eine Geschichte, die der Autor "Alexander Wolf" nicht erfunden haben kann. Es ist die Geschichte des Mordes, den er begangen hat. Wenn aber diese Geschichte aufgeschrieben werden konnte, dann nur vom Ermordeten. Er macht sich auf die Suche nach dem Autor. Doch dieser ist nicht fassbar. 

Er lernt verschiedene Menschen kennen, doch Wolf nicht. 

Die Erzählform ist die der Wiedererzählung persönlicher Eindrücke. Präzise, grundlegend, psychologisierend, plaudernd. 

Wir erleben einen jungen Mann, der sich in eine Frau verliebt, diese in ihn und der im ständigen Hinterfragen seiner Selbst hängen bleibt. 


Warum ich dabeigeblieben bin: Ich konnte mich nicht entziehen. Mich hat diese Erzählform, dieses Langsame durcheinandergewirbelt. Erstmals auf Deutsch erschienen, das Werk aus dem Jahr 1947. 


In der Nacherzählung findet man Informationen zum russischen Autor Gaito Gasdanow. Er gehört einer lost generation an. Als junger Mann im russischen Bürgerkrieg traumatisiert flüchtet er wie viele seiner Landsmänner nach Paris. Dann der zweite Weltkrieg, der diese Menschen wieder ins Nichts stürzt. 

Gasdanow erzählt eine ganz private, persönliche Geschichte, ohne offensichtlicher Erkennbarkeit der politischen Umstände. Ein universeller Roman. Literatur eben.





Donnerstag, 14. März 2013

Bär im Boot. Kinderbuch.

Bär im Boot.

Ich kenne niemanden, mich eingeschlossen, der Zahnarztbesuche mag. Doch irgendwann ist die Stunde X gekommen und man muss.

Zur Erleichterung der Warte- und Angstzeit muss etwas in die Handtasche. Zum Beispiel. Bär im Boot.

Bär im Boot habe ich während der Wartezeit auf meinen Aufruf beim Zahnarzt (in meinem Fall eine Zahnärztin und eine aufrufende Frau ganz in Weiß) gelesen. Dies wäre ein Grund öfter zum Zahnarzt zu gehen, weil nämlich: Bär im Boot streichelt die Seele.

Bär im Boot, das ist wie träumen und auch nicht. und verwundert sein. und glauben es sei ein Kinderbuch. was es auch ist. Aber für alle Kinder. Für die großen und die kleinen. Für dich und mich.

Ein Junge steigt in ein Boot, das von einem Bär gelenkt wird. Er will auf die andere Seite.

Ja und dann, dann gibt es Komplikationen und Strömungen und den Mond und die Sonne, die Wellen, die Teejause, aber die andere Seite, ...

Ich habe Teile daraus gleich meiner Familie vorgelesen, weil ganze Teile müssten auswendig gelernt und zitiert werden, weil so viel Leben und Wahrheit und Witz und Angst, Verwunderung und "worumgehtshiereigentlich?" und ganz viel Tiefe drinnen ist.

Für alle Kinder ab 9 Jahren
(also auch ab 19 und 29 und 39 un 49 und 59 und 69 und 79 und 89 und 99 und so weiter)

Erscheint am 15.3.2013
Hier gehts zum Buch: www.buchwelten.at

Sonntag, 10. März 2013

Das Leuchten in der Ferne

 

Das Leuchten in der Ferne. 

Linus Reichlin beschreibt einen "ausgegliederten" Journalisten in Berlin. Er findet sich auch dem Arbeitsamt wieder. Das kann er aber niemandem sagen, ist er doch ein erfolgreicher Kriegsberichterstatter. Er schon viel gesehen. Zu viel vielleicht. Manche Bilder haben sich eingebrannt. In seinen Kopf. Bildder, die immer wieder kommen. 

Am Arbeitsamt lässt er einer Frau mit Kleinkind den Vortritt. Ihm ist egal, ob er noch Stunden hier sitzt. Diese bedankt sich mit einer Einladung zu einem Abendessen. Das kann er gut brauchen, ist er doch pleite wie nur.

Diese Frau ködert ihn. Mit einer Geschichte. Ob er denn 10.000 Euro aufstellen könne. Sie kenne eine Frau, die sich als Taliban ausgibt, sie sei eine Bacha Posh, diese wolle weg, denn ihr Entdecken wäre ihr Todesurteil. 

Martens, so heißt unser Journalist, fragt nach, die Frau kennt sich aus. Er war schon in diesen Gegenden, kennt die Situation, ja die Frau weiß wovon sie spricht, sie erwähnt auch einen großen, gefährlichen Taliban-Führer in dessen Gruppe die Bacha Posh lebt.

Martens hat noch Kontakte, ruft einen alten Freund, jetzt Chefredakteur einer großen Zeitung an, ja sie bekommen das Geld. Er soll aber die Berichterstattung machen.

Und Martens macht sich wieder auf. Nach Afghanistan.


Was wir dann erleben, ist ein Mann, der Angst vor der Langeweile des Alltags hat, der auch schon viele in den Kriegsgebieten helfende, freiwillig rekrutierte beobachtet hat - auch sie haben Angst vor der Banalität des Alltags. Dann schon lieber die staubige Luft auf den Lippen und jeden Tag leben. Im Wissen, es könnte sich bis morgen nicht mehr ausgehen. Martens ist einer von ihnen.

Miriam aber, die Frau, goutiert das nicht. Sie sagt, er sei nie erwachsen geworden. Sie könne sich nichts schöneres vorstellen, als genau diesen sicheren Alltag. Das Bild: Sonntagsspaziergang am See.

Martens muss dann erfahren, dass Miriam nicht die Bacha Posh retten will, sondern ihren früheren Mann. Einen Sonderungustl. Aber sie fühlt sich verpflichtet. Ihr Vater, selber Afghane musst in Heimaterde begraben werden und ihr früherer Mann übernahm diesen Dienst. Dort fassten ihn die Taliban. Vielmehr der Stiefbruder Miriams, der der gefürchtete Taliban-Führer ist.


Und Martens. Martens nimmt dies alles stoisch hin. Dass er schon sehr früh weiß, dass Miriam keine Fotografin ist (sie hat keinen Fotoapparat), dass die Geschichte vorne und hinten stinkt. Aber er hat ohnehin nichts anderes vor. Und bietet sich schließlich als Geisel an.

Drei Monate ist er Geisel der Taliban, sie gehen und gehen und gehen durch die steinigen Gebirge. Er bekommt nichts. Kein Gespräch, auch die Bacha Posh verweigert jede Kommunikation. Sie leiden an Hunger, Kälte, Verwahrlosung und Sinnlosigkeit. Viele werden krank.

Am Ende des Tages wird der Betrag an die Taliban bezahlt und Martens kommt frei. Jedoch für immer verändert.


Was uns Linus Reichlin hier bietet ist eine Darstellung einer Weltgegend, die uns mehr als fremd ist. Und diese Fremdartigkeit beschreibt er auch durch Martens. Der leidet an dieser strengen muslimischen Einstellung. Er erzählt. Überall auf der Welt habe er mit den Rebellenführern getrunken. Und hier gibt es nur diesen überzuckerten Tee.

Ich könnte gar nicht so genau sagen, warum ich in der Geschichte geblieben bin. Ich war neugierig, diese Geschichte weiter zu verfolgen. Die permanente Gefahr durch die Amerikaner, die Deutschen, die Angst der Dorfbewohner vor den Taliban. Diese jungen Burschen, die Hoffnung im gutbezahlten Job als Taliban begründen, weg von der schweren Feldarbeit zu kommen. 

Martens verliert in diesen drei Monaten die Erinnerung an seine liebsten Gedichte, er verändert sich, versteht die Taubheit der Gruppe. 

Vorsicht ist geboten: solche Erfahrungen lassen einen nicht mehr los. Und er hat die Angst, dass sie doch verschwinden. Was bleibt ihm? Am Ende ist auch die Frau weg, für die er alles getan hat, und zwar in ihm. Er kann nicht mehr anschließen. Auch nicht mehr an diese Überflussgesellschaft, die ohne Genuss die Mengen ist, wo er monatelang gehungert hat. 

Er solle sich Zeit nehmen für die große Reportage über seine Entführung und Monate in den Händen der Taliban. In den afghanischen Bergen. Ihm fällt nur eine Metapher ein. 

Aber lesen Sie selbst!













Donnerstag, 7. März 2013

Hier könnte ich zur Welt kommen.

An einem Morgen legt eine gehetzte junge Frau ein Bündel Mensch vor einer Tür ab.

So beginnt die Geschichte von Shannon. Sie ist das Bündel Mensch. Und von Vaughn, er sieht die junge Frau, die das Neugeborene ablegt, ihm noch einen Kuss gibt, und dann verschwindet.

Ich habe das Buch gesehen, sofort zur Hand genommen und konnte es nicht mehr loslassen. "Hier könnte ich zur Welt kommen", auf dem Bild eine schwebende schlafende Frau.

Das Buch spielt auf zwei Ebenen. Shannons Welt, die Ich-Erzählerin, in ihrem Hier und Jetzt. Und die Welt ihrer Mutter, die sie aus ihrer Sicht beschreibt. Die Kapitel wechseln.

Eine Geschichte der Verwicklungen, des Schicksals, der Aussichtslosigkeit, der Besonderheiten; von Entwicklung und Reifen, von Ungerechtigkeit, aber vor allem: vom Annehmen.


Marjorie Celona bringt hier in ihrem ersten Roman eine faszinierende Geschichte, die eine schlimme Realität in einer trockenen Erzählform bringt, aber flüssig und fesselnd geschrieben; ganz einfache Alltagssituationen bringen uns die handelnden Personen näher, lassen uns Shannon verstehen; ihre verschiedenen Zieheltern (wo man sich schon fragt, wie kannn das sein, wie kann man so etwas einem Kind antun?), dann ihre endgültige Ziehmutter, die ein Glück ist. Shannon ein Glückskind.

Ihre Suche nach Ihrer Identität, wer bleibt davor verschont?

Sie findet ihre Eltern. Und was bedeutet das, wenn man 17 ist?

In diesem Roman relativiert die Autorin die Grenzen von Gut und Schlecht, Verwahrlosung und Schuld, Hoffnung und Unmöglichkeit.

Eine wunderbare Geschichte. Berührend. Ja, und man kann daraus lernen. Das Leben zu nehmen. Wie es kommt. Shannon hat dann am Ende ganz viel verstanden.


GROSSARTIG! Ich konnte nicht mehr aufhören, bin einfach reingetaucht, mit Shannon mitgegangen.


Hier gehts zum Buch: www.buchwelten.at

Mittwoch, 6. März 2013

Ein Elefant für die Prinzessin. Kinderbuch.



Sonst lese ich Kinderbücher ja nicht ganz durch. Aber dieses hat mich neugierig gemacht, weil diese kleine Prinzessin auf dem Elefanten steht und ihn reinigt. Mit einem ganz ernsten Gesichtsausdruck.

Die kleine Prinzessin hat ein glückliches Leben in einem großen Schloss, mit einem König als Vater, der leider sehr beschäftigt ist, da er immer regieren muss. Doch abends hat er Zeit für seine Prinzessin, liest vor und spielt mit ihr.

Doch das ist dann doch zu wenig und die kleine Prinzessin wünscht sich einen Hund. Dieser Wunsch wird nicht erfüllt und zu diesem Unglück kommt noch eine Heiratsschwindlerin dazu, die ihren Vater ganz für sich in Anspruch nimmt und deren Ziel es ist, die kleine Prinzessin möglichst rasch loszuwerden.

Als dann eines Tages fremdländische Boten eine große Kiste bringen, in der sich ein ausgewachsener Elefant befindet, mit einem Begleitschreiben, das niemand lesen kann, beginnt sich die Geschichte zu wenden.

Die kleine Prinzessin erzieht diesen Elefanten wie einen Hund und dieser ist tatsächlich sehr gelehrig. Sie lernt auch, wie man der ungeliebten Schwiegermutter in spe das Leben mittels Elefant möglichst schwer machen kann.

Als der König nach langer Zeit endlich diesen mysteriösen Begleitbrief übersetzt bekommt und bereits von der ungeteilten Aufmerksamkeit seiner Verlobten mehr als genug hat, löst sich alles in Wohlgefallen auf.

Der Sultan möchte gerne die Schönste seines Landes ehelichen und sendet als Hochzeitsgeschenk einen Elefanten. Dieses Angebot gefällt der eitlen Baronesse sehr und sie zieht fröhlich ins Land des Sultans, in dem sie Milch und Honig erwarten. Der König und seine kleine Prinzessin bleiben glücklich und erleichtert zurück.


Eine nette Geschichte aus der Sicht eines kleinen Mädchens geschrieben, das ihre Bedürfnisse artikuliert und ihren geliebten Vater nicht verlieren möchte. Von schönen Bleistiftzeichnungen begleitet. Lesealter: ab 8


Hier gleich besorgen: www.buchwelten.at

Hannahs Briefe


Hannahs Briefe.

Angefangen hat es mit einer Leseprobe in die ich hineingefallen bin - und die nach dem ersten Kapitel endete!!! Katastrophe. Warten auf die vollständige Ausgabe. Wie schwer!

Dann endlich. Weiterlesen können.

Hannahs Briefe.

Der unscheinbare Max ist Schuhmacher in Rio de Janeiro. Wir schreiben die 1930er Jahre. Er will seine ruhiges Leben haben. Einfach ein Leben haben. Und er legt auch alles darauf an, in Ruhe gelassen zu werden. Bis er von der Militärdiktatur Brasiliens gezwungen wird, die in Jiddisch verfassten (ach ja, er ist geflücheter polnischer Jude) Briefe ins Portugiesische zu übersetzen. Zensur.

Er ist zerrissen, ob er das denn dürfe. In die Leben seiner Gemeinschaft reinzuschnüffeln, doch was sollte er. Und dann lernt er Hannah kennen. Vielmehr ihre Korrespondenz. Er verliebt sich Hals über Kopf in die unbekannte Schreiberin, sucht sie in der Stadt. Findet sich an keinem der Plätze, die sie in ihren Briefen an ihre Schwester in Argentinien schreibt.

Und eines Tages, als er zurück in seine Werkstatt kommt, sind dort Schuhe zur Reparatur abgegeben. Die Unterschrift: Hannah.

Der Roman ist so packend geschrieben, sein Ausgeliefertsein, seine bedingungslose Verliebtheit in Hannah (und Hannah ist nicht die Hannah, die er aus den Briefen kennt, aber das bemerkt er nicht oder erst später ...), die Umstände der Zeit, seine eigene Geschichte. Das Durcheinander der Welt zu Beginn des vorigen Jahrhunderts - all dies vermischt und verwebt sich in diesem Roman.

Wunderbar geschrieben.

Diese gänzlich andere Sichtweise auf die Entwicklung Europas in den 1900er bis 1940er Jahren. Nämlich aus der Sicht von polnisch-jüdischen Auswanderern nach Südamerika. Ja, und das Thema des Mädchenhandels, der Zwangsprostitution, in die die Geschichte eingebettet ist.

Doch vordergründig bleibt die Liebesgeschichte von Max. Überhaupt er und seine Geschichte.


Ronaldo Wrobel, brasilianischer Autor ist ein großartiger Erzähler. Man möchte nicht aufhören, ihm zuzuhören. Er schreibt spannend und ruhig, mit viel Humor und breitet das Leben in Rio de Janeiro der 1930er Jahre vor uns aus.

Und am Ende. Da bricht er in der Erzählform. Aber wie, das will ich nicht vorwegnehmen.

Eine Entdeckung!



Hier gleich besorgen: www.buchwelten.at