Montag, 29. Oktober 2012

Lügen auf Albanisch

Lügen auf Albanisch. Von Francine Prose.

Gute Unterhaltung mit Wahrheitstouch.! Für alle, die "die Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" geliebt haben - bittesehr hier ist Nachschub!

Eine albanische Immigrantin berichtet von ihrem Leben in Amerika. Vor allem von den Amerikanern, die sie punktgenau, ungeschnörkelt, aus ihrer Sicht, gespickt mit vielen Beispielen und zusätzlich garniert mit inneren Monologen, in denen sie diese mit ihrer alten Heimat vergleicht, beschreibt.

Ein Lesevergnügen.

Gleichzeitig dröselt sie so ziemlich jegliches Klischee auf. Und sie bleibt distanziert, urteilt nicht, beschreibt nur.

Und noch etwas. Wenn du aus einer Diktatur kommst, in einer aufgewachsen bist: das prägt. für immer.

Leben. Darum geht es. Und um ein bißchen Glück. Das wär dann schon was.




Samstag, 27. Oktober 2012

Monsieur Paulin und ich

Monsieur Paulin und ich.

die zehnjährige Jeanne lebt in einem gutbürgerlichen Haushalt ganz allein. Ihre Eltern sind mit sich selbst beschäftigt. Besonders Samstag ist ihre Einsamkeit unerträglich. Sie wünscht sich einen Babysitter, doch ihre Mutter meint: "Babysitter. Das beginnt mit Baby. Du bist kein Baby mehr. Putz dir die Zähne und geh rechtzeitig schlafen."

Ihr Vater träumt Samstag nachmittags und ist nicht ansprechbar.

Jeanne lebt ihr eigenes Leben. Sie wird zum Klavierspiel gezwunden, die Klarinette ist ein Heiligtum des Vaters. Sie spielt geheim. Sie hat auch einen Freund. Er ist Einbrecher, mit ihm verbringt sie schöne Stunden. Sie übernimmt das Kommando und plant eine große Einbrecherkarriere für ihren Freund.

...
Bald schon ist klar, dass Monsieur Paulin eine Phantasiegestalt ist. Wichtig für das Mädchen, das mit lächerlicher Kleidung und einer peinlichen Brille in der Schule gepiesakt wird, niemandem zum Aussprechen findet. Selbst die liebliche Tante ist nur berechnend freundlich um an ihren reichen Schwager zu gelangt.

Wichtig ist Monsieur Paulin, mit dem sie auch durch die Straßen zieht. Als ihre Eltern einmal sehr intensiv streiten, vermeint sie einen Schuss zu hören, das Wohnzimmer ist leer, das stellt auch Monsieur Paulin fest. Somit ist ihr einfacher Rückschluss: sie ist nur ein Waisenkind mit einem flüchtigen Elternteil.

Ihre Konsequenz. Gemeinsam mit dem Cloquard zieht sie durch Paris.

Sie verlottert immer mehr und irgendwann ist auch Monsieur Paulin verschwunden.


Das Buch gibt bis zum letzten Drittel viel her, wenn man akzeptiert, dass die vordergründige Erzählung eine Phantasiegeschichte ist und der Autor sich regelmäßig bemüßigt fühlt, Kommentare einzufügen. Die Geschichte lebt für sich.

Am Ende zeichnet sie sich durch gewisse Längen aus, was mich aber nicht davon abgehalten hat, das Buch bis zum Schluss zu lesen.

Denn: Jeanne wird wieder gefunden und erlebt eine unerwartete, heiß ersehnte Nähe durch ihre Eltern. Vielleicht wird alles wieder gut.



Ich rätsle noch, ob ich es mit einem Kinder- und Jugenbuch oder mit einem Erwachsenenroman zu tun hatte. Oft schon erlebte ich hier fließende Übergänge.

Jedenfalls lesbar für: Eltern.


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Was machen wir jetzt?


Doris Dörrie. Was machen wir jetzt?

Was machen wir, wenn die Ehe älter ist, die Jahre vergangen, die persönliche Entwicklung nicht parallel? Wenn das Kind sich nicht so entwickelt hat, wie wir es uns vorgestellt haben?

Aus der Sicht des Mannes.

Wie geht er damit um, dass er nur Handlanger ist in dieser Familie? Dass er nur so da ist, oft kommt er sich unnötig vor. Und dann soll er noch seiner Tochter das Hirngespinst mit Indien ausreden. Weil sie es so will, seine Frau, die alles in der Hand hält. Auch ihn.

Und so fährt er eben, missmutig, in dieses Kloster, um zu Schweigen, gemeinsam mit der Tochter, die von seiner Begleitung mehr als abgetörnt ist.

In Gedanken lässt er die Jahre kreisen, als seine Tochter und er noch eins waren, als sie sich noch nahe kommen konnten, wann ist das vergangen?

Dieses alternative schamanistische Kloster. Was soll das? Warum sollte er? Sind die alle irre? Der auf dem Weg aufgenommene verlassene Mann einer traulichen Familie blüht auf, er kommt sich vera.... vor. Was sind das hier für Typen?

Und dann stirbt noch einer dieser "Ich bin freiwillig hier und genieße es"-Typen. Er natürlich, gerade er muss da gerade vorbeifahren. Und dann bemerken. Er hat gerade den Tod des Liebhabers seiner Frau festgestellt.

und so geht das dahin. Bis er dann die Frau des Liebhabers seiner Frau nach hause bringt, wieder in Amsterdam ist (ach ja, da war er doch schon ein Jahr vorher, um eine Lösung zu unterstützen, die für ihne keine Lösung war), und dann wieder seine Frau. Was soll er ohne sie? Wer ist er?

Und dann eben. Ruft sie an. "Was machen wir jetzt?"


Ein wunderbar erzähltes Meisterwerk der stillen Entwicklun! Doris Dörrie begleitet ihn und uns durch eine Entwicklungszeit, wenn die Kinder groß, die Ehe in die Jahre gekommen, und wir selbst uns neu aufstellen müssen.

Für alle, die gerne schöne Sprache, aktuelles Thema, und ein Da-Sein, Am-Punkt-Sein mögen.


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Donnerstag, 18. Oktober 2012

Ein Hohelied auf Konrad Paul Liessmann

Nicht nur, dass Konrad Paul Liessmann ein großartiger Philosoph ist, seine Bücher mehr als lesenswert, bemerkenswert, merkenswert, bearbeitenswert, genusswert, bildungswert, wertig eben sind.

Nicht nur, dass Konrad Paul Liessmann in den philosophischen Gesprächen (Philosophicum Lech) eine Orientierung und Sinnfindung fördert, zulässt, unterstützt, umsetzt, organisiert, ermöglicht.

und das wäre schon genug.

Nicht nur deshalb bin ich ihm sehr verbunden - und ich muss schon gestehen, dass ich seine Texte mit Genuss lese - sondern seit neuestem auch, weil er in einem Interview - einem sehr langen Interview - gesagt hat, er gehe in keine Lokale, wo Ö3 gespielt wird. DANKE! Danke! danke dafür, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der sich von Ö3 (und anderen Radiosendern) in Lokalen berieselt, geräuschverschmutzt, belästigt fühlt.

Wie komme ich dazu, von Radiosendungen in Lokalen beschallt zu werden?

Wie soll man ein ordentliches Gespräch führen, einen guten Text lesen, einen Gedanken ganz zu Ende denken können, wenn man geräuschvermüllt wird?

Eine, die von Herzen dankbar ist, dass sie nicht allein. Dabei, von Berieselung belästigt zu sein.


 
Im übrigen wäre ich für die Gründung eines Vereins gegen Geräuschmüll.


Hier sehen Sie, welch umfangreiche Literaturliste Herr Liessmann bereits geschaffen hat.