Mittwoch, 25. Dezember 2013

SPIELEN

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Spielen. Von Karl OveKnausgard.

Die ist der dritte eines sechsbändigen, autobiographischen Werkes, das weltweit für Aufsehen sorgt.

Karl Ove Knausgards Romane sind in über 30 Sprachen übersetzt, er ist DER norwegische Autor seiner Generation. Jahrgang 1968. Erzählt er über das Leben. Sein Leben. Das Leben seiner Generation.

Sterben war der erste Teil, der mich sofort in seinen Bann gezogen hat. Die Aufarbeitung seiner Vater-Geschichte. Lieben. Hier erzählt er von der Kunst ein gemeinsames Leben zu führen. Kinder aufzuziehen. Und nun, in Spielen erleben wir seine Kindheit. Die Kinderheit der 1970er Jahre.

Wie Kinder aufwachsen, in welcher Welt sie leben, in der Kinderwelt. Seine Freuden, Peinlichkeiten, Ängste. Die Generation seiner Eltern. Die Veränderung in der Gesellschaft. Bis hin zu seinen ersten pubertären Erfahrungen. Schulzeit, braves Volksschulkind. Jeder seiner Entwicklungsschritte mit all den Schmerzen und Freuden.

Einfach dabei sein.

Und dann plötzlich. Aus.

Warten auf den nächsten Teil.


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Dienstag, 10. Dezember 2013

Zu viel Glück. Alice Munro

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Zu viel Glück. Von Alice Munro

Zehn Erzählungen. Eine erschaudert mehr als die andere.

Was lernen wir von Alice Munro? Sie stellt das Leben in all seinem So-Sein dar. In wenigen Worten baut sie einen ganzen Roman, in einer unglaublich dichten Sprache, die leicht kommt und Geschichten erzählt, die ganz schwer sind.

Die Romane heißen:

- Dimensionen
- Erzählungen
- Der Grat von Wenlock
- Tieflöcher
- Freie Radikale
- Gesicht
- Manche Frauen
- Kinderspiel
- Holz
- Zu viel Glück

Die alte Frau, die von einem Mörder besucht wird, der nur von ihr ablässt, weil sie ihm ihren eigenen Mord gesteht. Er geht. Sie hat gelogen. So alt und gerettet.

Die Frau, die regelmäßig jemanden besucht, dieser jemand ist ihr geschiedener Mann. Der die gemeinsamen Kinder ermordete, weil sie gegen seinen Willen bei einer Freundin übernachtet hat.

Wenn ich über "Tricks" nachdenke, im Vergleich zur Sammlung "Zu viel Glück". "Tricks" hat die Verwerfungen und Brutalitäten des Alltags dargestellt; "Zu viel Glück" zeigt das blanke Böse. Ein Psycho nach dem anderen, immer auf weniger als hundert Seiten. Mit einer großen Faszination zu lesen. Ein Schaudern hier - und immer die Gewissheit, dieser Alltäglichkeit, dieser Realität in den Geschichten.

Über jede einzelne wäre so viel zu sagen. Und bei manchem bleiben einem die Worte im Hals stecken.

Nun. Das Gewöhnliche im normalen Leben.

Und immer ist da so ein Gefühl, man könne sich etwas mitnehmen, auch als Antibeispiel.

Alice Munro lässt das Ende immer offen, das macht auch etwas bei der Leserin. Es gibt keine vordergründige Lehre zu ziehen, keine Lösunge, keinen moralischen Hinweis. Das alles nicht. Irgendwie neutral, als ob man Gerichtsakten studierte. Und doch. Ganz anders. Immer gleich in der Geschichte, mitlebend mit den Personen, kein Abschweifen der Gedanken. Faszinierend.


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Donnerstag, 21. November 2013

F von Daniel Kehlmann

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F von Daniel Kehlmann

Nun, es ist Daniel Kehlmann. Ja, doch. Aber: Warum dieses Cover? Warum dieser Titel?

Das hinderte mich sehr lange daran, das Buch zur Hand zu nehmen. Doch ein bißchen die Nase reinhalten sollte nun wirklich sein. Und dann ist es eben so. Kehlmann kann Geschichten erzählen. Und zwar wirklich gut.

Ganze Seiten möchte man rauskopieren (siehe Seite 21!), ganze innere Monologe auswendig lernen, verinnerlichen.

Hat Daniel Kehlmann diesen Roman nur geschrieben, um seine Lebensweisheiten, viel Klugheit und Wahrheit unterzubringen? Der Verdacht liegt nahe.

Oberflächlich, also An-der-Oberfläche erleben wir drei Buben, vorerst, später als Erwachsene. Mit unterschiedlichen Ängsten und Sorgen. Einem egoistischen Vater (oder einem sinnsuchenden Vater). Jedenfalls lässt er die Buben und seine Frauen alleine und widmet sich seiner Leidenschaft. Dem Schreiben. Er wird großer Autor. Seine Zurückgelassenen finden das nicht witzig.

Sie verlaufen sich in die Welt. - dann ein Mittelteil, den ich nicht verstehe - und nachfolgend die Erwachsenenzeit. Jeder für sich erzählt seine Geschichte. Später erkennt man die Parallelen, also: sie begegenen sich, das ist eigentlich nicht wichtig, außer, dass sie sich nicht ganz verloren haben. Das schon.

Wir befinden uns im Jetzt. Hier und Heute. Es gibt Smartphones und die Wirtschaftskrise, Spekulationsblase und Kunstpreise ohne Ende. Der Bravste von Ihnen: Pfarrer ohne Gottglauben. Und jeder gefangen in seiner Lebenslüge.

Und dazwischen. Sätze! Aber solche.


Der Roman lebt von dieser Erzählkunst. Hier und Jetzt, getragen von inneren Monologen. Nichts wird näher erklärt, wir erkennen aufgrund der Geschichte, selbst zusammenreimen ist wohl angesagt (Wenn dann jemand den Teil "Familie" verstanden hat - bitte bei mir melden!) Doch dieser Teil scheint ohnehin nicht wichtig. Vielleicht nur dahingehend, dass Menschsein immer schon Menschsein war. Egal wann man lebt. Die Herausforderung "Leben" bleibt die gleiche.

Worum es geht? Wer bin ich, Wer sind die anderen und warum spiele ich allen etwas vor.

Übrigens: Ich bin Iwan-Fan. Seine Gedanken, Nöte und Sorgen berühren mich sehr (Pseudopsychologen vor, hier ist wohl ein Persönlichkeitsbild hineinundherausinterpretierbar.)

Und Eric. Der dann plötzlich den Erleuchteten gibt und nichts verstanden hat.

Stabil der Pfarrer. Gleichbleibend in seinem Pragmatismus.

Und der Vater. Am Ende schließt sich ein Kreis.

Stehe für gemeinsame Analysen und Besprechungen zur Verfügung!


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Samstag, 26. Oktober 2013

Alice Munro. Literaturnobelpreisträgerin 2013


Alice Munro. Nobelpreis für Literatur 2013.

Nun. Man sollte sie kennen. Ich kannte sie nicht. muss ich gestehen. Die letzte kanadische Autorin, die ich gelesen habe war Donna Milner mit "Der Tag, an dem Marilyn starb" (übrigens ein sehr berührender Roman. Siehe weiter unten in meinem blog)

Ja, also Alice Munro. Eine sehr schöne, elegante Frau. Niemand hier kennt sie wirklich. In der "Zeit" wird sie beschrieben als eine der großen kanadischen Autorinnen, die man entweder ganz kennt oder gar nicht. Ihre Kurzgeschichten hätten Suchtcharakter.

Mal reinlesen. Während der Lisztkonzerte finden sich ruhige Halbstunden, einfach einmal anfangen. (Und wie abschreckend dies doch ist, in unserem Kulturkreis. Kurzgeschichten!)

So kurz sind die Geschichten dann gar nicht. Sie liegen so um die 70 Seiten (ich habe schon ganze literarische Werke im Umfang von 120 Seiten - aber mit größerer Schrift und breiterem Zeilenabstand - gelesen.) Und sie schreibt ganz leicht, erzählend, wie im Vorbeigehen.

Und da liegt es wohl. Wir erwarten kurze Geschichten und bekommen viele Romane. Komprimiert. Nur das Wichtigste erzählt. Am Punkt. Keine Umschweife. Und dort, wo umgeschweift wird und ich mir denke, warum erzählt sie das jetzt so genau, warum gerade dieses lapidare Detail, dann findet sich am Ende, dass gerade diese Darstellung der Charaktere im Banalen, ihr Verhalten in Alltagssituationen, dass gerade das den Inhalt auf den Punkt bringt. ... und immer geht das Leben weiter. Auch nach der Geschichte. Es gibt kein Ende.


Alice Munro erzählt von Frauen. Sie erzählt als Frau. Wir erleben eine Frau in einer Sequenz ihres Lebens. Ihren Alltag. Die Sorgen. Die Freuden. Die vielen Gegenwarten, die das Leben formen. Zwänge, Höflichkeiten, kognitive Dissonanzen (ach, hätt ich doch!), und ganze Passagen, die man sich aufschreiben möchte, anderen vorlesen möchte, jemanden daran teilhaben lassen möchte.

Nun. "Tricks" habe ich fertig gelesen. Und meine Finger schweben über dem nächsten Buch. Soll ich wirklich? Und warum nicht noch eines?

Sie lässt mich immer so verstört, nachdenklich und auch vertraut zurück. Vertraut mit dem, dass es eben so ist. Davon möchte ich mehr erzählt bekommen. (und warum sollte ich mich immer mit dem echten Leben auseinandersetzen?!).

Ja, diese Autorin wirft mich etwas aus der Bahn.

FRAUENLITERATUR!

Und das mir.


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Freitag, 27. September 2013

Wir sind die Macht. Leymah R. Gbowee

Wir sind die Macht. Die bewegende Autobiographie der Friedensnobelpreisträgerin Leymah R. Gbowee. Ihr wurde 2011 neben anderen der Friedensnobelpreis verliehen.

Gerade heute - und das ist das Thema - am 27. September 2013, vermeldet der Kurier unter "Weitere Meldungen": Taylor wandert für 50 Jahre hinter Gitter. Der skrupellose Warlord Charles Tayler, der den Bürgerkrieg in Libera verantwortet ist in Den Haag verurteilt worden.

Leymah wächst in Liberia auf. Geboren 1972. Liberia ist ein offenes Land, stark an Amerika angebunden. Die Kinder genießen Schulbildung. Man lebt in einfachen Verhältnisse. Nach dem Abschluss der high school, kurz nach ihrer Feier bricht der Bürgerkrieg aus. Er wird das Land für 14 Jahre grausamst ausbeuten.

Wir lesen die Lebensgeschichte einer Frau, die von Wut, Ohnmacht, Schmerz und Überlebenskampf geprägt ist. Und doch gibt sie nicht auf. Oft schon. Wochen erliegt sie schweren Depressionen. Doch der Bürgerkrieg übertrifft in seiner Brutalität alle Vorstellungen. Taylor ist der erste, der Kindersoldaten einsetzt und diese im Drogenrausch unbeschreibbare Gräueltaten vollbringen.

Leymah flüchtet nicht ein Mal, sie findet sich in Flüchtlingslagern, auf wackeligen Schiffen, in anderen Ländern wieder. Der Bürgerkrieg flammt immer wieder von neuem auf. In der Zwischenzeit hat sie 4 Kinder geboren. Noch keine 30 Jahre alt. Und sie muss. Muss sich aufraffen, muss etwas tun, muss kämpfen.

Eine starke, intelligente, unbeirrbare Frau. Die Kraft aus Zuspruch und Wut zieht. Aus einer Botschaft, DENEN doch nicht den Sieg zu lassen, aus einer Botschaft, das Land zu retten. Sie kommt an die Spitze der Friedensbewegung der Frauen. Erstmals in der Welt schließen sich Frauen zusammen und demonstrieren für den Frieden. In einer denkbar lebensgefährlichen Umgebung.

Und in größter Not und Verzweiflung schafft sie es, den Friedensprozess weiterzutreiben. Heute gibt es Frieden in Liberia. Sie selbst ist geprägt von ihren Erlebnissen und trägt ihre Botschaft in die Welt hinaus.

Wir erleben eine Frau, für die Bildung, Reifung und Wachstum alles ist. Die unerschrocken gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung kämpft. Die jeden Strohhalm nimmt und sich an ihm aufrichtet. Jede kleinste Chance ergreift und es schafft, breite Netzwerke aufzubauen. Ohne Telefon. Ohne Strom, ohne Alles.

Und sie geht ihren Weg. Immer konsequenter. Ein Vorbild.


In diesem Buch stehen so viele Sätze, findet man so viele schlichte Aussagen, wahre Erkenntnisse und jedenfalls mutige Menschen. Die für ihr Land, ihre Menschen und die Demokratie kämpfen. Für Gleichberechtigung und ein ordentliches Justizsystem.


In diesem Sinne - gehen Sie wählen!


"Wir sind die Macht" gleich besorgen. www.buchwelten.at

Mehr zur Friedensnobelpreisträgerin auf youtube und in wikipedia

Donnerstag, 26. September 2013

Honig. von Ian McEwan

Honig. Von Ian MEwan

Noch im Geschmack der Zeilen, in der Geschichte verweilend, im Schreibtempo gebannt erzähle ich von meiner Begegnung mit Ian McEwan. Wohl wissend, dass ich nicht die Worte finden werden, diesen Autor umfassend zu beschreiben.


Erst beginnt die Geschichte ganz langsam. Die Personen werden vorgestellt. Ich beginne mich zu langweilen. Wie immer tauchen die Fragen auf: Warum tue ich mir das an? Ich könnte das Buch längst weglegen. Was wird da schon werden? Ich vergeude meine Zeit. Es gibt so viele gute Bücher.

Jedoch. Ich lege das Buch nicht weg. Ganz im Gegenteil. Lasse es nicht mehr los. Lese lese lese.

Der Erzählstil hält sich an die Zeit, eher an den Stil der jungen Frau. Wohlhabende Familie, braves Mädchen, studiert was ihre Mutter will. Fügt sich ein. Lebt so vor sich hin. Lernt in diesem schrecklichen Cambridge dann doch noch einen Studenten kennen. Erste sexuelle Erfahrungen. Sie findets gut, er selbst ist gelangweilt. Sie meint dies zumindest. Dann verliebt sie sich in ihren Professor. Ein wunderbarer Sommr voller Verstecken und sexuell erfüllender Erlebnisse erwartet sie. Der Professor lässt sie dann kalt fallen.

Nichtsdestotrotz nimmt sie einen merkwürdigen Job beim Geheimdienst an und verschweigt das zuhause bei ihren Eltern. Und hier beginnt es. Sie zieht diese Geheimnistuerei tief in sich hinein. Und kommt nicht mehr heraus. Auch nicht, als die einzige Freundin, die sie hat, sich outet - sie bricht die Beziehung ab. Sie ist blind für die skandalösen Umstände unter denen sie arbeitet, will nur gelobt werden. Dafür tut sie alles.

Selbst als sie die große Liebe findet bleibt sie in ihrem Versteckspiel-Gefängnis hängen. Die Geschichte gewinnt an Dynamik. Die Intrigen in der M15 (Geheimdienst) werden immer deutlicher. Sie ist gehetzt. Ihr wahres Ich kann nicht mehr durchkommen. Man möchte sie anschreien. Sie verstrickt sich immer tiefer und lebt selbst mit der Gefahr ihre Beziehungen zu verlieren.

Ihr Freund, Ihr Geliebter (Ian McEwan geizt nicht mit Liebesszenen), Ihr Alles. Sie hintergeht ihn durch ihre Unfähigkeit, sich loszulösen. Zu sehr ist sie gefangen im Brave-Mädchen-Syndrom.

Als die Sache kollabiert fährt sie noch einmal zu ihm - und da liegt ein Brief.

Ian McEwan hält Überraschungen für uns bereit, führt uns in die paranoide Welt der Geheimdienste ein und zeigt uns die gehässigen Seiten des Menschseins. Und dann wendet er.


Ein Buch, wert ein zweites Mal gelesen zu werden.


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Dienstag, 24. September 2013

Norbert Gstrein. Eine Ahnung vom Anfang.


Norbert Gstrein. Eine Ahnung vom Anfang.

Ich hätte das Buch nicht gelesen. Mir sagte das Cover nicht zu und ich konnte auch mit dem Titel nichts anfangen. Er machte mich nicht neugierig. Wenn da nicht ein lieber Freund gewesen wäre, ein sehr belesener, der mir nahe gelegt hätte "Du musst ihn lesen. Wirklich." Nun, dann nahm ich ihn einmal mit heim. Er musste noch ein Zeiterl warten, aber gleich nach dem andern Buch fing ich an.

Ich habe ihn gerne gelesen. Den Roman über den Lehrer, der alles sehr ernst nimmt. Hinterfragt. Der dies auch mit seinen Schülern tut. Der mit dem Klatsch und Tratsch, den Unterstellungen, Hinzufügungen, Erfindungen seiner Dorfgesellschaft nichts anfangen kann; ja ausgeliefert ist.

Er hat da diesen Lieblingsschüler. Er selbst hätte ihn nie so bezeichnet. Die anderen meinten, dies wäre sein Lieblingsschüler gewesen. Und dieser - Daniel - besuchte ihn an dem Ort, den er wieder zurückgekauft hatte. Die alte Mühle. Alt-Familienbesitz mütterlicherseits, die irgendwann zum Verkauf da stand und er nicht mit dem Gedanken leben konnte, jemand Fremder würde sie kaufen. Sie war verfallen und nichts wert, aber er hing irgendwie an diesem einsamen Platz.

Dort besuchten ihn Daniel und sein Freund Christoph, beide Schüler von ihm. Beide gute Schüler. Ein bißchen vermurkst, philosophierend und sie blieben den ganzen Sommer am Ufer des Flusses, machten Feuer, lasen, philosophierten. Unschuldig. Aber nur für sie. Die Spechtler und Späher interpretierten da ganz andere Dinge hinein. Doch sie ließen sich in ihrem So-Sein nicht beirren.

Und an diesem Sommer hängt sich alles auf. Alte Sehnsüchte. Vorwürfe. Spekulationen. Jahre später tauchen Bombendrohungen auf und alle machen ihn - den Lehrer - verantwortlich, er hätte den Buben, vielmehr Daniel, Flausen in den Kopf gesetzt, er wüsste wo er wäre und warum er sich so entwickelt hätte.

Er sinniert und kommt nicht darüber hinweg. Immer wieder auch die alte Frage wie beim Selbstmord seines Bruders. "War die Literatur, die er auswählte ausschlaggebend für die verwirrten Gedanken?" War er Schuld? Die Leute stoßen ihn mit der Nase auf die Sache aber er verbleibt in seinem Schneckenhaus.

Die Vermutungen steigern sich und lösen sich nicht auf. Nie. Vielleicht beruhigen sie sich als jemand anderer mit Bombe erwischt wird. Auch er selbst traut all dies Daniel zu. Ohne es auszusprechen. Und seine Vermutungen werden von andern in Worten bestätigt, ein Geständnis von ihm erwartet.

Er ist einer, der grübelt und jede Bewegung, Nicht-Bewegung, Andeutung, jedes Wort von anderen auf sich projiziert, darüber in tiefe Gedanken versinkt und doch vieles erkennt. Er will nicht zu nahe treten. Niemanden. Daniel wäre ihm nahe gewesen. Doch der ist weg. Er wüsste gerne wo und wie es ihm erginge.

Die junge Frau von damals, heute ist sie seine Lehrerkollegin, sagt einmal "Du nimmst alles viel zu ernst. ... Vielleicht kannst du irgendwann einsehen, dass es Dinge gibt, für die du nicht verantwortlich bist und die vielleicht nicht einmal etwas mit dir zu tun haben."

Und am Ende - das ist dann wahrscheinlich die Ahnung vom Anfang - da baut er eine Beziehung auf. Zu einem Kind. Und es ist gut.


Norbert Gstrein führt uns in die Innenwelt eines Mannes, der den Selbstmord seines Bruders nie verwunden hat. Das ist auch für alle in seiner sozialen Umgebung sichtbar. Er selbst schaut aber nicht dort hin. Deshalb wird ihm dann auch die intensive Beziehung zu seinen Schülern falsch ausgelegt. Oder vielleicht doch nicht. Etwa sucht er Ersatz. Und er führt uns zur Möglichkeit der Heilung und eines Neubeginns.

Dazwischen ist die Geschichte von Daniel eingewoben, einem Buben, der ohne Vater aufgewachsen ist, hochintelligent, ausgesprochen gebildet und in einen katholischen Erlösungswahn hineingetrieben (selbst oder fremd. wer weiß schon). Und diesem traut das Dorf alles zu. Nur wenige spielen in der allgemeinen Entrüstung nicht mit. Ein Abbild von Enge und Zuschreibungen.


Ein stilles Buch. Oft ist nicht klar, wohin sich die Wendungen drehen werden. Aber das ist im Leben öfter auch so. Ein unglücklicher Mensch im Zentrum, der in der provinziellen Enge nicht eingeschätzt werden kann. Und somit eine Zielscheibe wird. Wie er damit umgeht und was dabei möglich ist ist hier still und leise erzählt.



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Samstag, 21. September 2013

Zaira. Ein Leben im 20. Jahrhundert


Abseits des Neuerscheinungsgetöses, wie der von mir sehr geschätzte Heinz Sichrovsky in seiner grandiosen Sendung "Erlesen" in ORFIII zitiert. Also, abseites des Neuerscheinungsgetöses ist mir "Zaira" in die Hände gefallen. Mehr oder weniger tatsächlich.

Der Roman ist 2008 im C. H. Beck Verlag erschienen. Das ist nun doch schon ein Weilchen her.

Herr Florescu, der Autor, ist bis jetzt auch in mir vorbeigegangen. Was sehr schade ist, denn er schreibt wie ein Märchenerzähler. Er hat eine blumige und ausschweifend-erzählerische Sprache; ein Autor aus dem Osten, genauer: Rumänien.

Und von dort erzählt der Roman auch. Zaira, adeliges Kind in fruchtbarer Gegend wächst mehr oder weniger sorglos auf (wenn man davon absieht, dass ihre Mutter wichtigeres zu tun hat, als am Land zu versauern und ihr Kind aufzuziehen).

Zaira wird in ene Zeit hineingeboren, als gesellschaftliche und soziale Grenzen klar und unüberwindbar sind. Der Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihr geliebter Cousin, den sie "meine vierte Mutter" nennt, ist Herrschaftsbesitzer von riesigen Landflächen, die Bauern sind Leibeigene. Sie überstehen die Kriege, die Deutschen, die Wirren. Was sie nicht überstehen ist die kommunistische Revolution und der Hass der Meute.

Die Familie zerschlägt sich, sie müssen sich verarmt und verfolgt durchschlagen. Denn der Hass des ehemaligen Bauernbuben, jetzt hoher kommunistischer Genosse, verfolgt sie. Und wir werden sehen: bis an ihr Lebensende.


Zaira leidet unsäglich am Verlust ihres gewohnten Lebens, am Tod ihres Zizi und kommt nicht darüber hinweg. Wieder mit ihrer Mutter zusammen, in Armut in Bukarest, heiratet sie, weil sie sich verpflichtet fühlt (Versprechen müssen eingehalten werden!) und lässt sich später aber wieder scheiden. An das kommunistische System, an die Unterwerfung, an das verlangte Buckeln kann und will sie sich nie anpassen. Sie schlägt sich durch. Findet ihre große Liebe, und doch, aber auch weil. Umstände und Lebenszeit, Vergangenheit und politische Situation. Das alles passt nicht, lässt sich nicht vereinbaren. Stolz, Hochmut, Verzweiflung, alte Traumata. Ein versöhnliches Miteinander wird nicht möglich.

Die Tochter - katalanisch schweigsam und stur wie ihre Urgroßmutter macht Zaira das Leben schwer. Ein trotzig-schweigsames Leben. Dann heiratet sie doch. Einen kleinen Maler, der Biologe ist. Die merkwürdigsten Lebensverwirrungen sind im Kommunismus nicht verwunderlich. Sie flüchten über Prag nach Amerika. Dem Land der Freiheit. Zaira, todunglücklich, findet sich nach Jahren ein und schafft ein erfolgreiches Leben. Bis auch das zerbricht. Schockartig.

Und dann geht sie heim. Mit aller Angst, Feigheit, Sorge. Und Schmerz. Was wird er sagen?



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Nebenbei spielt sich die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts ab. Was die Kriege angerichtet haben. 1. und 2. Weltkrieg. Die Zerschlagung Österreich-Ungarns spielt in die Familie hinein. Der Offizier, Zairas Vater der König und Vaterland verteidigt und am Ende als Adeliger NICHTS ist. Wir erleben die Zerstörung Rumäniens mit, den Prager Frühling und das Amerika der 50er und 60er Jahre.

Weltgeschichte. anhand Zairas Leben. sie hätte es so nicht gewollt.

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Catalin Dorian Florescu, 1967 geboren in Timisoara, Rumänien, ist ein brillanter Erzähler. Er ist es wert, ihn kennenzulernen.


hier erhältlich: www.buchwelten.at

Montag, 26. August 2013

Das größere Wunder. von Thomas Glavinic




Thomas Glavinic. Das größere Wunder.

Glavinic macht hier einen Quantensprung in seiner literarischen Arbeit. Ich sag es gleich vorweg: Ich bin begeistert. restlos begeistert.

Glavinic erzählt uns die Geschichte eines Mannes, Jonas, der als Kind - als Zwilling - nicht gerade auf die Butterseite gefallen ist. Mutter Alkoholikerin mit wechselnden Liebschaften, auch gewalttägigen Liebschaften, Zwillingsbruder geistig behindert aufgrund eines Geburtsunfalls.

Jonas wird dann, gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder, vor reichen Großvater seines besten Freundes aus dieser Misere geholt. Nachdem Jonas zusammengeschlagen von einem Liebhaber seiner Mutter im Krankenhaus gelandet war.

Jonas wächst dann sehr wohlbehütet auf. Er uns sein bester Freund, bewacht von einem Bodyguard dürfen die Freiheit des Lebens auskosten. Privatunterricht, Studienreisen, Verständnis für Bubenstreiche. Jonas und Werner. Zusammengeschweißt. Der Großvater, der alles ermöglicht.


Bruch.

Wir erleben Jonas bei seiner Besteigung des Mount Everest. Das ganze Buch lang, Kapitel um Kapitel erleben wir die Qualen des Aufstiegs, des Wartens in den Basislagern, den Alltag am Fuße des Berges. Genau recherchiert, detailgetreu abgebildet. Und immer wieder Jonas' Erinnerungen. Seine Kindheit, Jugend, der Verlust seiner Lieben, Glück und Unglück. Schmerz.

Seine junge Adoleszenz, reich, auf der Flucht vor sich selbst, Einzelgänger, zurückgezogen, verschlossen, erleben wir seine Reisen durch die ganze Welt. Seine geheimen Plätze und Räume. Die er nur der einen einzigen Frau zeigen darf. Derjenigen, die es ist. Die die richtige ist.

Er findet sie, sie verschmelzen. Dann verlässt sie ihn.

Bruch.

Mount Everest. Warum. Jonas geht. Wartet. Geht. Ein Brief erreicht ihn. Wieder dieser Schmerz. Geht. Kälte. Luft. Keine Luft.


.....

Und dann



Ja, das Ende sei hier nicht verraten.



Wer eine wirklich gute Geschichte lesen will. hier ist eine.


www.buchwelten.at 


erscheint im August 2013

Klappentext:

Jonas ist Tourist in einer Todeszone, er nimmt an einer Expedition zum Gipfel des Mount Everst teil. Während der einzelnen Etappen des Aufstiegs - geprägt von permanentem Sauerstoffmangel und lebensbedrohlichen Wetterumschwüngen - lässt er sein Leben an sich vorbeiziehen. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Mike und seinem besten Freund Werner wächst Jonas bei Picco auf, dem Boss, der in allerlei dubiose Geschäfte verwickelt ist un den Jungen ein weitgehend sorgenfreies Dasein ermöglicht. Die Jungen sind mutig, sie sind neugierig, und sie sind unzertrennlich. Doch ihr kindliches Idyll wird eines Tages brutal zerschlagen. Damit beginnt für Jonas eine endlose Suche: Er reist nach Montevideo, Tokio, Oslo, Rom, über hundert Länder sollen es am Ende gewesen sein. Bis er eines Tages Marie trifft.

Thomas Glavinic, einer der bemerkenswertesten und radikalsten Schriftsteller unserer Zeit, legt mit "Das größere Wunder" sein Schlüsselwerk vor - ein unvergleichliches Buch, packend und verstörend zugleich, von einer leidenschaftlichen Energie und enormen Suggestivkraft. Das Bizarre wird zur Normalität, die letzten Gewissheiten schwinden, nur der Drang nach Leben bleibt unstillbar.








Sonntag, 25. August 2013

Ein Hund wie Sam. Kinderbuch.

 

Ein Hund wie Sam. 

Auf einmal ist er da. Der weiße große Hund. Und gleich wieder Weg. "Das muss wohl ein Geisterhund gewesen sein",  sagt Kix zu seiner kleinen Schwester Emilia.

Das ist er dann nicht. Ein Geisterhund nämlich. Sondern der Hund des bösen Nachbarn. Die beiden Kinder kämpfen um ihren neuen Freund. Ein wunderbarer Hütehund. Und sie schaffen es.


Wer ein ganz liebes, schönes Buch von der Sehnsucht nach einem geliebten Haustier lesen möchte. Hier ist es! Einfühlsam, lebensnah, (echt!). Eine wahre Geschichte, einfach und lesenswert erzählt.

Ab 3. Klasse bis immer.



Dienstag, 20. August 2013

Mortimer & Miss Molly.



Mortimer & Miss Molly.

Vorab: Dass ich die leise Sprache, die wunderbaren Bilder, die klaren und tiefsinnigen Figuren von Peter Henisch liebe ist ein Faktum. Wie schön, Peter Henisch zu lesen! Wie leise seine Andeutungen, wie klar der Blick, mit welch einfacher Sprache die Zwischentöne zu klingen beginnen.


Mortimer & Miss Molly.

Zwei Geschichten, zwei Liebesgeschichten, treffen in der italienischen Stadt San Vito aufeinander, vielmehr hintereinander, verweben sich in der Phantasie.

Mortimer ist amerikanischer Soldat, dessen Maschine von den Deutschen abgeschossen wird. Ihm gelingt der Absprung und er landet im verschlossenen romantischen Garten einer Adelsfamilie. Dort findet ihn die Gouvernante.

Julia und Marco. Lernen sich auf Fortbildungsveranstaltungen kennen. Zwar sind sie auf verschiedenen, aber in der gleichen Stadt. Julia zieht mit Marco weiter, lässt ihre eifersüchtigen Freundinnen zurück. Marco und sie fahren aufs geratewohl durch die toskanische Landschaft. Und landen in San Vito.

Und lieben sich. Und finden die Geschichte (oder die Geschichte von Mortimer & Miss Molly findet sie).


Peter Henisch beginnt mit einem Kunstgriff. Mit der Möglichkeitsform, lässt uns am Anfang ein bißchen in Unsicherheit schweben. (Meine Ungeduld steigt). Doch dann entwickelt es sich, und all dies Mögliche, Etwaige, entschwindet und die Beziehung von Julia und Marco öffnet sich für uns.

Sehr italienisch (nicht nur der Sprache wegen; Henisch lässt uns auch noch ein paar Italienisch-Vokabel kosten), schwebend, erklärend, Julia in Gedanken. Und diese Verwobenheit mit der Geschichte, die da immer wieder aufploppt, einseits als in der Phantasie von Julia und Marco entwickelter imaginärer Film und andererseits in Rückblenden, Erklärungen zu diesem Jahr, 1944, auch hier Angriffs- und Verteidigungskrieg. Auch hier verbrannte Erde.

Und eine Liebe, die sich immer wieder an einem zauberhaften Ort erneuert.


Ja, und sie bricht auch. und kittet?


Lesen, einsinken, genießen.



Hier gleich bestellen www.buchwelten.at



Samstag, 17. August 2013

Super Brain.



Super Brain

Angewandte Neurowissenschaften gegen Alzheimer, Depression, Übergewicht und Angst


Heute im Kurier (heute ist der 17.8.13): ein großer Bericht zum Verhältnis zwischen Lebenserwartung und Bildung. Das Thema wird in Alpbach diskutiert.  Europäisches Forum Alpbach. Der Kurier berichtet. "Wenig Bildung heißt kürzer leben." 

Nun, ich bin gerade mit dem Buch "Super Brain" durch.

Im Amerikanischen schaut es übrigens so aus:

                      und die englische Version in Österreich so:





Ersparen Sie mir die Kommentare zum Design der deutschsprachigen Ausgabe: hält Leute jenseits esoterischer Avancen ziemlich ab. Bitte nicht abhalten lassen.



Die beiden Universitätsprofessoren Deepak Chopra und Rudolph E. Tanzi, sehen Sie hier ein Video der beiden, erklären genau und einfach die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaften, der Funktionsweise des Gehirns, der Steuerungen und Interaktionen, chemischen und physikalischen Reaktionen, ohne dabei ein wissenschaftliches Lehrwerk vorzulegen.
 

Und - amerikanisch eben - in einer extrem einfachen Sprache.


Der Sukkus: werden Sie aktiv, trainieren Sie ihr Gehirn, stellen Sie auf eine Lebensweise um, die ihr Gehirn fördert. Dann werden Sie gesund bleiben und zwar auf allen Ebenen, körperlich, geistig, emotional. Und als kleinen Nebeneffekt versprechen Sie eine Erhöhung der Lebensqualität, der geistigen Leistungsfähigkeit und der emotionalen Stabilität.


Die beiden scheuen auch nicht, philosophische Fragen zum Sinn des Lebens, zum Sinn des Bemühens und zu Fragen von Geburt und Tod in ihren Text einzuarbeiten.


Also: hier gibts was zu lernen! (Übrigens ein probates Mittel, gesund alt zu werden :-))

About the Authors

Deepak Chopra, M.D. is the author of more than 65 books, including numerous New York Times bestsellers. His medical training is in internal medicine and endocrinology, and he is a Fellow of the American College of Physicians, a member of the American Association of Clinical Endocrinologists, and an adjunct professor of Executive Programs at the Kellogg School of Management at Northwestern University.
 
 

Rudolph Tanzi, Ph.D. is a professor of neurology at Harvard University Medical School, Director of the Genetics and Aging Unit at Massachusetts General Hospital, and author of Decoding Darkness: The Search for the Genetic Causes of Alzheimer’s Disease. He also serves as the head of the Alzheimer’s Genome Project. Dr. Tanzi has been investigating the molecular and genetic basis of neurological disease since 1980, and during the past several decades he has collaborated on many studies identifying other disease genes, including those that contribute to amyotrophic lateral sclerosis (ALS) and autism.
 
Kurztext
"Ich kann mein Gehirn nutzen und lasse mich nicht von ihm benutzen." Der bekannte Neurowissenschaftler Rudolph E. Tanzi und Deepak Chopra verbinden Wissenschaft und Persönlichkeitsentwicklung und erklären, wie die spektakulären Erkenntnisse der Neurowissenschaften u. a. bei Alzheimer, Depression, Angst und Übergewicht angewandt werden können. Sie entwerfen eine neue Vision des Gehirns und zeigen, wie Achtsamkeit und Meditation nachweisbare Veränderungen in den neuronalen Bahnen bewirken. Ihr gemeinsames Fazit: Nichts ist unmöglich. Die Reaktion in Amerika: "A mind-blowing book."

 

Freitag, 16. August 2013

Gone Girl. Das perfekte Opfer.

Gone Girl. Das perfekte Opfer. Von Gillian Flynn.


Anfangs dachte ich mir: "Du kannst ruhig weiterlesen, kannst auch einmal etwas triviales Lesen. Das macht nichts.", und, "Die Übersetzung ist mir sehr deutsch" (was daran gehängt ist, dass sie Möhren aßen und in einer Puderzuckerwolke küssten. Tut weh, ist aber nach der Puderzuckerwolke ganz verschwunden.)

Und ich dachte mir: "Warum wieder dieser Stil. Seine Sicht - ihre Sicht, seine Sicht - ihr Tagebuch", Die Kapitel wechsen sich ab. Überhaupt bin ich nicht so die Leserin von Spannung oder Thriller. Und am Cover steht "Roman"

Jedoch. Ich konnte mich nicht entziehen. Die Geschichte verwirrt und lässt nicht los.

Anfangs scheint alles klar. Frau verschwindet aus Haus, Spuren von Verwüstung. Ehemann wird vom Nachbarn dazugerufen, findet das Wohnzimmer zerstört, Frau weg.

Ehemann und Ehefrau haben an diesem Tag ihren 5. Hochzeitstag. Ehemann hasst Ehefrau. Sie nerven sich.

Wir tauchen ein in eine aktuelle Wirtschaftskrisen-Geschichte. Gutsituierte New Yorker Bildungsschicht, sie reich, er renommierter Journalist. Werden gekündigt. Ihn zieht es zurück in seine alte Heimat, amerikanischer Mittelwesten. Sie geht mit. Er hat schlechtes Gewissen, weil Frau aus gewohnter Umgebund gezerrt. Sie lässt es ihn spüren.

Und all das, Lokal aufmachen, geht so recht und schlecht, sie verwöhntes Gör aus Top-Schichte. Er mittelmäßig, und un--- unzulänglich, unkreativ, unmöglich, un.. un.. un..

Sie: perfekt.


Diese Geschichte handelt von der Aufklärung des Falles Amazing Amy. Das Verschwinden der tollen Frau, ein Psychothriller. Er - hineingezogen in eine perfekte Intrige kann da nicht mehr raus. Sie rächt sich an ihm für seine Affäre.

Was aber das Besondere ist, die Autorin schwenkt, lässt uns unsicher, es tauchen neue Details auf, man hofft, die Hoffnung verbufft, die Medien, die Coachings, die Interviews, die Cops. Er geht durch die Hölle. Eine Gesellschaft, die so viele Filme gesehen hat, dass man oft nicht mehr weiß, spielt man sein Leben oder spielt man Rollen nach oder "wer ist man". Wer ist seine Frau? Was geht in einem Menschen vor?

Eine Glaubwürdigtkeitsinszenierung. egozentrische, psychopathische Persönlichkeiten. Alles normal.


Und die Auflösung. kühl.


Ein Mensch hineingezwungen in eine soziopathische Beziehung.


genial.


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Dienstag, 30. Juli 2013

Das Verschwiegene. Von Linn Ullmann



Das Verschwiegene. Von Linn Ullmann

Selten habe ich mich für ein Buch so angestrengt. Mich um es so bemüht.

Zur Vorgeschichte: Das Cover ist mich gleich angesprungen. Das kennen wir schon. Bin ein optischer Typ. Die Geschichte beginnt anziehend; so zu verstehen, es zieht dich an, nimmt dich an der Hand. Ich hatte sie so nebenbei begonnen; in der Pause, während andere sich neben mir unterhalten haben. Dann wieder ein paar Seiten allein, dann schnell aus der Handtasche raus und wieder ein paar Seiten. Bei Seite 79 gab ich auf.

Linn Ullmann stellt auf den ersten 80 Seiten (also ich war kurz davor!) alle Personen vor. In ihrer Komplexität, was war, was ist, Rückblenden, Vorschauen, innere Monologe, Situationen, Orte, ... Das war mir zu anstrengend. Ich verwechselte dann schon wer wo wann wie und weshalb.


Dann eben nicht.

Zwei Monate später nehme ich es wieder zur Hand. Was will Linn Ullmann, was verbirgt sich hinter der Geschichte, meine Neugier war geweckt. Und: das werde ich mir jetzt erarbeiten. Das wäre doch gelacht!

Mit Notizzettel und Bleistift gehe ich das Buch nochmals von Anfang an an. Notiere die handelnden Personen, die betroffenen Orte, Jahreszahlen, Verwandtschaftsverhältnisse. Das geht bis Seite 80, dann ist die Szenerie klar und offen.

Dieses Buch wäre es wert, Charakterstudien abzuhalten, ich sah mich, Fragen zu stellen wie: "Warum muss Siri immer glauben, sie hätte mehr tun müssen?", "Warum konnte Mille keine Hilfe holen?", "Kann mir jemand Jon erklären?"

Nun müsste man noch nach Norwegen fahren, um sich die Orte anzuschauen, warum nicht? Mailund, die Villa, und dann einen Sprung nach Schweden, was ist mit den Zwillingstürmen, die man Annes Eyes nennt? Und warum ist das wichtig?

Linn Ullmann führt uns wie die Katze um den heißen Brei um diese Familie herum - und gleich vorweg: Wer sich ein tröstliches, klares Ende wünscht - weit gefehlt!

In den Vordergrund stellt sie das Verschwinden des Kindermädchens. Der Aufhänger, an dem alle anderen hängen bleiben, jeder hat seine Rolle (ich fühlte mich wie in einem Agatha Christie Krimi), doch es gibt keine Fährten, nur Schuldgefühle.

Eine Durchschnittsfamilie begegnet uns hier in einem Durchschnittsdorf in den Zehnerjahren dieses Jahrhunderts. Die Protagonisten sind in den 1960er Jahren geboren, sie haben Kinder und Eltern. Wobei die vordergründige Hauptrolle Siris Mutter ist, Jon (Siris Mann) den meisten geschriebenen Platz einnimmt und für mich Siri die tatsächliche Hauptrolle spielt.

(Diese Einschätzung würde ich jedoch gerne mit anderen durchbesprechen.)

Nun. Mille verschwindet. Das Kindermädchen, das mit 19 Jahren erstmals den Sommer nicht mit ihren Eltern verbringt, sondern als - eben Kindermädchen - bei einer Familie anheuert. (Siri weiß übrigens vom ersten Tag weg, dass es ein Fehler war, das Mädchen aufzunehmen.)

Und Jon. Der Schriftsteller mit Schreibhemmung. Und die Ehe zwischen Siri und Jon. Und diese unmögliche Schwiegermutter. Und die Kinder. Und dann noch Mille, das Kindermädchen. Alles zu viel. Die Schulden am Haus, die nicht eintreffenden Einkünfte mangels abgegebenem Buch, die Frau, die wirklich schuftet, der Sommer in Mailund. Diese Ehe - sie lieben sich, sie lieben sich nicht, sie lieben sich, sie lieben sich nicht.

Zwei Erwachsene Menschen in den 40ern. Da die Kinder, dort die alten Eltern. Die unaufgearbeiteten Altverschweigungen und die nicht ausgesprochenen neuen Verschweigungen.

Und das ist es wohl, was Linn Ullmann mit "Das Verschwiegene" meint.


hochliterarisch! komplexe Charaktere! Ein Buch zum Nochmal-Lesen und Nochmal-VielEntdecken!


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Sonntag, 28. Juli 2013

Gleis 4.


Franz Hohler. Gleis 4. 

"Darf ich Ihnen den Koffer tragen?" Hätte sie geahnt, was dieser Satz für Folgen hatte, sie hätte abgelehnt, höflich aber entschieden.

Sie ist auf dem Weg zu einer Freundin, gerade hat sie eine Operation hinter sich gebracht und ist noch rekonvaleszent. Nun soll sie zu ihrer Freundin nach Italien fliegen. Ihr Koffer ist schwer und sie überlegt kurz, als sie vor den Stiegen steht, von der U-Bahn rauf zu den Zuggleisen. 

Da steht ein Mann neben ihr. Einer von der Sorte Gentleman und fragt sie: "Darf ich Ihnen den Koffer tragen?" Sie lässt ihn tragen. Freut sich, wer weiß wie ihre Narbe auf das Gewicht reagiert hätte.

Oben - sie müssen zu Gleis 4 - bricht er zusammen und stirbt an einem Herzinfarkt. 

Nun, sie hätte nachdem er abtransportiert war weggehen können. Aber irgendwie ist seine Tasche auf ihrem Koffer liegen geblieben. Sie hätte diese auch am nächsten Tag zur Polizei bringen können. War irrtümlich zu meinen Sachen gestellt worden. Sie hätte auch das läutende Handy ignorieren können. Nicht abheben. So, wie es ihre Tochte geraten hatte. Die überhaupt der Meinung war, sie solle sich da jetzt nicht hinein und so. 

Doch sie war schon drinnen. In der Geschichte eines Mannes, der in ihren Händen auf Gleis 4 verstorben war. Er wollte ihr noch etwas sagen. Bitte...


Der Roman spielt in der Schweiz. Unsere Protagonistin kommt von seiner Lebensgeschichte nicht mehr los. Und wir erfahren ein Stückchen Schweizer verdrängte Wahrheit. 


Wunderschön, fesselnd und von betörend schöner Sprache.









Donnerstag, 25. Juli 2013

Der einzige Mann auf dem Kontinent

Der einzige Mann auf dem Kontinent. Von Terézia Mora.

Wenn ich sagen würde, es war vom ersten Satz an diese Erzählkunst, dann wäre es nicht genug.
Würde ich nun sagen, die Faszination dieser Figur, dieses Mannes, der sich aus "all dem" nicht lösen kann, der in seinem Alltag, in seinem Funktionieren und seinem Nicht-Funktionieren gefangen und sicher und daheim ist, dann würde das die Lesefreude nicht vermitteln.
Und könnte ich nur ansatzweise etwas über den Stil sagen, niemand könnte aus meinen Worten die Sprachgewalt und Erzählkunst, dieses Hineinsinken in die Geschichte nachspüren.


Mit Terezia Mora habe ich nun eine neue Lieblingsautorin kennengelernt. Wie ich doch diese großen Geschichtenerzähler liebe!

Kennengelernt habe ich sie bei der Lesung "Literatur in Grün", diesem Lesefestival würde es übrigens gut anstehen vom Geheimtipp zum "DortbinichganzsicherdiesenSommer-Termin" aufzusteigen.


Ja, und dort spitzte ich plötzlich die Ohren, in der Bewegung stehen geblieben, überrascht, fasziniert, gefesselt. Und doch dauerte es noch so viele Wochen, bis ich einen ihrer Romane begonnen habe.


Die Geschichte. Heute. Ein erfolgreicher Geschäftsmann eines internationalen Konzerns. Sehr erfolgreich. Er Top-Manager DACH (Deutschland-Österreich-Schweiz). Die Mitteleuropa-Destination quasi, Sitz in Wien. Sie - ja sie will einfach ein ruhiges Leben haben und kellnert, weil sie sich mit ehrlicher Arbeit jeden Tag in den Spiegel sehen will. 

Er - liebt sie. In seinem Kopf geht die meiste Zeit - sie - herum. Sie - liebt ihn. Er hat viel zu tun, vor allem, so dahinzuleben. Der Alltag eines Menschen, der in keine Strukturen eingebunden ist. London ist aber auch wirklich weit weg. Sie muss arbeiten. Er isst gerne, überhaupt genießt er für sein Leben gern. Sie lernt eine Freundin kennen, er muss ihre Freundin auch schätzen.

Er verstrickt sich in ein Problem, auch das Wegschieben und Vergessen und Verdrängen löst dieses Problem nicht. Überhaupt gibt es dann später noch ein viel größeres Problem, das fasst er dann gar nicht mehr. Wie konnte das nur?

Ein sympathischer Kerl, wirklich, ja. Und sie auch. Aber die Firma und die Zeiten und die Krise und Mergers & Aquisitions, und blöde Chefs und überhaupt. Der Sommer und die Hitze und alles, was man gar nicht so gerne hat und lieber nicht sieht.

In diesem Sommer kommt dann einfach alles zusammen.



Lesen sie es. Tauchen Sie ein in diese Seite Wiener Lebenskultur, heutiger Beziehungs- und Arbeitskultur.

Ja, und genießen Sie.


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Mittwoch, 17. Juli 2013

Vergiss mein nicht.






Vergiss mein nicht. David Sieveking. Filmemacher begleitet seine an Alzheimer erkrankte Mutter filmisch

David Sieveking auf youtube über seinen Film

und dann auch schriftlich.

David Sieveking hat eine unkonformistische, kluge, widerständige, intelektuelle, bewegliche Mutter. Alles ändert sich, als sich ihre Krankheit verschlimmert.

David Sieveking beschreibt unaufgeregt, mitreißend, eindeutig, wie ein Kind, ein Ehemann, ein Verwandtschafts- und Freundschaftssystem mit dem Verfall, mit der Veränderung einer Person und damit auch des gesamten gewohnten Gefüges umgeht.

Als Geschichte. So, wie es von Beginn weg war, so wie es jeden Tag ist.

Mit ganz vielen Informationen zu allen Fragen, die auftauchen, von denen man nicht will, dass sie auftauchen. Davon, dass man (die pflegenden Angehörigen, die Angehörigen, die Freunde, die Familie) trotzdem gewaltige Entscheidungen für jemand anderen treffen muss, und alle Entscheidungen erscheinen falsch.

Der Roman sagt mehr aus. Einfühlsam, entspannt, weg von dieser Bedrücktheit - und er nimmt das Grauen. Gemeinsam lachen und mit der Botschaft: nimm jeden Tag mit Humor. Jeder Tag wird zum Geschenk.

Sehr schönes, sehr gutes, sehr großes Buch.

Mir jedenfalls hat diese Umsetzung des Themas bessser gefallen als "Der alte Mann in seinem Exil".



Der Film "Vergiss mein nicht"

Das Buch "Vergiss mein nicht"



Samstag, 15. Juni 2013

Ich frage mich, wie halten die Leute das aus.


Weil ich selbst von dieser Dauer-Musikmüll-Beschallung die Ohren voll habe. Und Frau Hanika dazu die viel besseren Worte findet.

Iris Hanika: "Es gibt jenseits österreichischer Kaffeehäuser, soweit sie mir bekannt sind, so gut wie keinen Ort mehr, an dem man nicht mit schriller Lautsprechermusik gequält wird."


http://derstandard.at/1371169526471/Iris-Hanika-Wie-halten-die-Leute-das-aus

Für alle, die sich am Hanikaschen Beispiel der Techno-Musik stoßen.

Mich stört, wenn ich einfach dauerberieselt werde. Ständig ein Gewummere und Gedudel. Da geht es mir gar nicht darum, ob das nun gute oder schlechte Musik ist, ich finde es einfach eine Unkultur, wenn immer etwas im Hintergrund surren, summen, klappern und dödeln muss.

Und wie soll ich da einen längeren zusammenhängenden Text (Zeitung, Zeitschriften, ach! Bücher!) in Ruhe und Konzentration lesen?







Sonntag, 9. Juni 2013

Ein Versprechen von Gegenwart. Clemens Berger.

Ein Versprechen von Gegenwart. Clemens Berger

Zuerst einmal über youtube. zehnSeiten. kennengelernt . http://www.youtube.com/watch?v=nmVlJBEgwWU

Clemens Berger liest die ersten 10 Seiten von "Ein Versprechen von Gegenwart"


Ein Gesang. Ein Lied. Lyrisch. Die Sprache, die einfach vor sich hin schwingt. Der Film, der ganze Zeit abläuft. Irina. Wie sie in ihrem Auto vorbeifährt. Er, der Kellner, der sie beobachtet. Man sieht die Straße, das Lokal, die Frau, die mit dem Mann am immer gleichen Platz sitzt. Und den Kellner, der sie gut kennt, weil er sie beobachtet. Ihm immer schon aufgefallen sind.


Clemens Berger geht mit diesem Roman in die ewige Literatur ein. Und ich bin mir dieser Gefahr bewusst, sich so überschwänglich zu äußern.

Eintauchen, hineinlesen, mitleben mit Irina und ihm.



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übrigens. meisterschaftlich besprochen in Kurier, Presse, Standard, ...


Samstag, 8. Juni 2013

allein unter schildkröten.

allein unter schildkröten.

Von Marit Kaldhol.


Zuerst habe ich es nicht verstanden. Was da passiert. Mikke schreibt Tagebuch. Immer sehr spät. Er hat geniale Sätze. Die gefallen mir sehr gut, manche lese ich jedem, der vorbei kommt, vor. Toll! Lyrisch.

Mikke schreibt auf, was ihn beschäftigt. Kurz. Manchmal sehr kurz. Er merkt viel, ist empathisch. Biologie interessiert ihn. Die Schildkröten, aussterbende Fische.

Er geht nicht mehr zur Schule, keiner merkt es. Dann hört er auf zu schreiben.


Das Buch ist so aufgebaut: zuerst das Tagebuch von Mikke, dann die Gedanken der Mutter, dann die des Vaters, dann Freundin, bester Freund und Sverre.


Mikke hat sich umgebracht. Irgendwie so, dass ganz viel Blut geflossen ist. Seine Mutter bekommt die Bilder nicht mehr aus ihrem Kopf. Niemand weiß, warum Mikke nicht mehr leben wollte.


Ich würde gerne mit ganz vielen Menschen über dieses Buch sprechen. Einzelne Sätze erläutern. Welcher Gedanke bei wem genau welchen Eindruck vermittelt hat, welches Bild entstehen ließ.


Ein Meisterwerk.


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Kurztext / Annotation
Mikke steht kurz vor dem Abitur. Nach außen wirkt er wie ein ganz normaler Teenager. Er hat eine Freundin, engagiert sich für die vom Aussterben bedrohten Meeresschildkröten und kümmert sich aufopfernd um Sverre, der am Down-Syndrom leidet. Doch was wirklich in Mikke vorgeht, ahnt niemand in seinem Umfeld. Er zieht sich immer mehr zurück. Bis er keinen Ausweg mehr sieht ...

Langtext
6. Mai, 03.10 Uhr Unmöglich, einzuschlafen, unmöglich, wach zu bleiben.Die Zeit in meinem Körper und die äußere Zeit stimmen nicht mehr überein.Bin heute schon wieder nicht zur Schule gegangen.Keiner ruft an, keiner merkt, dass ich nicht da bin. Mikke ist zerrissen zwischen Glücksgefühlen der ersten Liebe und tiefer Traurigkeit. Die preisgekrönte norwegische Autorin Marit Kaldhol zeichnet das bewegende Porträt eines Jungen an der Schwelle zum Erwachsenenwerden. Still, poetisch und berührend.

Besprechung
Marit Kaldhol gibt in ihrem Jugendroman dem Jungen Raum für seine Empfindungen, in einer Sprache, die lyrisch verknappt immer nur seine Gefühle reflektiert und damit seine ausweglose Einsamkeit, in der er seine Umwelt kaum real wahrnimmt. (Süddeutsche Zeitung)

Zitat aus einer Besprechung
Die Norwegerin Marit Kaldhol bringt in dem Roman Allein unter Schildkröten Licht in die düstere Innenwelt eines jungen Mannes, der den Lebensmut verliert. (...) Ihr neuer, in Norwegen viel beachteter Roman richtet sich an Jugendliche. Doch auch Erwachsene wird die bildreiche Sprache, die tiefgründige Geschichte berühren. Die Autorin verharmlost nicht, klagt aber auch nicht an. Sie lässt Zweifel und Trauer spüren, doch zwischen all den düsteren Gedanken blitzt immer wieder der wichtigste auf: Das Leben lohnt sich! (WAZ)

Samstag, 27. April 2013

Josef Winkler. Mutter und der Bleistift.



Der von mir sehr verehrte Josef Winkler bringt nun sein Requiem an seine Mutter heraus. Nach Roppongi, Requiem für einen Vater, das ich verschlungen habe, wieder ein Meisterwerk.

Josef Winkler kann diese österreichische Dorffamilie mit ihren unaufgearbeiteten Geistern, ihrer patriarchalen Strenge, ihrer katholisch-strafenden Grundhaltung in so präzisen Worten malen, dass man sich dieser Wahrheit nicht entziehen kann.

Für alle Landkinder!


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Montag, 22. April 2013

Und dann kam Paulette.

 


Und dann kam Paulette.

Ein schöner, stiller Roman über verschiedene Charaktere in Frankreich, die im Alter sukzessive, nacheinander, sorgfältlig versuchen, nicht allen sondern gemeinsam zu leben.

Ferdinand, dessen Frau vor längerer Zeit gestorben ist, aber was ihn noch mehr belastet sein Sohn mit den Enkelkindern erst kürzlich ausgezogen ist, nimmt sich seiner Nachbarin an. Einer entzückenden Person, die offenbar unter schreiender Armut leidet. Bei einem Gewitter werden gravierende Mändel im Dach sichtbar und als das Wasser schon knöchelhoch im Raums steht akzeptiert sie seine Einladung, ein paar Nächte (bis zur Reparatur des Daches) in seinem großen Haus ein Zimmer zu nehmen.

Und so ergibt eine Person die andere. Ferdinand lernt seinen Einladungstext. Die Freunde nehmen zögerlich aber doch an.

Im großen Haus von Ferdinand, einem alten Bauernhaus gestaltet sich so eine Alten-WG, die in weiterer Folge ganz junge Menschen aufnimmt. Hier ist generationenübergreifendes Zusammenleben möglich.

Ein schöner, romantischer, lieblicher Roman. Einmal ausruhen bitte.


... der einzige Wehrmutstropfen ist die oft flapsige Übersetzung einer derben deutschen Sprache die nicht zum Stil der Charaktere passt. Ich habs durchgehalten, wenn auch manchmal unter Schmerzen.


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Dienstag, 16. April 2013

Alles dreht sich.



Alles dreht sich.

Linda sitzt gerade im Hof des Krankenhauses. Ihre Mutter ist noch drinnen. Die schafft es nicht so mit der Diagnose: Gehirntumor. Linda hat einen Gehirntumor. Da setzt sich ein unscheinbarer Junge zu ihr. Max. Wie viele Tage hast du noch? Weiß ich nicht. Wir machen eine Liste.

Die Liste. Systematisch. Was will ich noch getan haben, bevor ich gestorben bin.

Die Liste. Max. Max ist verhaltensgestört. Deshalb musste er auch Linda kennenlernen. Seine Therapeutin hatte ihm das aufgetragen. Max kennt sich mit dem Typ Mensch schon gut aus. Beide färben dann ihre Haare. Sie haben nichts zu verlieren.

Max und Linda arbeiten diese Liste ab. Am Ende macht sogar Pia mit. Pia ist Lindas beste Freundin. Und sehr eifersüchtig auf Max. Ihre beste Freundin hat einen Gehirntumor! Was soll das?! Die drei beschließen dann, etwas gegen die Gleichgültigkeit der Menschen zu tun. Sie wollen aufrütteln. Wollen den Leuten zeigen, wie es Kindern anderswo auf der Welt geht. Sie agieren anarchistisch, bekleben Wände mit Botschaften. Sie wollen zeigen, dass an den T-Shirts Kinderarbeit klebt.


Max, Linda und Pia kommen aus verschiedenen Verhältnissen. Jeder von ihnen hat mit seinem Umfeld zu kämpfen. Wobei Linda sich auch um ihre Mutter sorgt, immerhin hat ihre Tochter einen Tumor.

Der ganze Roman spielt in der Zeit zwischen Diagnose und Erstbehandlung.

Wie geht man mit einer Diagnose "Hirntumor" um? Wie, wenn man gerade mitten in der Pubertät steckt.


Rosemarie Eichinger liefert einen schnellen, bunten, kraftvollen Jugendroman, der genau so zu lesen ist. Man ist vom ersten Satz an in der Geschichte und bleibt auch dabei. Lebe dein Leben!


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Sonntag, 14. April 2013

Der Schrecken verliert sich vor Ort. Monika Held


Der Schrecken verliert sich vor Ort.

Auschwitz. Auschwitz ist so groß. Kann die Liebe das aushalten?

Heiner ist Auschwitz Überlebender. Linda lernt ihn während der Nürnburger Prozesse kennen. Als sie einen bleichen Mann im Gang zusammengehen sieht. Sie sieht, wie er, an die Wand gelehnt, abrutscht. Sie geht zum ihm hin. "Servus" sagt er, mit einem Lächeln und leichter Ironie in der Stimme. In dieses "Servus" verliebt sie sich.

Zu einer Zeit, wo es noch keine Zeugenschutzprogramme, separate Aussagen oder dergleichen gibt, setzt sich Heiner der öffentlichen Zeugenaussage vor Gericht aus. Inklusive hämischer Meldungen der Nazi-Mörder. Inklusive brutaler Verhöre seitens deren Verteidigern.

Doch Heiner hat Auschwitz überlebt, um Zeuge zu sein. Um der Welt erzählen zu können, was da möglich war. Und er erzählt seine Geschichte immer, überall, ständig. Mit dieser Wucht an Bruatlität, Verbrechen an der Menschlichkeit, mit dieser Walze an Unfassbarem überfordert er seine Mitmenschen. Wer hält schon aus, bei jedem Begriff eine Verbindung zu einer Tötungsmethode serviert zu bekommen.

Linda. Linda und Heiner lieben sich. Lindas Freundinnen sind skeptisch. Was kann der Grund sein, dass eine junge Frau sich so einen Mann antut? Mitleid? Was soll eine so junge attraktive, erfolgreiche, kluge Frau mit einem Mann, der arbeitsunfähig ist?

Es ist Liebe. Heiner liebt Linda und Linda liebt Heiner. Trozdem und auch deshalb. Kann man den ganzen Menschen lieben? Auch diese Seiten?


Llinda lernt viel über Auschwitz, über den Lageralltag, über den Nummernadel in Auschwitz. Dass man nicht in Wochen, Monaten oder Jahren beschreibt; sondern in Tagen, wie lange man Auschwitz überlebt hat.

Heiner war ein junger Sozialist, im Widerstand in Wien. Nach Sonderbehandlungen durch die Gestapo wird der noch nicht 20jährige mit dem Vermerk RU (Rückkehr unerwünscht, er weiß aber zu dem Zeitpunkt noch nicht, was dieses Kürzel bedeutet) nach Auschwitz deportiert. Von seinem Transport 1860 Personen überleben 4 Leute.

Diese treffen sich im späteren Leben. Sie lachen viel, essen immer (was du im Magen hast, kann dir keiner mehr nehmen). Sie erzählen Linda ihre Geschichten. Linda. Wie kann sie das aushalten? Es wird viel gelacht und gescherzt. Eine eigenwillige Truppe. Leben. Das wollen sie. Und jeder hat seine eigene Überlebensstrategie nach Auschwitz gefunden.

Eine lange Ehe. Ein großes Zutrauen. Viel Verständnis und Platz füreinander.

Lena, die Danzigerin, die in der Schweiz aufwachsen musste, weil ihr Vater "zwar Deutscher aber kein Nazi" war. Lena, die es geschafft hatte, polnisch-Unterricht zu bekommen, damit sie die Sprache ihrer geliebten Kinderfrau Olga sprechen konnte. Diese Lena wird nie Teil der Auschwitz-Freunde sein. Weil sie nicht in Auschwitz war. Und das ist gut so.

Auch wenn sie manchmal eifersüchtig auf die besonders liebevolle Beziehung der Überlebenden ist. Da ist eine Kraft, eine Energie, die diese Menschen verbindet, die größer ist. Es ist die Verbindung von Unsterblichen.

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Monika Held begleitet uns durch das Lager, durch die Zeit, sie stellt uns Menschen im Widerstand vor. Auch später, Solidarnosc, auch die lernen wir kennen.

Wie begleitet uns - uns an der Hand haltend - durch diese Ereignisse, die es nicht geben kann, darf und die doch geschehen sind. So ist es möglich. Geschützt durch diese Geschichte. Das Grauen, die Kälte, die Angst.

Und Heiner, der Kommunist, im Widerstand. Immer auf der Seite der Freiheit für den Menschen. Heiner spricht an seinem neuen Wohnort. Eingeladen vom Pfarrer. Zu Weihnachten. Und sein letzter Satz ist: "Ob wir Engel oder Teufel sind, bestimmen wir selber. Und nun wollen wir das Essen genießen, das auf uns wartet. Frohes Fest."

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Mit einem Nachwort von Margarete Mitscherlich.
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Ich kann mich nicht erinnern, einen Roman dieser Art gelesen zu haben. (Vielleicht in Ansätzen die "Atemschaukel" von Herta Müller) Der Unterschied zwischen der Atemschaukel und "Der Schrecken verliert sich vor Ort" ist das Leben. Nach dem Straflager der Russen kann der junge Mann von Herta Müller kein Leben mehr führen. In der Atemschaukel erleben wir die Zeit im Lager, hier erleben wir das Leben danach. Heiner, der Auschwitzüberlebende führt ein Leben in einer liebevollen Ehe. Er ist nicht mehr Opfer. Er hat es geschafft.


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Sonntag, 7. April 2013

Reise nach Kalino. Von Radek Knapp

Reise nach Kalino. Von Radek Knapp

Wer würde nicht gerne ein perfektes Leben in dienm perfekten Körper im perfekten Alter haben? Sicher fast alle. Dies ist in Kalino Wirklichkeit geworden.

Durch eine besonders hoch entwickelte Technologie kann man sich durch chemische Prozesse in der ewigen Jugend erhalten. Ein sorgenfreies Leben garantiert.


Was Detektiv Werkazy in Kalino erlebt bringt ihn aus dem Staunen nicht heraus. Er, mittelloser Detektiv, wird von Osmos, dem Gründer, angerufen. Man kennt schon die Gerüchte um Kalino, das völlig abgeschottet ist. Aber jetzt, wo er eingeladen ist und diese Realität selbst erlebt.

Lauter wunderschöne Menschen, durchtrainierte Körper, perfekte Technologie. Alles passt.

Diese Menschen kennen keine Schmerzen, keine Krankheiten, keinen Tod. Jeder Tag ist Glück. Sie haben ihre Glücklichmachgeräte, Handyändliche Dinger, die Serotonin ausschütten. Doch dazu erst später. Werkazy muss zuerst einen Mord aufklären. In einer Welt, wo es kein Böse gibt.


Dieser Roman fließt. Radek Knapp beschreibt Werkazy, diese Welt, die Personen in einem so leichten Plauderton, die Geschichte tänzelt. Trotz der Recherchearbeit und dem skurill anmutenden Umständen in Kalino bleibt ein Kern, der gut getroffen ist. Die einen manipulieren, die anderen sind manipuliert.


Am Ende siegt das Gute. Aber bis dahin ist ein Weg.



Ich habe diesen Roman in einem Fluss gelesen. Immer auch Radek Knapp vor meinem inneren Auge, der ein wunderbarer Erzähler und Vorleser ist. Danke für den Leseabend im Literaturhaus Mattersburg!


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Montag, 1. April 2013

Fräulein Jacobs funktioniert nicht



Fräulein Jacobs funktioniert nicht. Von Louise Jacobs.

Zuerst einmal ist mir dieses Cover beim Zeitunglesen in die Augen gestochen und ich dachte mir, in dieses Buch muss ich rein schauen, das klingt so interessant. Und dann, beim Reden und Vorstellen mit lieben Leuten ist es mir im Laufe des Tages ganz von allein in die Hände gefallen. Das war am Samstag vor Ostern.

Neben einem Stapel anderer Bücher, die unbedingt übers verlängerte Wochenende mitmussten.

Und dann habe ich angefangen. Fräulein Jacobs, ein Kind der Jacobs Kaffee Dynastie funktioniert nicht. Sie passt nicht in die Welt und zwar ab dem Zeitpunkt der Einschulung. Fräulein Jacobs kann nicht rechnen und nicht schreiben. Sie ist zu langsam, versteht nicht. Und sie wird gefördert. Da Fördern Zeit in Anspruch nimmt, wird Zeit von nicht so wichtigen Beschäftigungen weggenommen. Diese sind: Zeichnen, Spielen, Wandern gehen.

Fräulein Jacobs wächst in einer liebevollen, besorgten Familie auf. Da kann man gar nichts sagen, Aber sie passt nicht. Nicht in die Umgebung. Nicht in die Vorstellungen. Bis sie sich selbst nicht mehr passt. Ihr passt dann nichts mehr.

Denn sie will perfekt sein, sie will ein braves Mädchen sein, dass die Schule schafft, dass Leistung erbringt, das Zukunftspläne hat. In Wirklichkeit funktioniert das alles nicht bei ihr. Sie funktioniert also nicht. Und sie richtet sich gegen sich selbst. Eine übertherapierte junge Frau will sich selbst wegschaffen. Sie isst nicht mehr.

Ihre Eltern helfen ihr, sind verständnisvoll, wollen, dass sie in dieser Welt besteht. Sie will nichts mehr. Oder doch. Sie will in und mit der Natur sein. Möglichst einsam. Sie hat mittlerweile nicht nur mathematisch-logische, legasthenische, sondern auch soziale Probleme.

Die Geschichte: Ein junger Mensch sucht sich selbst.

 Was passiert in einer Gesellschaft, in der Schul- und Studienabschlüsse alles sind, mit einem Menschen, der in Bildern denkt? Mit einem Menschen, der ständig analysiert wird, korrigiert wird, gefördert wird, angepasst wird?

Wie umgehen mit so jemanden? Wie geht so jemand mit sich selbst um?

Louise Jacobs hat ein wunderbares Schreibtalent entwickelt. Ganz im Stillen, ganz privat. Sie gibt mit ihrer Lebenserzählung einerseits ein Bild unserer Gesellschaft ab, an dem viele zerbrechen und sie tut dies mit einer großen Reflexion. In detaillierten Bildern beschreibt sie ihre Dysfunktionalität, die nur in der Leistungsgesellschaft mangelhaft ist, sie zeigt uns, wie ein junger Mensch an sich selbst verzweifeln und auch wachsen kann. Wie schwierig es auch ist, sich gegen ein liebevolles und verständnisvolles Umfeld durchzusetzen.

Was tun mit jemandem, der Cowboy werden will?

Diese Geschichte kann ich all denen empfehlen, die auch schon einmal in irgendein Schema nicht hineingepasst haben. Und all jenen, die in einer Unpassendheit aktuell gefangen sind.


wunderschön geschrieben, ich habe sie gerne begleitet.


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Mittwoch, 27. März 2013

Das Phantom des Alexander Wolf



Das Phantom des Alexander Wolf. Gaito Gasdanow.
 
Hier passt alles. Das laufende weiße Pferd. Der Titel. Alles macht neugierig. 
 
Ich kannte Gaito Gasdanow nicht. Ich habe das Buch so wie die meisten einfach aufgeschlagen und mich auf eine Geschichte eingelassen. Anfangs war ich über die Sprache verwundert. Ständig ging mir "Das Bildnis des Dorian Gray" im Kopf herum. Er spukte und spukte und spukte und nahm mir oft den Lesefluss. 
 
Jetzt weiß ich auch warum. Die beiden Autoren sind  Generationskollegen.

Doch zur Geschichte. Schon der Beginn erzählt über eine prägende Situation eines jungen Menschen. Der Augenblick, als er meinte, einen Mord begangen zu haben. Dieser Moment brennt sich in ihn ein. Noch Jahre später sieht er das Bild des Sterbenden vor sich.

Im Exil in Paris fällt ihm (einem Russlandflüchtling) ein Buch in die Hände. Eine Geschichte, die der Autor "Alexander Wolf" nicht erfunden haben kann. Es ist die Geschichte des Mordes, den er begangen hat. Wenn aber diese Geschichte aufgeschrieben werden konnte, dann nur vom Ermordeten. Er macht sich auf die Suche nach dem Autor. Doch dieser ist nicht fassbar. 

Er lernt verschiedene Menschen kennen, doch Wolf nicht. 

Die Erzählform ist die der Wiedererzählung persönlicher Eindrücke. Präzise, grundlegend, psychologisierend, plaudernd. 

Wir erleben einen jungen Mann, der sich in eine Frau verliebt, diese in ihn und der im ständigen Hinterfragen seiner Selbst hängen bleibt. 


Warum ich dabeigeblieben bin: Ich konnte mich nicht entziehen. Mich hat diese Erzählform, dieses Langsame durcheinandergewirbelt. Erstmals auf Deutsch erschienen, das Werk aus dem Jahr 1947. 


In der Nacherzählung findet man Informationen zum russischen Autor Gaito Gasdanow. Er gehört einer lost generation an. Als junger Mann im russischen Bürgerkrieg traumatisiert flüchtet er wie viele seiner Landsmänner nach Paris. Dann der zweite Weltkrieg, der diese Menschen wieder ins Nichts stürzt. 

Gasdanow erzählt eine ganz private, persönliche Geschichte, ohne offensichtlicher Erkennbarkeit der politischen Umstände. Ein universeller Roman. Literatur eben.





Donnerstag, 14. März 2013

Bär im Boot. Kinderbuch.

Bär im Boot.

Ich kenne niemanden, mich eingeschlossen, der Zahnarztbesuche mag. Doch irgendwann ist die Stunde X gekommen und man muss.

Zur Erleichterung der Warte- und Angstzeit muss etwas in die Handtasche. Zum Beispiel. Bär im Boot.

Bär im Boot habe ich während der Wartezeit auf meinen Aufruf beim Zahnarzt (in meinem Fall eine Zahnärztin und eine aufrufende Frau ganz in Weiß) gelesen. Dies wäre ein Grund öfter zum Zahnarzt zu gehen, weil nämlich: Bär im Boot streichelt die Seele.

Bär im Boot, das ist wie träumen und auch nicht. und verwundert sein. und glauben es sei ein Kinderbuch. was es auch ist. Aber für alle Kinder. Für die großen und die kleinen. Für dich und mich.

Ein Junge steigt in ein Boot, das von einem Bär gelenkt wird. Er will auf die andere Seite.

Ja und dann, dann gibt es Komplikationen und Strömungen und den Mond und die Sonne, die Wellen, die Teejause, aber die andere Seite, ...

Ich habe Teile daraus gleich meiner Familie vorgelesen, weil ganze Teile müssten auswendig gelernt und zitiert werden, weil so viel Leben und Wahrheit und Witz und Angst, Verwunderung und "worumgehtshiereigentlich?" und ganz viel Tiefe drinnen ist.

Für alle Kinder ab 9 Jahren
(also auch ab 19 und 29 und 39 un 49 und 59 und 69 und 79 und 89 und 99 und so weiter)

Erscheint am 15.3.2013
Hier gehts zum Buch: www.buchwelten.at

Sonntag, 10. März 2013

Das Leuchten in der Ferne

 

Das Leuchten in der Ferne. 

Linus Reichlin beschreibt einen "ausgegliederten" Journalisten in Berlin. Er findet sich auch dem Arbeitsamt wieder. Das kann er aber niemandem sagen, ist er doch ein erfolgreicher Kriegsberichterstatter. Er schon viel gesehen. Zu viel vielleicht. Manche Bilder haben sich eingebrannt. In seinen Kopf. Bildder, die immer wieder kommen. 

Am Arbeitsamt lässt er einer Frau mit Kleinkind den Vortritt. Ihm ist egal, ob er noch Stunden hier sitzt. Diese bedankt sich mit einer Einladung zu einem Abendessen. Das kann er gut brauchen, ist er doch pleite wie nur.

Diese Frau ködert ihn. Mit einer Geschichte. Ob er denn 10.000 Euro aufstellen könne. Sie kenne eine Frau, die sich als Taliban ausgibt, sie sei eine Bacha Posh, diese wolle weg, denn ihr Entdecken wäre ihr Todesurteil. 

Martens, so heißt unser Journalist, fragt nach, die Frau kennt sich aus. Er war schon in diesen Gegenden, kennt die Situation, ja die Frau weiß wovon sie spricht, sie erwähnt auch einen großen, gefährlichen Taliban-Führer in dessen Gruppe die Bacha Posh lebt.

Martens hat noch Kontakte, ruft einen alten Freund, jetzt Chefredakteur einer großen Zeitung an, ja sie bekommen das Geld. Er soll aber die Berichterstattung machen.

Und Martens macht sich wieder auf. Nach Afghanistan.


Was wir dann erleben, ist ein Mann, der Angst vor der Langeweile des Alltags hat, der auch schon viele in den Kriegsgebieten helfende, freiwillig rekrutierte beobachtet hat - auch sie haben Angst vor der Banalität des Alltags. Dann schon lieber die staubige Luft auf den Lippen und jeden Tag leben. Im Wissen, es könnte sich bis morgen nicht mehr ausgehen. Martens ist einer von ihnen.

Miriam aber, die Frau, goutiert das nicht. Sie sagt, er sei nie erwachsen geworden. Sie könne sich nichts schöneres vorstellen, als genau diesen sicheren Alltag. Das Bild: Sonntagsspaziergang am See.

Martens muss dann erfahren, dass Miriam nicht die Bacha Posh retten will, sondern ihren früheren Mann. Einen Sonderungustl. Aber sie fühlt sich verpflichtet. Ihr Vater, selber Afghane musst in Heimaterde begraben werden und ihr früherer Mann übernahm diesen Dienst. Dort fassten ihn die Taliban. Vielmehr der Stiefbruder Miriams, der der gefürchtete Taliban-Führer ist.


Und Martens. Martens nimmt dies alles stoisch hin. Dass er schon sehr früh weiß, dass Miriam keine Fotografin ist (sie hat keinen Fotoapparat), dass die Geschichte vorne und hinten stinkt. Aber er hat ohnehin nichts anderes vor. Und bietet sich schließlich als Geisel an.

Drei Monate ist er Geisel der Taliban, sie gehen und gehen und gehen durch die steinigen Gebirge. Er bekommt nichts. Kein Gespräch, auch die Bacha Posh verweigert jede Kommunikation. Sie leiden an Hunger, Kälte, Verwahrlosung und Sinnlosigkeit. Viele werden krank.

Am Ende des Tages wird der Betrag an die Taliban bezahlt und Martens kommt frei. Jedoch für immer verändert.


Was uns Linus Reichlin hier bietet ist eine Darstellung einer Weltgegend, die uns mehr als fremd ist. Und diese Fremdartigkeit beschreibt er auch durch Martens. Der leidet an dieser strengen muslimischen Einstellung. Er erzählt. Überall auf der Welt habe er mit den Rebellenführern getrunken. Und hier gibt es nur diesen überzuckerten Tee.

Ich könnte gar nicht so genau sagen, warum ich in der Geschichte geblieben bin. Ich war neugierig, diese Geschichte weiter zu verfolgen. Die permanente Gefahr durch die Amerikaner, die Deutschen, die Angst der Dorfbewohner vor den Taliban. Diese jungen Burschen, die Hoffnung im gutbezahlten Job als Taliban begründen, weg von der schweren Feldarbeit zu kommen. 

Martens verliert in diesen drei Monaten die Erinnerung an seine liebsten Gedichte, er verändert sich, versteht die Taubheit der Gruppe. 

Vorsicht ist geboten: solche Erfahrungen lassen einen nicht mehr los. Und er hat die Angst, dass sie doch verschwinden. Was bleibt ihm? Am Ende ist auch die Frau weg, für die er alles getan hat, und zwar in ihm. Er kann nicht mehr anschließen. Auch nicht mehr an diese Überflussgesellschaft, die ohne Genuss die Mengen ist, wo er monatelang gehungert hat. 

Er solle sich Zeit nehmen für die große Reportage über seine Entführung und Monate in den Händen der Taliban. In den afghanischen Bergen. Ihm fällt nur eine Metapher ein. 

Aber lesen Sie selbst!













Donnerstag, 7. März 2013

Hier könnte ich zur Welt kommen.

An einem Morgen legt eine gehetzte junge Frau ein Bündel Mensch vor einer Tür ab.

So beginnt die Geschichte von Shannon. Sie ist das Bündel Mensch. Und von Vaughn, er sieht die junge Frau, die das Neugeborene ablegt, ihm noch einen Kuss gibt, und dann verschwindet.

Ich habe das Buch gesehen, sofort zur Hand genommen und konnte es nicht mehr loslassen. "Hier könnte ich zur Welt kommen", auf dem Bild eine schwebende schlafende Frau.

Das Buch spielt auf zwei Ebenen. Shannons Welt, die Ich-Erzählerin, in ihrem Hier und Jetzt. Und die Welt ihrer Mutter, die sie aus ihrer Sicht beschreibt. Die Kapitel wechseln.

Eine Geschichte der Verwicklungen, des Schicksals, der Aussichtslosigkeit, der Besonderheiten; von Entwicklung und Reifen, von Ungerechtigkeit, aber vor allem: vom Annehmen.


Marjorie Celona bringt hier in ihrem ersten Roman eine faszinierende Geschichte, die eine schlimme Realität in einer trockenen Erzählform bringt, aber flüssig und fesselnd geschrieben; ganz einfache Alltagssituationen bringen uns die handelnden Personen näher, lassen uns Shannon verstehen; ihre verschiedenen Zieheltern (wo man sich schon fragt, wie kannn das sein, wie kann man so etwas einem Kind antun?), dann ihre endgültige Ziehmutter, die ein Glück ist. Shannon ein Glückskind.

Ihre Suche nach Ihrer Identität, wer bleibt davor verschont?

Sie findet ihre Eltern. Und was bedeutet das, wenn man 17 ist?

In diesem Roman relativiert die Autorin die Grenzen von Gut und Schlecht, Verwahrlosung und Schuld, Hoffnung und Unmöglichkeit.

Eine wunderbare Geschichte. Berührend. Ja, und man kann daraus lernen. Das Leben zu nehmen. Wie es kommt. Shannon hat dann am Ende ganz viel verstanden.


GROSSARTIG! Ich konnte nicht mehr aufhören, bin einfach reingetaucht, mit Shannon mitgegangen.


Hier gehts zum Buch: www.buchwelten.at

Mittwoch, 6. März 2013

Ein Elefant für die Prinzessin. Kinderbuch.



Sonst lese ich Kinderbücher ja nicht ganz durch. Aber dieses hat mich neugierig gemacht, weil diese kleine Prinzessin auf dem Elefanten steht und ihn reinigt. Mit einem ganz ernsten Gesichtsausdruck.

Die kleine Prinzessin hat ein glückliches Leben in einem großen Schloss, mit einem König als Vater, der leider sehr beschäftigt ist, da er immer regieren muss. Doch abends hat er Zeit für seine Prinzessin, liest vor und spielt mit ihr.

Doch das ist dann doch zu wenig und die kleine Prinzessin wünscht sich einen Hund. Dieser Wunsch wird nicht erfüllt und zu diesem Unglück kommt noch eine Heiratsschwindlerin dazu, die ihren Vater ganz für sich in Anspruch nimmt und deren Ziel es ist, die kleine Prinzessin möglichst rasch loszuwerden.

Als dann eines Tages fremdländische Boten eine große Kiste bringen, in der sich ein ausgewachsener Elefant befindet, mit einem Begleitschreiben, das niemand lesen kann, beginnt sich die Geschichte zu wenden.

Die kleine Prinzessin erzieht diesen Elefanten wie einen Hund und dieser ist tatsächlich sehr gelehrig. Sie lernt auch, wie man der ungeliebten Schwiegermutter in spe das Leben mittels Elefant möglichst schwer machen kann.

Als der König nach langer Zeit endlich diesen mysteriösen Begleitbrief übersetzt bekommt und bereits von der ungeteilten Aufmerksamkeit seiner Verlobten mehr als genug hat, löst sich alles in Wohlgefallen auf.

Der Sultan möchte gerne die Schönste seines Landes ehelichen und sendet als Hochzeitsgeschenk einen Elefanten. Dieses Angebot gefällt der eitlen Baronesse sehr und sie zieht fröhlich ins Land des Sultans, in dem sie Milch und Honig erwarten. Der König und seine kleine Prinzessin bleiben glücklich und erleichtert zurück.


Eine nette Geschichte aus der Sicht eines kleinen Mädchens geschrieben, das ihre Bedürfnisse artikuliert und ihren geliebten Vater nicht verlieren möchte. Von schönen Bleistiftzeichnungen begleitet. Lesealter: ab 8


Hier gleich besorgen: www.buchwelten.at