Freitag, 31. August 2012

Verteidigung der Missionarsstellung. Wolf Haas

Wolf Haas, das ist so, als ob man an einem gemütlichen Ort sitzt, ein wunderbarer Erzähler in der Runde und du hörst einfach zu. Genussvoll, unterhaltend, lustig, verwirrend - der Herr hat ja einen wunderbar trockenen Schmäh - einfach so, wie mans gerne hat, wenn mans im Freundeskreis nett hat.

Ja, das kann er, der Wolf Haas, köstlich unterhalten.

Mit Genuss habe ich diesen Roman verschlungen, laut lachend, peinlich laut lachend, aufspringend, anderen Textpassagen vorlesend (wobei im Lachen vorlesend, also konnte es niemand wirklich verstehen), dann wieder langsam hineinlesend, querlesend (;-)) groß- und kleinlesend...

Da hat er sich schon manchen Spaß erlaubt, der Herr Haas.


LESEN! und anderen Teile vorlesen, oder vorerzählen, wie dieses erzählte Buch eben die Geschichte von Benjamin Lee Baumgartner erzählt. und seinen Schwierigkeiten ....



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Sonntag, 26. August 2012

Nullzeit. Roman von Juli Zeh


Ein Mann, der sich raushalten will, dessen Lebenskonzept, das "Nicht-Einmischen" ist. 

Ein Leben, wie es viele erträumen. Ausgestiegen, harmonisch, glücklich, ruhig. Nur das tun, was man gerne macht. Ein Super-Team. Lauter nette Leute, alle ausgestiegen aus einem Leben.

Er nennt Deutschland Kriegszone. Seine neue Welt ist friedlich. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.

Aber dann wird er eingemischt. Radikal. Tödlich.

Am Ende weiß er: solange du dein Kriegsgebiet bist, kanns du keinen Frieden haben. Oder: vor dir selbst kannst du nicht davon laufen.

Ja und: nicht einmischen funktioniert nicht auf Dauer.


Juli Zeh bringt uns einen harten Roman. Die Realitäten verschwimmen, selbst als Leserin steht ständig Aussage gegen Aussage, Erfahrung gegen Erfahrung. Wer bildet sich hier etwas ein? Sie führt uns psychobrutal zum Tauch-Tiefpunkt. Eine kaputte Welt, eine brutale Welt trifft auf eine flüchtende Welt.

Literarisch hochklassig, 



Samstag, 25. August 2012

Das Spinoza-Problem

Das Spinoza-Problem. Dieses Buch hat mich wie ein Magnet angezogen, gerade erst ausgepackt, auf den zugedachten Verkaufsplatz gelegt, konnte ich es dort nicht liegen lassen, es musste gleich mit mir nach Hause gehen.

Unter den Nussbaum, in die Hollywoodschaukel, .... und reintauchen.

Irvin D. Yalom ist ein sehr gescheiter Mann. Ein hoch anerkannter Psychoanalytiker.

In "Das Spinoza-Problem" zeigt er die Verbindung zwischen dem großen jüdischen Philosophen des 17. Jahrhunderts und dem wahnsinnigen Ideologen der Nazis, Alfred Rosenberg.

Der Aufbau des Buches: immer abwechselnd ein Kapitel Spinoza, ein Kapitel Rosenberg.


Spinoza hat den Grundstein vieler Philosophen des Abendlands gelegt, nach den großen Philosophen der Antike hat es in Europa die dunkle Zeit des Mittelalters gegeben, in der sich keine großen Philosophen entwickeln konnten. Die großen Denker des 18. und 19. Jahrhunderts hielten sich an Spinoza an, wie auch z. B. Goethe Spinoza als eines seiner großen Vorbilder nannte.

Und hier beginnt die Verbindung zu Rosenberg, der zerfressen von der Idee der Reinrassigkeit nur "echte deutsche" Vorbilder akzeptierte, wie eben Goethe. Seine Lehrer waren von seinen Reden dermaßen entsetzt, dass er zur Strafaufgabe erhielt, die Texte Spinozas zu erarbeiten, den Goethe als sein größtes Vorbild genannt hatte.

Und dieser Spinoza lässt Rosenberg sein ganzes Leben lang keine Ruhe mehr, alle möglichen Verschwörungstheorien denkt er sich aus (Spinoza war gar kein Jude, Goethe hat gar keinen Gefallen an Spinoza gefunden, ...) um mit der Realität, dass ein Jude die Gedanken des säkularen Stattes und der Aufklärung erstmals formulierte, brechen zu können.

Die Denke des Nazi-Ideologie wird bei Rosenberg komprimiert so glasklar sichtbar; diese unwahrscheinliche Verhetztheit, dieser Fokus nur auf ein einziges Merkmal (Jude oder nicht, Volksblutverschmutzer oder nicht). Rosenberg schafft natürlich kein durchgehendes ideologisches Gebilde, wird aber in seinem großen Werk in Nazideutschland höchst honoriert. (Er war von Beginn weg Weggefährte Hitlers, behauptet auch, Hitler hätte sein Gedankengut verwendet).


Spinoza auf der anderen Seite kämpft gegen Aberglaube und einengenden Reglements. Als hochgebildeter Jude in Amsterdam lässt er sich von der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausschließen (obwohl er als Rabbi vorgesehen war), da er sich in keinster Weise in seinem ethischen Gebilde beugen will. Er wählt die absolute Freiheit, was bei ihm ein Leben abseits der Gesellschaft bedeutete, jedoch gleichzeitig ihm ermöglichte seine philosophischen Gedanken offen zu formulieren. Seine Bücher wurden unmittelbar nach Erscheinen (anonym) mit jüdischem und Kirchenbann belegt.

Irvin D. Yalom erklärt am Anfang des Buches, was er mit uns vorhat: Seine persönliche Erforschung der Verbindung zwischen einem humanen Freigeist, der den Weg in Richtung Aufklärung vorbereitete, und einem gestörten Nazi-Ideologen durch die Wahl der Romanform lesbar und verständlich zu machen.

Chapeau! Gelungen!

Ein kurzweiliger Roman, der in die Tiefen der philosophischen Denkmodelle einführt, der die Entwicklung eines gestörten Hassmenschen begleitet und der durch den vergleichenden Aufbau immer übersichtlich bleibt (selbst bei der Sprachwahl führt uns Yalom so treffend
in die unterschiedlichen Jahrhunderte ein!)

... mich erinnert es auch an "Sophies Welt".


Lehrreich, lehrreich, lehrreich
easy to handle
spannend
tiefsinnig.

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hier auch eine gute Kritik auf NDR.

Sonntag, 12. August 2012

Die Unzertrennlichen

Die Unzerternnlichen. von Lilian Faschinger

Der erste Satz Kapitel 1: Dass ich am Begräbnis meines Vaters teilnahm, war der erste Fehler
Der erste Satz Kapitel 2: Der zweite Fehler war es, das Erbe meines Vaters anzutreten.

Lilian Faschinger teilt ihren Roman in drei große Teile:
I) Sausal (ein Ort in der Steiermark)
II) Procida (eine Insel in Italien)
III) Sausal (noch immer der gleiche Ort in der Steiermark)

hardcore Landidylle. hardcore Familiengeschichte. hardcore Liebesgeschichte

Lilian Faschinger blättert die Landidylle mit all ihrer Scheinheiligkeit, Obrigkeitshörigkeit und Bigotterie auf. Aber wie. Und sie blättert die Fassaden auf.

Und dabei sie, die Protagonistin, die sich ständig sagen lassen muss, dass an ihr ja so ziemlich alles verkehrt ist, die auch eine beste Freundin hatte, die auch supersupersuper war und sie das Mauerblümchen. Die aus einer Ehe entstanden ist, "Blumenkinder".

Der Roman ist im ersten Teil ein Roman, eine Geschichte eine persönliche Lebenserfahrung einer Ärztin, die aufgrund des Ablebens ihres Vaters wieder zurück ins Dorf Sausal muss. Enge, Vorwürfe, nur ein alter Freund taucht auf, er traumatisiert vom tragischen Tod seiner über alles geliebten Frau.

Der Überwachungsstaat Kleindorfidylle funktioniert, keine Bewegung ist möglich, ohne dass die Großmutter (Hexe) dies nicht mitbekäme. (Für alle, die in kleinen Dörfer aufgewachsen sind bieten sich viele viele nette kleine Wiedererkennungseffekte bei den Typenbeschreibungen der Großfamilie.)

Wie aber die Protagonistin in ihrer ruhigen Art und in ihrer geweckten Neugier dann Nachforschungen betreibt, wie sie auch ihre eigenen Selbsttäuschungen erkennt und wie dann der Roman sich zu einem spannenden Thriller entwickelt - ja das müssen sie selbst lesen.

Gute, sehr empfehlenswerte Lektüre. Für alle die gute Charakterstudien lieben.

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ps: Samstag Nachmittag plus Sonntag Nachmittag, quasi in einem Atemzug durch-reingesogen.

"Umwege sind nicht Lilian Faschingers Art. Sie kommt in Die Unzertrennlichen schnell zur Sache, treibt den Plot voran, charakterisiert die Figuren kurz und treffend und lässt bei all dem noch genug Raum, um in dem sich nach und nach entfaltenden Kriminalfall so manche überraschende Wendung zu präsentieren." Sebastian Fasthuber, Falter, 25.07.2012

Freitag, 10. August 2012

Machen Sie sich bitte frei.

Uwe Böschemeyer. Machen Sie sich bitte frei. Entdecken Sie Ihre Furchtlosigkeit.

Das Buch beginnt so: "Ich habe eine Reihe von Büchern geschrieben und immer geahnt, dass ich irgendwann einmal "mein" Buch schreiben würde, also das, was unmittelbar mit mir und meinem Leben zu tun hat."

Ja, und so ist dieses Buch auch. Konkret, lebensnah, tröstlich, erklärend, fordernd, fördernd, lesbar. 

Falls Sie jemals Salcher "Der verletzte Mensch" gelesen haben - das war die Pflicht, hier kommt die Kür!
Was Rotraut Perner anhand der Bilder der "Vier Temperamente", der Erkenntnisse des Tiefenpsychoanalytikers Viktor Adler und der "Quadrinität" nach C. G. Jung erklärt (ihr neues Buch "Der erschöpfte Mensch" ist sehr zu empfehlen) betrachtet Uwe Böschemeyer aus der Sicht der existenzanalytischen Logotherapie nach Viktor E. Frankl, die er selbst weiterentwickelte zur Wertimaginativen Logotherapie.

NICHT SCHRECKEN!

Mir ist einfach wichtig, auf welchem Hintergrundgebäude die Argumentation aufbaut und uns damit ein durchgängig logisches nachvollziehbares Konstrukt gibt, Seriösität sozusagen. Beide Autoren, Rotraut A. Perner und Uwe Böschemeyer sind anerkannte Wissenschaftler.





Zur Hand nehmen, reinblättern, wieder zur Hand nehmen, weiterlesen, immer wieder Textpassagen wiederholen, in einmen durchlesen, zurückblättern, das Inhaltsverzeichnis studieren, ganz die letzte Seite nochmals lesen, es integrieren, im Haus leben lassen. Zur Reifung verwenden.

Alles Gute, Freude und Erkenntnis
wünscht
Herta Emmer


Mittwoch, 8. August 2012

Mai und Juni - die Leseliste

Falls jemand bemerkt hat, dass meine Rezensionen im Mai und Juni mehr als mager ausgefallen sind; dies nicht deshalb weil ich nichts gelesen hätte - ganz im Gegenteil! - sondern weil ich intensiv beschäftigt war.

Das Thema, das mir mein Leben gestellt hatte war: schwere Krankheit und Tod von nahen Angehörigen. Konkret: Krebs im Endstadium. Und alle damit verbundenen ups and downs, der Kranken, der Angehörigen, des gesamten sozialen Umfelds.

Ein großes Lob an die engagierten Frauen und Männer, die als Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen, Seelsorgerinnen und Seelsorger, Krankenschwestern, koordinierende Leiterinnen, verständige FreundInnen, unterstützende Mitarbeiterinnen, unserer Familie in dieser Zeit geholfen haben.

Für alle jene, die eine solche Lebenssituation durchmachen, erwarten, durchgemacht haben biete ich hier einen kleinen Überblick der Lektüre in dieser Zeit an.

Der erschöpfte Mensch. von Rotraud A. Perner

Falls Sie einen fundierten Überblick über unsere derzeitige gesellschaftliche Situation lesen wollen - bitteschön!

Rotraud A. Perner setzt sich auf 188 Seiten mit der Entwicklung unserer industrialisierten Gesellschaft auseinander, wissenschaftlich fundiert, unterspickt mit Zitaten von Philosophen aller Generationen, sie analysiert leicht lesbar die Auswirkungen unserer Gesellschaft auf die einzelne Person und bietet in Beispielen Orientierung an.

Sie geißelt Pseudo-Helfer, -Heiler und Heilsbringer als weitere Methodiken die Menschen in ihrer Not noch mehr allein zu lassen, da sie keine nachhaltige Auseindandeersetzung mit der Aufgabe des Lebens leisten. Sondern vielmehr in einer Konsumgesellschaft dem Konsumenten niemals die Wahrheit (falls sich diese Personen mit ihren trivialen Modellen dieser überhaupt annähern können) offenbaren werden, da der Konsument ja dann vielleicht nicht mehr kauft.

Sie plädiert für eine erwachsene Auseinandersetzung mit den Polaritäten, den Lebenstempi, der Zumutungen an sich selbst und dem gesunden Aufrichten einer Person an sich selbst.

und all das ist natürlich nur ein billiger Abklatsch dessen, wie Rotraud Perner formuliert. Ein Genuss zu lesen (erfordert aber denken, was auch ein Genuss ist). Ein tröstliches Buch, ein gescheites Buch, eines das man vielen Menschen empfehlen möchte, das man jungen Menschen empfehlen möchte, das diskutiert gehört - und zwar öffentlich.

Vielleicht finden sich ja Menschen, die die in diesem Buch aufgestellten Thesen auch reflektieren wollen.

Mir hat die Lektüre von "Der erschöpfte Mensch" wirklich gut getan. Ich mag gescheite Bücher, das muss ich schon dazusagen.


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Dienstag, 7. August 2012

Kassiopeia

"Dafür habe ich jetzt wirklich keine Zeit". Für diesen Roman. Die Beschreibung auf der Rückseite beginnt mit: "Judit Kalman ist ein Glückskind..."

Aber was soll ich tun, es verfolgt mich, landet plötzlich unerwartet in meiner Tasche, acanciert zum "meistherumgetragenenbuchallerzeiten". Man sieht dem Umschlag seine Benutzung an, bevor eine Zeile gelesen wurde.

Ein quasi-Zwang anzufangen, überfällt mich. Und dann fange ich eben an, was solls, alle anderen Stapel von Büchern, die auf meinen Schränken, Nachtkasteln, hineingeschoben in Bücherregal-Löcher herumliegen verblassen, wandern in die zweite Reihe, werden fade, schal, uninteressant.

So ist es dann auch. Kassiopeia hat keine dramaturgische Handlung. Jedenfalls sehr lange nicht. Aber Sprachwitz (selten so gelacht, manche Stellen werden in zwangsbeglückender Handlung Freunden spontan vorgelesen.) Judit Kalman durch ihre Zeit in Venedig zu begleiten und durch all ihre Erinnerungen, Gedankensprünge, Vor- und Zurückgeschichten, mit all den Familiengeschichten, -ereignissen, ihren Freundinnen, Liebhabern, Männern, Verwandten; die Sprachgewalt von Bettina Baláka (bitte mehr Romane! bitte!) all das ist - ein Ereignis!

Im letzten Drittel noch frage ich mich, warum ich in den Erzählungen zu diesem Buch gelesen habe, es sei eine Liebesgeschichte zwischen Judit Kalman und dem Autor Markus Bachgraben? Und die Frage, wer hier wen benütze sei nicht geklärt? Darum gehts das ganze Buch lang nur - um überhaupt einen Faden in der Geschichte zu haben - am Rande. Und ganz zum Schluss.

Und es hört abrupt auf.

Ein großartiger Roman!
Sprachwitz, Wortgewalt, Geschichte, Frauen, Männer, 

Unterhaltung auf höchstem Niveau. Gute Unterhaltung auf höchstem Niveau. ... und die ganz speziellen Romanstellen - ja die werde ich weiterhin zur zitat-zwangsbeglückung lieber Freunde verwenden. Weil ganze Abschnitte, einzelne Sätze, Kombinationen von Charakteren - wirklich merkens-, bemerkens- und zitationswert sind.


Viel Lesegenuss
wünscht Herta Emmer