Sonntag, 30. September 2012

Die Königin ist tot. Olga Flor

Olga Flor. Die Königin ist tot.

In einem Leben voller Berechnung und Kälte, abgestumpfter Machtmogule, lebt die Protagonistin. Selbst rechnend, kalt, abwägend.

Die Sprache. brutal. immer wieder blitzt in mir auf: Elfriede Jelinek! Doch dies hat nicht Elfriede Jelinek geschrieben, sondern Olga Flor. Gut. Die neue Jelinek.

Empfehlen? Wem?

Großartig, klar, gerade, undurchsichtig, aufdeckend, aufdeckerisch, Medienmacht. Spieler. Spielbestimmend. kein Wert, alles wertlos, geil und verachtend.

Die neue Welt.


höchstes literarisches Niveau. Für solche, die sich in Bernhardschen Sätzen und Jelinekschen Seiten vergraben können.


www.buchwelten.at

Samstag, 29. September 2012

Die Schönheit und die Hölle. Roberto Saviano.

"Die Gefährlichkeit des Lesens. .... Ich habe in einem Dutzend verschiedener Wohnungen gelebt, in keiner länger als ein paar Monate.Alle waren klein, sogar sehr klein, .... " (Seite 9)

Roberto Saviano ist Journalist im Mafia Staat. Er lässt sich nicht beirren, er schweigt nicht. Nicht über die Geschäfte der Müll-Mafia, nicht über die Erpressung, nicht über die Veränderung der Bevölkerung.

Er schreibt über Grundwerte, über persönliche Aufrichtigkeit, über Anstand.

Direkt, ungeschminkt, immer in persönlicher Not; er ist ein Geächteter, ein von der Mafia Verfolgter, doch er lässt sich nicht beugen, er bleibt seiner Berufsethik treu.

In diesem Taschenbuch dürfen wir ihn begleiten, durch seine Wohnsituation, bei Gesprächen mit großen und berühmten Persönlichkeiten, dürfen teilnehmen an der Sorge über sein geliebtes Land, Menschen kennenlernen, von denen wir lernen können, an deren Mut wir mitwachsen können. Wir hören ihm zu, wenn er seine Meinung zur aktuellen gesellschaftlichen Situation kundtut.

Letztes Kapitel. Wer schreibt, muss sterben. (Seine Hochachtung vor dem Wirken der Journalistin Anna Politkowskaja, die über den Tschetschenienkrieg berichtete und ermordert wurde.)

Er lebt noch.

Und mit ihm die Hoffnung, dass es Menschen gibt, die unsere Gesellschaft reinigen. Die die Fahne hochhalten, Orientierung geben.

Wir brauchen viele von Ihnen, wir müssen es selbst sein, Sumpf, Dreck und Gestank dürfen unsere Kultur nicht zumüllen. Und die Realität findet statt. Vogel-Strauß-Agieren nützt den institutionellen Verbrechern.


Ich lese dieses Buch seit Jänner 2012. Es ist eines von denen, das man immer wieder zur Hand nehmen kann, dieses Interview und jenen Abschnitt zu wiederholen. Es ist mein einziges Esels-Ohren-Umgebogen-Buch, hat viele Stellen von hervorgehobenen Textpassagen wie dieser zum Beispiel: "... bis ich endlich verstand, dass niemand sein Schicksal selbst bestimmt. Bestimmen kann man jedoch immer die Art und Weise, wie man damit umgeht. ..." (Seite 20) oder später, wo er über die Umweltverschmutzung in Süditalien spricht: "...Der gerissenste Gegner ist nicht der, der dir alles nimmt, sondern der, der dich ganz langsam daran gewöhnt, nichts mehr zu haben." (Seite 195)



Ein Lehrwerk, ein Lebensbuch, eine Aufsatzsammlung in 295 Seiten und 27 Abschnitten.


www.buchwelten.at 

"Die Schönheit und die Hölle ist ein Buch über die Gefahr, über den Mut und die Kunst des Schreibens. Vor allem ist es ein Buch über Savianos Helden, seine Vorbilder, über kompromisslose Kämpfer auf dem Feld der Wahrheit." Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Preis des Europäischen Buches 2010.



Montag, 10. September 2012

Kashgar oder Mit dem Fahrrad durch die Wüste

Kashgar oder Mit dem Fahrrad durch die Wüste

1. ist das Cover wirklich schön. Und Bücher, die so schöne Cover haben haben auch das Recht, näher angesehen zu werden. So ist das.

2. Man stellt sich auf einen Reiseroman, Marke "wahre Erlebnisse" ein.

3. alles kommt ganz anders.

4. uns schon bist du drinnen. In diesem Plan des Landes "Sinkiang", das es tatsächlich einmal gegeben hat. Heute dürfte es wohl ein Teil Chinas sein. (Nähere Recherchen bitte an mich senden.) Also links von China, nördlich von Tibet und westlich der Mongolei.

Zwei junge Engländerin fahren mit einer älteren Missionarin dorthin, um die Ungläubigen zu misisonieren. 1923. Aber ganz so ist es nicht, die eine Schwester ist der Missionarin verfallen und meint es ernst, die andere will einfach aus dem engen bürgerlichen Millieu entfliehen.

Gleichzeitig findet in der Gegenwart eine Lebensgeschichte einer Frieda statt. Das Buch switcht zwischen 1923 und jetzt, wobei sich auch die Sprache ganz gewaltig ändert. Diese schwülstig-romantisch-höflich-bürgerlich-erzogene Tagebuchsprache von Evangeline und die klare, gerade Denk-Sprache von Frieda.

Besonders sind die Anweisungen aus einem Radfahrlehrbuch aus 1920, das Evangelina mithat, da sie ja mit dem Fahrrad durch die Wüste fahren möchte. Höchst witzig. Zu jedem Kapitelbeginn. Gleichzeitig die Federmalereien zu jedem Kapitelbeginn der Gegenwart.


5. Fazit. Evangeline und Frieda haben natürlich etwas gemeinsam, irgendeinen Grund muss es ja geben, warum diese beide Frauen uns parallel ihre Geschichte erzählen. Was es ist. Ein roadmovie?. Ein Frauenroman? Schwer zu sagen. Einerseits spannend, da es die Kriege im fernen Asien näher bringt. Andererseits fesselnd, wie diese ahnungslosen jungen Frauen durch solche Gefahren kommen, gleichzeitig eine gute Beschreibung des Lebens, der Kulturen im fernen Osten zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Und drittens eine verlorene Frieda in England, die - und das bleibt offen - Wurzeln findet...


Jedenfalls ist es wirklich schön zu lesen und ich konnte gar nicht aufhören. 459 Seiten in zwei Tagen. Das sagt schon viel aus. Einmal in der Hand - nicht mehr weggelegt.

Ein schönes Geschenkbuch (für sich selbst und liebe Leute)