Freitag, 28. Dezember 2012

Grimms Märchen

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Schon das ganze Jahr 2012 beschäftigte ich mich mit dem Jubilar: Die erste Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm erschien am 20.12.1812.

Das Beispielbuch ist die mir umfassendste und dabei schönste Ausgabe, mit Hintergrundinformationen zu den Märchenzuträgern.

Es lohnt sich, sich wiedereinmal in die vielen Geschichten hineinzulassen!

Wer kennt die Geschichte vom Langen, vom Durstigen und vom Scharfsichtigen? Wer die vom Teufel mit den drei Goldenen Haaren?

Die Zeit Edition Geschichte hat sich in einer gesamten Ausgabe der Würdigung der Gebrüder Grimm und ihrer - sich immer wieder verändernden - Geschichtensammlung hingegeben. Wunderbar und lesenswert! Viele Aufsätze, märchenhafte Erzählungen, wunderbare persönliche Zugänge, wissenschaftlich erwiesene historische Berichte, bunt durchgemixt kommt die Zeitschrift entgegen und will aufgenommen und gelesen werden.

Zeit. Geschichte. Die Brüder Grimm.

Abgesehen vom großen Kulturschatz, der uns erhalten blieb finden wir in den Märchen alle Archetypen wieder, der Kampf des Guten gegen das Böse, der Gerechten gegen die Ungerechtigkeit, die Wandlungs- und Reifeprozesse der Prinzen und Prinzessinen, bunten Tiere, armen Junkers - und vor allem: die Liebe.

Es lohnt sich!

Gönnen Sie sich selbst (und bitte auch ihren Kindern) schöne Nachmittage und Abende beim Durchblättern und (Vor-)lesen aus ihrer Märchensammlung.


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Der (kleine) Hobbit

 Der kleine Hobbit. Oder. Der Hobbit.

Aus gegebenem Anlass habe ich das Buch wieder zur Hand genommen. Vor vielen Jahren habe ich es meinen Kindern vorgelesen, vielmehr wir Eltern haben uns beim Vorlesen des kleinen Hobbits abgewechselt - von der Faszination ist nichts abhanden gekommen!

Aus Neugier, ob es denn nun verschiedene Hobbitgeschichten gäbe und ich eine versäumt hätte, habe ich mir die vielen Bücher zur Hand genommen, die "Der Hobbit" oder "Der kleine Hobbit" heißen. Aber nein, es gibt zwei Übersetzungsvarianten. Und beide sind gut!

Also - aussuchen, das schönste Buch wählen, und eintauchen in die wunderbare faszinierende Welt Tolkiens.

Ich konnte mich dem Reiz nicht entziehen und habe die Geschichte mit großem Genuss gelesen. Bilbo Beutlin, der Held, die Zwerge mit ihren merkwürdigen Namen, der große Zauber, der über der Geschichte liegt.

Ein Lesegenuss!

Entspannen, mitreisen, sich von der wunderbaren, märchenhaften Sprache tragen lassen.


Für alle von 9-99!

Ich wünsche viele schöne Lesestunden

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Montag, 29. Oktober 2012

Lügen auf Albanisch

Lügen auf Albanisch. Von Francine Prose.

Gute Unterhaltung mit Wahrheitstouch.! Für alle, die "die Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" geliebt haben - bittesehr hier ist Nachschub!

Eine albanische Immigrantin berichtet von ihrem Leben in Amerika. Vor allem von den Amerikanern, die sie punktgenau, ungeschnörkelt, aus ihrer Sicht, gespickt mit vielen Beispielen und zusätzlich garniert mit inneren Monologen, in denen sie diese mit ihrer alten Heimat vergleicht, beschreibt.

Ein Lesevergnügen.

Gleichzeitig dröselt sie so ziemlich jegliches Klischee auf. Und sie bleibt distanziert, urteilt nicht, beschreibt nur.

Und noch etwas. Wenn du aus einer Diktatur kommst, in einer aufgewachsen bist: das prägt. für immer.

Leben. Darum geht es. Und um ein bißchen Glück. Das wär dann schon was.




Samstag, 27. Oktober 2012

Monsieur Paulin und ich

Monsieur Paulin und ich.

die zehnjährige Jeanne lebt in einem gutbürgerlichen Haushalt ganz allein. Ihre Eltern sind mit sich selbst beschäftigt. Besonders Samstag ist ihre Einsamkeit unerträglich. Sie wünscht sich einen Babysitter, doch ihre Mutter meint: "Babysitter. Das beginnt mit Baby. Du bist kein Baby mehr. Putz dir die Zähne und geh rechtzeitig schlafen."

Ihr Vater träumt Samstag nachmittags und ist nicht ansprechbar.

Jeanne lebt ihr eigenes Leben. Sie wird zum Klavierspiel gezwunden, die Klarinette ist ein Heiligtum des Vaters. Sie spielt geheim. Sie hat auch einen Freund. Er ist Einbrecher, mit ihm verbringt sie schöne Stunden. Sie übernimmt das Kommando und plant eine große Einbrecherkarriere für ihren Freund.

...
Bald schon ist klar, dass Monsieur Paulin eine Phantasiegestalt ist. Wichtig für das Mädchen, das mit lächerlicher Kleidung und einer peinlichen Brille in der Schule gepiesakt wird, niemandem zum Aussprechen findet. Selbst die liebliche Tante ist nur berechnend freundlich um an ihren reichen Schwager zu gelangt.

Wichtig ist Monsieur Paulin, mit dem sie auch durch die Straßen zieht. Als ihre Eltern einmal sehr intensiv streiten, vermeint sie einen Schuss zu hören, das Wohnzimmer ist leer, das stellt auch Monsieur Paulin fest. Somit ist ihr einfacher Rückschluss: sie ist nur ein Waisenkind mit einem flüchtigen Elternteil.

Ihre Konsequenz. Gemeinsam mit dem Cloquard zieht sie durch Paris.

Sie verlottert immer mehr und irgendwann ist auch Monsieur Paulin verschwunden.


Das Buch gibt bis zum letzten Drittel viel her, wenn man akzeptiert, dass die vordergründige Erzählung eine Phantasiegeschichte ist und der Autor sich regelmäßig bemüßigt fühlt, Kommentare einzufügen. Die Geschichte lebt für sich.

Am Ende zeichnet sie sich durch gewisse Längen aus, was mich aber nicht davon abgehalten hat, das Buch bis zum Schluss zu lesen.

Denn: Jeanne wird wieder gefunden und erlebt eine unerwartete, heiß ersehnte Nähe durch ihre Eltern. Vielleicht wird alles wieder gut.



Ich rätsle noch, ob ich es mit einem Kinder- und Jugenbuch oder mit einem Erwachsenenroman zu tun hatte. Oft schon erlebte ich hier fließende Übergänge.

Jedenfalls lesbar für: Eltern.


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Was machen wir jetzt?


Doris Dörrie. Was machen wir jetzt?

Was machen wir, wenn die Ehe älter ist, die Jahre vergangen, die persönliche Entwicklung nicht parallel? Wenn das Kind sich nicht so entwickelt hat, wie wir es uns vorgestellt haben?

Aus der Sicht des Mannes.

Wie geht er damit um, dass er nur Handlanger ist in dieser Familie? Dass er nur so da ist, oft kommt er sich unnötig vor. Und dann soll er noch seiner Tochter das Hirngespinst mit Indien ausreden. Weil sie es so will, seine Frau, die alles in der Hand hält. Auch ihn.

Und so fährt er eben, missmutig, in dieses Kloster, um zu Schweigen, gemeinsam mit der Tochter, die von seiner Begleitung mehr als abgetörnt ist.

In Gedanken lässt er die Jahre kreisen, als seine Tochter und er noch eins waren, als sie sich noch nahe kommen konnten, wann ist das vergangen?

Dieses alternative schamanistische Kloster. Was soll das? Warum sollte er? Sind die alle irre? Der auf dem Weg aufgenommene verlassene Mann einer traulichen Familie blüht auf, er kommt sich vera.... vor. Was sind das hier für Typen?

Und dann stirbt noch einer dieser "Ich bin freiwillig hier und genieße es"-Typen. Er natürlich, gerade er muss da gerade vorbeifahren. Und dann bemerken. Er hat gerade den Tod des Liebhabers seiner Frau festgestellt.

und so geht das dahin. Bis er dann die Frau des Liebhabers seiner Frau nach hause bringt, wieder in Amsterdam ist (ach ja, da war er doch schon ein Jahr vorher, um eine Lösung zu unterstützen, die für ihne keine Lösung war), und dann wieder seine Frau. Was soll er ohne sie? Wer ist er?

Und dann eben. Ruft sie an. "Was machen wir jetzt?"


Ein wunderbar erzähltes Meisterwerk der stillen Entwicklun! Doris Dörrie begleitet ihn und uns durch eine Entwicklungszeit, wenn die Kinder groß, die Ehe in die Jahre gekommen, und wir selbst uns neu aufstellen müssen.

Für alle, die gerne schöne Sprache, aktuelles Thema, und ein Da-Sein, Am-Punkt-Sein mögen.


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Donnerstag, 18. Oktober 2012

Ein Hohelied auf Konrad Paul Liessmann

Nicht nur, dass Konrad Paul Liessmann ein großartiger Philosoph ist, seine Bücher mehr als lesenswert, bemerkenswert, merkenswert, bearbeitenswert, genusswert, bildungswert, wertig eben sind.

Nicht nur, dass Konrad Paul Liessmann in den philosophischen Gesprächen (Philosophicum Lech) eine Orientierung und Sinnfindung fördert, zulässt, unterstützt, umsetzt, organisiert, ermöglicht.

und das wäre schon genug.

Nicht nur deshalb bin ich ihm sehr verbunden - und ich muss schon gestehen, dass ich seine Texte mit Genuss lese - sondern seit neuestem auch, weil er in einem Interview - einem sehr langen Interview - gesagt hat, er gehe in keine Lokale, wo Ö3 gespielt wird. DANKE! Danke! danke dafür, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der sich von Ö3 (und anderen Radiosendern) in Lokalen berieselt, geräuschverschmutzt, belästigt fühlt.

Wie komme ich dazu, von Radiosendungen in Lokalen beschallt zu werden?

Wie soll man ein ordentliches Gespräch führen, einen guten Text lesen, einen Gedanken ganz zu Ende denken können, wenn man geräuschvermüllt wird?

Eine, die von Herzen dankbar ist, dass sie nicht allein. Dabei, von Berieselung belästigt zu sein.


 
Im übrigen wäre ich für die Gründung eines Vereins gegen Geräuschmüll.


Hier sehen Sie, welch umfangreiche Literaturliste Herr Liessmann bereits geschaffen hat.



Sonntag, 30. September 2012

Die Königin ist tot. Olga Flor

Olga Flor. Die Königin ist tot.

In einem Leben voller Berechnung und Kälte, abgestumpfter Machtmogule, lebt die Protagonistin. Selbst rechnend, kalt, abwägend.

Die Sprache. brutal. immer wieder blitzt in mir auf: Elfriede Jelinek! Doch dies hat nicht Elfriede Jelinek geschrieben, sondern Olga Flor. Gut. Die neue Jelinek.

Empfehlen? Wem?

Großartig, klar, gerade, undurchsichtig, aufdeckend, aufdeckerisch, Medienmacht. Spieler. Spielbestimmend. kein Wert, alles wertlos, geil und verachtend.

Die neue Welt.


höchstes literarisches Niveau. Für solche, die sich in Bernhardschen Sätzen und Jelinekschen Seiten vergraben können.


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Samstag, 29. September 2012

Die Schönheit und die Hölle. Roberto Saviano.

"Die Gefährlichkeit des Lesens. .... Ich habe in einem Dutzend verschiedener Wohnungen gelebt, in keiner länger als ein paar Monate.Alle waren klein, sogar sehr klein, .... " (Seite 9)

Roberto Saviano ist Journalist im Mafia Staat. Er lässt sich nicht beirren, er schweigt nicht. Nicht über die Geschäfte der Müll-Mafia, nicht über die Erpressung, nicht über die Veränderung der Bevölkerung.

Er schreibt über Grundwerte, über persönliche Aufrichtigkeit, über Anstand.

Direkt, ungeschminkt, immer in persönlicher Not; er ist ein Geächteter, ein von der Mafia Verfolgter, doch er lässt sich nicht beugen, er bleibt seiner Berufsethik treu.

In diesem Taschenbuch dürfen wir ihn begleiten, durch seine Wohnsituation, bei Gesprächen mit großen und berühmten Persönlichkeiten, dürfen teilnehmen an der Sorge über sein geliebtes Land, Menschen kennenlernen, von denen wir lernen können, an deren Mut wir mitwachsen können. Wir hören ihm zu, wenn er seine Meinung zur aktuellen gesellschaftlichen Situation kundtut.

Letztes Kapitel. Wer schreibt, muss sterben. (Seine Hochachtung vor dem Wirken der Journalistin Anna Politkowskaja, die über den Tschetschenienkrieg berichtete und ermordert wurde.)

Er lebt noch.

Und mit ihm die Hoffnung, dass es Menschen gibt, die unsere Gesellschaft reinigen. Die die Fahne hochhalten, Orientierung geben.

Wir brauchen viele von Ihnen, wir müssen es selbst sein, Sumpf, Dreck und Gestank dürfen unsere Kultur nicht zumüllen. Und die Realität findet statt. Vogel-Strauß-Agieren nützt den institutionellen Verbrechern.


Ich lese dieses Buch seit Jänner 2012. Es ist eines von denen, das man immer wieder zur Hand nehmen kann, dieses Interview und jenen Abschnitt zu wiederholen. Es ist mein einziges Esels-Ohren-Umgebogen-Buch, hat viele Stellen von hervorgehobenen Textpassagen wie dieser zum Beispiel: "... bis ich endlich verstand, dass niemand sein Schicksal selbst bestimmt. Bestimmen kann man jedoch immer die Art und Weise, wie man damit umgeht. ..." (Seite 20) oder später, wo er über die Umweltverschmutzung in Süditalien spricht: "...Der gerissenste Gegner ist nicht der, der dir alles nimmt, sondern der, der dich ganz langsam daran gewöhnt, nichts mehr zu haben." (Seite 195)



Ein Lehrwerk, ein Lebensbuch, eine Aufsatzsammlung in 295 Seiten und 27 Abschnitten.


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"Die Schönheit und die Hölle ist ein Buch über die Gefahr, über den Mut und die Kunst des Schreibens. Vor allem ist es ein Buch über Savianos Helden, seine Vorbilder, über kompromisslose Kämpfer auf dem Feld der Wahrheit." Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Preis des Europäischen Buches 2010.



Montag, 10. September 2012

Kashgar oder Mit dem Fahrrad durch die Wüste

Kashgar oder Mit dem Fahrrad durch die Wüste

1. ist das Cover wirklich schön. Und Bücher, die so schöne Cover haben haben auch das Recht, näher angesehen zu werden. So ist das.

2. Man stellt sich auf einen Reiseroman, Marke "wahre Erlebnisse" ein.

3. alles kommt ganz anders.

4. uns schon bist du drinnen. In diesem Plan des Landes "Sinkiang", das es tatsächlich einmal gegeben hat. Heute dürfte es wohl ein Teil Chinas sein. (Nähere Recherchen bitte an mich senden.) Also links von China, nördlich von Tibet und westlich der Mongolei.

Zwei junge Engländerin fahren mit einer älteren Missionarin dorthin, um die Ungläubigen zu misisonieren. 1923. Aber ganz so ist es nicht, die eine Schwester ist der Missionarin verfallen und meint es ernst, die andere will einfach aus dem engen bürgerlichen Millieu entfliehen.

Gleichzeitig findet in der Gegenwart eine Lebensgeschichte einer Frieda statt. Das Buch switcht zwischen 1923 und jetzt, wobei sich auch die Sprache ganz gewaltig ändert. Diese schwülstig-romantisch-höflich-bürgerlich-erzogene Tagebuchsprache von Evangeline und die klare, gerade Denk-Sprache von Frieda.

Besonders sind die Anweisungen aus einem Radfahrlehrbuch aus 1920, das Evangelina mithat, da sie ja mit dem Fahrrad durch die Wüste fahren möchte. Höchst witzig. Zu jedem Kapitelbeginn. Gleichzeitig die Federmalereien zu jedem Kapitelbeginn der Gegenwart.


5. Fazit. Evangeline und Frieda haben natürlich etwas gemeinsam, irgendeinen Grund muss es ja geben, warum diese beide Frauen uns parallel ihre Geschichte erzählen. Was es ist. Ein roadmovie?. Ein Frauenroman? Schwer zu sagen. Einerseits spannend, da es die Kriege im fernen Asien näher bringt. Andererseits fesselnd, wie diese ahnungslosen jungen Frauen durch solche Gefahren kommen, gleichzeitig eine gute Beschreibung des Lebens, der Kulturen im fernen Osten zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Und drittens eine verlorene Frieda in England, die - und das bleibt offen - Wurzeln findet...


Jedenfalls ist es wirklich schön zu lesen und ich konnte gar nicht aufhören. 459 Seiten in zwei Tagen. Das sagt schon viel aus. Einmal in der Hand - nicht mehr weggelegt.

Ein schönes Geschenkbuch (für sich selbst und liebe Leute)







Freitag, 31. August 2012

Verteidigung der Missionarsstellung. Wolf Haas

Wolf Haas, das ist so, als ob man an einem gemütlichen Ort sitzt, ein wunderbarer Erzähler in der Runde und du hörst einfach zu. Genussvoll, unterhaltend, lustig, verwirrend - der Herr hat ja einen wunderbar trockenen Schmäh - einfach so, wie mans gerne hat, wenn mans im Freundeskreis nett hat.

Ja, das kann er, der Wolf Haas, köstlich unterhalten.

Mit Genuss habe ich diesen Roman verschlungen, laut lachend, peinlich laut lachend, aufspringend, anderen Textpassagen vorlesend (wobei im Lachen vorlesend, also konnte es niemand wirklich verstehen), dann wieder langsam hineinlesend, querlesend (;-)) groß- und kleinlesend...

Da hat er sich schon manchen Spaß erlaubt, der Herr Haas.


LESEN! und anderen Teile vorlesen, oder vorerzählen, wie dieses erzählte Buch eben die Geschichte von Benjamin Lee Baumgartner erzählt. und seinen Schwierigkeiten ....



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Sonntag, 26. August 2012

Nullzeit. Roman von Juli Zeh


Ein Mann, der sich raushalten will, dessen Lebenskonzept, das "Nicht-Einmischen" ist. 

Ein Leben, wie es viele erträumen. Ausgestiegen, harmonisch, glücklich, ruhig. Nur das tun, was man gerne macht. Ein Super-Team. Lauter nette Leute, alle ausgestiegen aus einem Leben.

Er nennt Deutschland Kriegszone. Seine neue Welt ist friedlich. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.

Aber dann wird er eingemischt. Radikal. Tödlich.

Am Ende weiß er: solange du dein Kriegsgebiet bist, kanns du keinen Frieden haben. Oder: vor dir selbst kannst du nicht davon laufen.

Ja und: nicht einmischen funktioniert nicht auf Dauer.


Juli Zeh bringt uns einen harten Roman. Die Realitäten verschwimmen, selbst als Leserin steht ständig Aussage gegen Aussage, Erfahrung gegen Erfahrung. Wer bildet sich hier etwas ein? Sie führt uns psychobrutal zum Tauch-Tiefpunkt. Eine kaputte Welt, eine brutale Welt trifft auf eine flüchtende Welt.

Literarisch hochklassig, 



Samstag, 25. August 2012

Das Spinoza-Problem

Das Spinoza-Problem. Dieses Buch hat mich wie ein Magnet angezogen, gerade erst ausgepackt, auf den zugedachten Verkaufsplatz gelegt, konnte ich es dort nicht liegen lassen, es musste gleich mit mir nach Hause gehen.

Unter den Nussbaum, in die Hollywoodschaukel, .... und reintauchen.

Irvin D. Yalom ist ein sehr gescheiter Mann. Ein hoch anerkannter Psychoanalytiker.

In "Das Spinoza-Problem" zeigt er die Verbindung zwischen dem großen jüdischen Philosophen des 17. Jahrhunderts und dem wahnsinnigen Ideologen der Nazis, Alfred Rosenberg.

Der Aufbau des Buches: immer abwechselnd ein Kapitel Spinoza, ein Kapitel Rosenberg.


Spinoza hat den Grundstein vieler Philosophen des Abendlands gelegt, nach den großen Philosophen der Antike hat es in Europa die dunkle Zeit des Mittelalters gegeben, in der sich keine großen Philosophen entwickeln konnten. Die großen Denker des 18. und 19. Jahrhunderts hielten sich an Spinoza an, wie auch z. B. Goethe Spinoza als eines seiner großen Vorbilder nannte.

Und hier beginnt die Verbindung zu Rosenberg, der zerfressen von der Idee der Reinrassigkeit nur "echte deutsche" Vorbilder akzeptierte, wie eben Goethe. Seine Lehrer waren von seinen Reden dermaßen entsetzt, dass er zur Strafaufgabe erhielt, die Texte Spinozas zu erarbeiten, den Goethe als sein größtes Vorbild genannt hatte.

Und dieser Spinoza lässt Rosenberg sein ganzes Leben lang keine Ruhe mehr, alle möglichen Verschwörungstheorien denkt er sich aus (Spinoza war gar kein Jude, Goethe hat gar keinen Gefallen an Spinoza gefunden, ...) um mit der Realität, dass ein Jude die Gedanken des säkularen Stattes und der Aufklärung erstmals formulierte, brechen zu können.

Die Denke des Nazi-Ideologie wird bei Rosenberg komprimiert so glasklar sichtbar; diese unwahrscheinliche Verhetztheit, dieser Fokus nur auf ein einziges Merkmal (Jude oder nicht, Volksblutverschmutzer oder nicht). Rosenberg schafft natürlich kein durchgehendes ideologisches Gebilde, wird aber in seinem großen Werk in Nazideutschland höchst honoriert. (Er war von Beginn weg Weggefährte Hitlers, behauptet auch, Hitler hätte sein Gedankengut verwendet).


Spinoza auf der anderen Seite kämpft gegen Aberglaube und einengenden Reglements. Als hochgebildeter Jude in Amsterdam lässt er sich von der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausschließen (obwohl er als Rabbi vorgesehen war), da er sich in keinster Weise in seinem ethischen Gebilde beugen will. Er wählt die absolute Freiheit, was bei ihm ein Leben abseits der Gesellschaft bedeutete, jedoch gleichzeitig ihm ermöglichte seine philosophischen Gedanken offen zu formulieren. Seine Bücher wurden unmittelbar nach Erscheinen (anonym) mit jüdischem und Kirchenbann belegt.

Irvin D. Yalom erklärt am Anfang des Buches, was er mit uns vorhat: Seine persönliche Erforschung der Verbindung zwischen einem humanen Freigeist, der den Weg in Richtung Aufklärung vorbereitete, und einem gestörten Nazi-Ideologen durch die Wahl der Romanform lesbar und verständlich zu machen.

Chapeau! Gelungen!

Ein kurzweiliger Roman, der in die Tiefen der philosophischen Denkmodelle einführt, der die Entwicklung eines gestörten Hassmenschen begleitet und der durch den vergleichenden Aufbau immer übersichtlich bleibt (selbst bei der Sprachwahl führt uns Yalom so treffend
in die unterschiedlichen Jahrhunderte ein!)

... mich erinnert es auch an "Sophies Welt".


Lehrreich, lehrreich, lehrreich
easy to handle
spannend
tiefsinnig.

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hier auch eine gute Kritik auf NDR.

Sonntag, 12. August 2012

Die Unzertrennlichen

Die Unzerternnlichen. von Lilian Faschinger

Der erste Satz Kapitel 1: Dass ich am Begräbnis meines Vaters teilnahm, war der erste Fehler
Der erste Satz Kapitel 2: Der zweite Fehler war es, das Erbe meines Vaters anzutreten.

Lilian Faschinger teilt ihren Roman in drei große Teile:
I) Sausal (ein Ort in der Steiermark)
II) Procida (eine Insel in Italien)
III) Sausal (noch immer der gleiche Ort in der Steiermark)

hardcore Landidylle. hardcore Familiengeschichte. hardcore Liebesgeschichte

Lilian Faschinger blättert die Landidylle mit all ihrer Scheinheiligkeit, Obrigkeitshörigkeit und Bigotterie auf. Aber wie. Und sie blättert die Fassaden auf.

Und dabei sie, die Protagonistin, die sich ständig sagen lassen muss, dass an ihr ja so ziemlich alles verkehrt ist, die auch eine beste Freundin hatte, die auch supersupersuper war und sie das Mauerblümchen. Die aus einer Ehe entstanden ist, "Blumenkinder".

Der Roman ist im ersten Teil ein Roman, eine Geschichte eine persönliche Lebenserfahrung einer Ärztin, die aufgrund des Ablebens ihres Vaters wieder zurück ins Dorf Sausal muss. Enge, Vorwürfe, nur ein alter Freund taucht auf, er traumatisiert vom tragischen Tod seiner über alles geliebten Frau.

Der Überwachungsstaat Kleindorfidylle funktioniert, keine Bewegung ist möglich, ohne dass die Großmutter (Hexe) dies nicht mitbekäme. (Für alle, die in kleinen Dörfer aufgewachsen sind bieten sich viele viele nette kleine Wiedererkennungseffekte bei den Typenbeschreibungen der Großfamilie.)

Wie aber die Protagonistin in ihrer ruhigen Art und in ihrer geweckten Neugier dann Nachforschungen betreibt, wie sie auch ihre eigenen Selbsttäuschungen erkennt und wie dann der Roman sich zu einem spannenden Thriller entwickelt - ja das müssen sie selbst lesen.

Gute, sehr empfehlenswerte Lektüre. Für alle die gute Charakterstudien lieben.

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ps: Samstag Nachmittag plus Sonntag Nachmittag, quasi in einem Atemzug durch-reingesogen.

"Umwege sind nicht Lilian Faschingers Art. Sie kommt in Die Unzertrennlichen schnell zur Sache, treibt den Plot voran, charakterisiert die Figuren kurz und treffend und lässt bei all dem noch genug Raum, um in dem sich nach und nach entfaltenden Kriminalfall so manche überraschende Wendung zu präsentieren." Sebastian Fasthuber, Falter, 25.07.2012

Freitag, 10. August 2012

Machen Sie sich bitte frei.

Uwe Böschemeyer. Machen Sie sich bitte frei. Entdecken Sie Ihre Furchtlosigkeit.

Das Buch beginnt so: "Ich habe eine Reihe von Büchern geschrieben und immer geahnt, dass ich irgendwann einmal "mein" Buch schreiben würde, also das, was unmittelbar mit mir und meinem Leben zu tun hat."

Ja, und so ist dieses Buch auch. Konkret, lebensnah, tröstlich, erklärend, fordernd, fördernd, lesbar. 

Falls Sie jemals Salcher "Der verletzte Mensch" gelesen haben - das war die Pflicht, hier kommt die Kür!
Was Rotraut Perner anhand der Bilder der "Vier Temperamente", der Erkenntnisse des Tiefenpsychoanalytikers Viktor Adler und der "Quadrinität" nach C. G. Jung erklärt (ihr neues Buch "Der erschöpfte Mensch" ist sehr zu empfehlen) betrachtet Uwe Böschemeyer aus der Sicht der existenzanalytischen Logotherapie nach Viktor E. Frankl, die er selbst weiterentwickelte zur Wertimaginativen Logotherapie.

NICHT SCHRECKEN!

Mir ist einfach wichtig, auf welchem Hintergrundgebäude die Argumentation aufbaut und uns damit ein durchgängig logisches nachvollziehbares Konstrukt gibt, Seriösität sozusagen. Beide Autoren, Rotraut A. Perner und Uwe Böschemeyer sind anerkannte Wissenschaftler.





Zur Hand nehmen, reinblättern, wieder zur Hand nehmen, weiterlesen, immer wieder Textpassagen wiederholen, in einmen durchlesen, zurückblättern, das Inhaltsverzeichnis studieren, ganz die letzte Seite nochmals lesen, es integrieren, im Haus leben lassen. Zur Reifung verwenden.

Alles Gute, Freude und Erkenntnis
wünscht
Herta Emmer


Mittwoch, 8. August 2012

Mai und Juni - die Leseliste

Falls jemand bemerkt hat, dass meine Rezensionen im Mai und Juni mehr als mager ausgefallen sind; dies nicht deshalb weil ich nichts gelesen hätte - ganz im Gegenteil! - sondern weil ich intensiv beschäftigt war.

Das Thema, das mir mein Leben gestellt hatte war: schwere Krankheit und Tod von nahen Angehörigen. Konkret: Krebs im Endstadium. Und alle damit verbundenen ups and downs, der Kranken, der Angehörigen, des gesamten sozialen Umfelds.

Ein großes Lob an die engagierten Frauen und Männer, die als Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen, Seelsorgerinnen und Seelsorger, Krankenschwestern, koordinierende Leiterinnen, verständige FreundInnen, unterstützende Mitarbeiterinnen, unserer Familie in dieser Zeit geholfen haben.

Für alle jene, die eine solche Lebenssituation durchmachen, erwarten, durchgemacht haben biete ich hier einen kleinen Überblick der Lektüre in dieser Zeit an.

Der erschöpfte Mensch. von Rotraud A. Perner

Falls Sie einen fundierten Überblick über unsere derzeitige gesellschaftliche Situation lesen wollen - bitteschön!

Rotraud A. Perner setzt sich auf 188 Seiten mit der Entwicklung unserer industrialisierten Gesellschaft auseinander, wissenschaftlich fundiert, unterspickt mit Zitaten von Philosophen aller Generationen, sie analysiert leicht lesbar die Auswirkungen unserer Gesellschaft auf die einzelne Person und bietet in Beispielen Orientierung an.

Sie geißelt Pseudo-Helfer, -Heiler und Heilsbringer als weitere Methodiken die Menschen in ihrer Not noch mehr allein zu lassen, da sie keine nachhaltige Auseindandeersetzung mit der Aufgabe des Lebens leisten. Sondern vielmehr in einer Konsumgesellschaft dem Konsumenten niemals die Wahrheit (falls sich diese Personen mit ihren trivialen Modellen dieser überhaupt annähern können) offenbaren werden, da der Konsument ja dann vielleicht nicht mehr kauft.

Sie plädiert für eine erwachsene Auseinandersetzung mit den Polaritäten, den Lebenstempi, der Zumutungen an sich selbst und dem gesunden Aufrichten einer Person an sich selbst.

und all das ist natürlich nur ein billiger Abklatsch dessen, wie Rotraud Perner formuliert. Ein Genuss zu lesen (erfordert aber denken, was auch ein Genuss ist). Ein tröstliches Buch, ein gescheites Buch, eines das man vielen Menschen empfehlen möchte, das man jungen Menschen empfehlen möchte, das diskutiert gehört - und zwar öffentlich.

Vielleicht finden sich ja Menschen, die die in diesem Buch aufgestellten Thesen auch reflektieren wollen.

Mir hat die Lektüre von "Der erschöpfte Mensch" wirklich gut getan. Ich mag gescheite Bücher, das muss ich schon dazusagen.


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Dienstag, 7. August 2012

Kassiopeia

"Dafür habe ich jetzt wirklich keine Zeit". Für diesen Roman. Die Beschreibung auf der Rückseite beginnt mit: "Judit Kalman ist ein Glückskind..."

Aber was soll ich tun, es verfolgt mich, landet plötzlich unerwartet in meiner Tasche, acanciert zum "meistherumgetragenenbuchallerzeiten". Man sieht dem Umschlag seine Benutzung an, bevor eine Zeile gelesen wurde.

Ein quasi-Zwang anzufangen, überfällt mich. Und dann fange ich eben an, was solls, alle anderen Stapel von Büchern, die auf meinen Schränken, Nachtkasteln, hineingeschoben in Bücherregal-Löcher herumliegen verblassen, wandern in die zweite Reihe, werden fade, schal, uninteressant.

So ist es dann auch. Kassiopeia hat keine dramaturgische Handlung. Jedenfalls sehr lange nicht. Aber Sprachwitz (selten so gelacht, manche Stellen werden in zwangsbeglückender Handlung Freunden spontan vorgelesen.) Judit Kalman durch ihre Zeit in Venedig zu begleiten und durch all ihre Erinnerungen, Gedankensprünge, Vor- und Zurückgeschichten, mit all den Familiengeschichten, -ereignissen, ihren Freundinnen, Liebhabern, Männern, Verwandten; die Sprachgewalt von Bettina Baláka (bitte mehr Romane! bitte!) all das ist - ein Ereignis!

Im letzten Drittel noch frage ich mich, warum ich in den Erzählungen zu diesem Buch gelesen habe, es sei eine Liebesgeschichte zwischen Judit Kalman und dem Autor Markus Bachgraben? Und die Frage, wer hier wen benütze sei nicht geklärt? Darum gehts das ganze Buch lang nur - um überhaupt einen Faden in der Geschichte zu haben - am Rande. Und ganz zum Schluss.

Und es hört abrupt auf.

Ein großartiger Roman!
Sprachwitz, Wortgewalt, Geschichte, Frauen, Männer, 

Unterhaltung auf höchstem Niveau. Gute Unterhaltung auf höchstem Niveau. ... und die ganz speziellen Romanstellen - ja die werde ich weiterhin zur zitat-zwangsbeglückung lieber Freunde verwenden. Weil ganze Abschnitte, einzelne Sätze, Kombinationen von Charakteren - wirklich merkens-, bemerkens- und zitationswert sind.


Viel Lesegenuss
wünscht Herta Emmer

Montag, 30. Juli 2012

Das Leben hält sich nicht an Rendezvous. Jaqueline Gillespie

Jaqueline Gillespie habe ich bei Literatur in Grün persönlich kennengelernt, eine ruhige, bodenständige, freundliche Frau. Dort las sie aus ihrem Buch

"Das Leben hält sich nicht an Rendezvous. Die Geschichte meiner Krebserkrankung."

Wenn Sie mit diesem Buch beginnen, dann können Sie eigentlich nicht mehr raus. Unmittelbar, trocken, echt, unverschnörkelt erzählt Jaqueline Gillespie von sich. Beginnend mit dem Tag, wo sie den Knoten in ihrer Brust spürt.

Man muss sich schon auf eine starke Frau einstellen, die sich völlig anders verhält, als man es so erwartet; oder kennt aus vielen Erzählungen. Frau Gillespie verweigert, sich fallen zu lassen. Und zwar absolut. Ganz absolut. Sie ist hart im Nehmen, war sie wahrscheinlich immer schon. Ihre Geschichte ist nämlich ziemlich heftig, aber sie gibt sich nicht auf, gibt ihre Selbständigkeit nicht auf, kämpft.

Ganze Passagen möchte man rausschreiben und an die Wand pinnen. Mich hat diese Trockenheit, der Humor und diese klare Analyse der Umgebung so angesprochen. (Plötzlich fühlen sich alle bemüßigt, einem gute Ratschläge zu geben ...)

Eine Lese- und Lerngenuss!

Danke, Frau Gillespie, dass Sie uns an ihrer Geschichte teilhaben lassen, Danke, dass wir mit ihnen diesen Weg so anders (erfrischend ist wohl ein unpassendes Wort) mitgehen dürfen.

Da können sich viele ein Stückchen abschneiden!


Zum Inhalt:
Frau Gillespie hatte innert drei Jahren aggressive Tumore in Brust und Lunge. Sie ist heute geheilt. 

Zitat seitens des Verlags:
Von der ersten bis zur letzten Zeile nimmt ihre Geschichte gefangen, und am Ende weiß man: Diese Frau lässt sich nicht unterkriegen. Das macht Mut, auch für das eigene Leben.

Dem kann ich mich nur anschließen.

Ein sehr lesenswertes Buch



Freitag, 8. Juni 2012

Löwenzahn

Ein Mann beschloss, einen Garten anzulegen. Also bereitete er den Boden vor und streute den Samen wunderschöner Blumen aus.

Als die Saat aufging, wuchs neben den Blumen auch der Löwenzahn. Der Mann versuchte mit allen Mitteln, den Löwenzahn zu vernichten. Es half aber alles nichts, und so reiste er in die Hauptstadt, weil er gehört hatte, dass der Hofgärtner des Königs auf alle Probleme im Garten eine Antwort hatte.

Als er dort ankam, erzählte er dem weisen, alten Gärtner, wie es um den Löwenzahn in seinem Garten stand. Und der Gärtner, der schon so manchen Park angelegt hatte, nannte ihm bald diese, bald jene Methode, wie er den Löwenzahn loswerden könnte.

Aber das hatte der Mann alles schon selbst probiert.

So saßen die beiden eine Zeit lang da, bis der Gärtner den ratlosen Mann schmunzelnd anschaute und sagte: "Wenn denn alles, was ich dir empfohlen habe, nichts genützt hat, dann gibt es nur einen Ausweg: Lerne, den Löwenzahn zu lieben."




Nach einer Sufi-Geschichte in: Schwebach (Hg.); Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen. Ein Vorlesebuch.




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Sonntag, 20. Mai 2012

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry. Roman von Rachel Joyce. 

Sie möchten gerne ein Buch voller Hoffnung lesen? Ein Buch, wo eine plötzliche Spontanentscheidung abseits aller Konventionen gar nicht bewusst herbeigeführt, sondern einfach passiert, so sein muss, sich entwickelt. Ein Weg zu gehen ist?

Sie möchten gerne etwas schönes lesen?

Bitteschön!

Ein Buch für alle, die ein bißchen Hoffnung vertragen können. Die sich trösten lassen können, dass alles, was schon längst als Unveränderbar und Verhärtet da steht sich noch immer auflösen kann.

Sehr berührendes Erstlingswerk von Rachel Joyce. 
Spielt im heutigen England. Erzählt von einem Mann, der über sich selbst hinauswächst. Weil er nicht anders kann.
 
Mehr möchte ich gar nicht verraten, da hier der Weg das Ziel ist.


Donnerstag, 17. Mai 2012

Chucks. Von Cornelia Travnicek

Chucks. Roman von Cornelia Travnicek.

Welche Wortgewalt! Welche Dichtheit der Sprache! Unglaublich, wie die junge Cornelia Travnicek ihre Welt beschreibt. Direkt, immer am Puls. Sprunghaft, wie Gedanken fliegen. Aktuell. Nur das Wesentliche beschreibend.

Ein Roman von Jugend, dem Leben, Liebe, Freundschaft. Den Wirren einer Aufwachsenden, der vielen Welten in einer Welt.


Cornelia Travnicek, ein junge Autorin, gebürtig aus St. Pölten, nun zum großen Vorlesen beim Bachmann-Preis geladen. UND ZWAR BERECHTIGT!!!

Bitte lesen! Eintauchen, abtauchen, einsaugen, wie eine Droge.



"Wenn ich mit einer Figur der zeitgenössischen Literatur in einem Lift stecken bleiben möchte, dann mit Mae. Ob ich heil aus dem Lift kommen würde, weiß ich nicht, aber das wär´s wert." (Clemens J. Setz)


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Mittwoch, 16. Mai 2012

Ab jetzt ist Ruhe. Von Marion Brasch.

Ab jetzt ist Ruhe.


Marion Brasch beschreibt in ihrem Erstlingswerk eine Familie in der DDR. Die Eltern, jüdischer Abstammung, lernten sich im Exil in England kennen, wo der Vater überzeugter Kommunist wurde. Die Mutter, die von dieser Ideologie frei blieb folgte ihm später trotzdem nach Ostberlin.

Der Vater wurde hoher Parteifunktionär, stets getragen von hehren Werten und hoher moralischer Lebensführung, er versuchte das Ideal von Marx zu leben. Die Mutter hasste die Enge und Hässlichkeit der Partei und des Landes. Sie bekamen 4 Kinder. 3 Söhne, eine Tocher.

Im Buch beschreibt die Protagonistin, die Tochter, ihre Familie und sich selbst. Als Jüngste mit drei älteren Brüdern, im Buch nennt sie sie stets: Der älteste, der mittlere, der jüngste Bruder.


Eine Familiengeschichte aus einem Land, das es nicht mehr gibt. Wir erleben das Aufbegehren der Söhne, die für diese unverständliche Härte und Unbeugsamkeit des Vaters, der auch nicht davor zurückschreckt seinen eigenen Sohn bei der Stasi anzuzeigen. Wir erleben eine Mutter, die dieses Gefängnisleben nie wollte und eine Tochter, die stets versucht auszugleichen.


Marion Brasch beschreibt in großer Ruhe, sehr leicht zu lesen, ihre eigene Geschichte in der DDR. Die aktuellen politischen Lagen lässt sie nicht unkommentiert, da, wo sie das konkrete Leben der DDR-Bürger beeinflussen. (Der Mann mit dem Muttermal im Gesicht, der Aufstand der Tschechen und die Niederschlagung, das freie Ungarn, die verstärkte Überwachung durch die Stasi)

und doch scheints ein normales Leben, das eben diese und jene Rahmenbedingungen hat. Sie selbst hält sich aus all der Politik raus. Auch aus der Schriftstellerei und den schönen Künsten. Man sieht, was dies bei den Brüdern angerichtet hat.


Ich habe das Buch in einem Tag gelesen. Einfach so durch und durch und nicht aufhörend. Wie ein Film läuft die Geschichte in einem ab. Und man möchte ihn auf jeden Fall zu Ende sehen.


Ein guter Roman aus einer Kindheit und Jugend aus einer Welt, die es einmal gab und die nicht mehr ist.


Für alle, die gute, flüssige Literautr und wahre Geschichten mögen.



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Sonntag, 6. Mai 2012

Radieschen von oben. Überleben mit Krebs. Von Kurt Langbein.


Radieschen von oben. ÜberLeben mit Krebs.

Kurt Langbein, der Autor vieler journalistisch exakt recherchierter Bücher zur Lage unseres Gesundheitssystems beschreibt hier sein eigenes Krebsleiden.

In den letzten Jahren erkrankte er selbst an drei verschiedenen Arten von Krebs. Das Buch handelt von seinem aktuellen Krebs - Prostata.

Man merkt den Aufdeckerjournalisten. Penibel recherchierte Daten und Fakten zum Stand der Krebstherapie weltweit, dazwischen seine eigenen Aufzeichnungen, sehr persönlich, seine eigenen Entscheidungen für oder gegen bestimmte Therapien, Gemütszustände, Überleben im Beruf - einfach alle Bereiche, die  das Leben eines Menschen ausmachen.

Sehr lesenswert, sehr flüssig zu lesen (ein Nachmittag), und vor allem aufklärend!

Er wagt auch all die menschlichen Nebenschauplätze - Zuneigung, Angst, Umfeld, sowie die medizinisch verpönten Spontanheilungen anzusprechen. Wir finden Kapitel zu Zuneigung, alternativen Behandlungen, und ganz viel er selbst, die Person, die Krebs diagnostiziert bekommen hat, mit allen auf und abs.

Mutig. Ein großes DANKE an den Autor, sich selbst so offen gelegt zu haben. DANKE.

Ein Buch für Betroffene und Angehörige. Und für alle, die mehr wissen wollen zum Mythos Krebs.


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Freitag, 4. Mai 2012

Als Gott ein Kaninchen war. Von Sarah Winman.

Als Gott ein Kaninchen war.

Kennen Sie das? Sie schleichen um ein Buch herum, nehmen es zur Hand, legen es wieder weg. (Nach der Beschreibung auf der Rückseite gerade nicht Ihr Thema). Nehmen es wieder zur Hand. Eine Faszination geht aus. (Deshalb sind gute Cover so wichtig!) Nun. Mir ging es bei diesem Buch so. Warum soll ich ein Buch lesen, das heißt: "Als Gott ein Kaninchen war?" Was soll das?

Eine Beziehungsgeschichte zwischen Geschwistern. und deren Freunden.

JEDOCH! Sonntag habe ich angefangen, es zu lesen. Ich musste nach dem ersten Teil aufhören, da schon die Dämmerung über mir hereinbrach und ich den 2. Teil nicht anpatzen wollte, bevor nicht genug Zeit ist, ihn in einem Zug durchzulesen. Der 1. Mai bot sich an. Welch Vorfreude schon, bevor ich losstartete! Alles perfekt: Platz perfekt. Buch da. Brille da. Wetter briesig. alles perfekt.

Und dann nocheinmal in aller Ruhe reinfallen in die Geschichte des Mädchens, das später weitererzählt als erwachsene Frau. Ein spannendes Leben. Es geht um die Liebe und vor allem geht es um wahre Freundschaft, die gleichzeitig große Liebe ist. Es gibt Menschen in deinem Leben, die so prägend sind, dass selbst bei Trennung über Jahre kein Bruch im Verstehen auftaucht. In diesem Buch werden sowohl dem Bruder als auch der Schwester die besten Freunde entzogen. Was bei beiden einen großen Schmerz hinterlässt. Ansonsten ist die Familie so weit normal, das Leben so weit geregelt. Aber sie bekommens nicht mehr geregelt, im Außen schon, aber Innen, da fehlt etwas.

Und die Art, wie etwas fehlt, wie andere Menschen auftauchen, wie sich das Leben entwickelt - ja ein Lesegenuss. Mitfühlen, mittrauern, mitfiebern, mitfreuen.

Schade, dass es so schnell vorbei war. www.buchwelten.at

Montag, 30. April 2012

Dafür den Booker-Preis zu bekommen ist verdient. Er erzählt, wie es damals war, als sie noch ins Gymnasium gingen. Wie er ihn kennelernte, der einfach viel klüger war als alle anderen. Der unerwartete Antworten geben durfte, und das auch von den Lehrern akzeptiert wurde. Damals, als man noch per Sie war. Sein Freund, der vernünftig war und das Leben in Frage stellte. Er, der einfach so vor sich hin lebte. Übrigens bis heute. Die Wege trennten sich, er passte sich an, wollte einfach unaufgeregt leben. Lebte unaufgeregt Er erzählt das Leben der gebildeten Schichte der 50-60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die Zwänge, die noch unausweichlich schienen. Dan npassiert etwas in seinem Leben. Er ist bereits pensioniert, ganz zufrieden. Man muss zufrieden sein. Er beschäftigt sich, hat keinen Plan mehr, lebt ein ruhiges Leben. Ja, und dann erbt er. Aber wie. Und die Geschichte wird von hinten aufgerollt. Ich habs mit Ruhe, Stück für Stück, an vielen Abenden gelesen. Nicht in einem Zug durch, atemlos, umblätternd. Sondern besonnen und ruhig. Aber doch nicht weggelegt. Warum nicht? Was war wirklich passiert - und da findet etwas statt, in diesem gelebten Leben. Ja, und natürlich. Die Sprache. Ich liebe es, wenn so schön formuliert ist. Julian Barnes trägt einen durch den Roman. Lesenswert. Aber wahrscheinlich nicht für die ganz Jungen. Verstehen die ein gelebtes Leben? buchwelten.at

wenn nicht, dann jetzt. Ein Mann in der midlife-crisis.

Also: nach der Beschreibung auf der Rückseite des Buches hätte ich es nicht gelesen. Das letzte, was ich jetzt brauche ist ein Problemroman eines Mannes. Echt. Jedoch: ich habe drei Bücher mitgenommen, auf meine Reise. Denn das schlimmste wäre, in der U-Bahn zu sitzen und kein Buch in der Hand zu haben. Was soll ich dort tun? Morgens nun die Auswahl. Bei einem Buch habe ich schon reingelesen. Hört sich so an, dass es Sinn macht, weiterzulesen, beim zweiten. hellblau. Rückentext. uiuiui. Also ersteres in die Tasche. In der U-Bahn dann. Das Hellblaue. Wie konnte das passieren?!?!?!?

ok. In der Not frisst der Teufel fliegen.

Dann aber beschreibt er, wie SIE auf ihn zukommt. Wie er alles vorbereitet hat, damit sie einen möglichst langen Weg gehen muss, damit er ihr zuschauen kann, wie sie schwebt. Er ist ihr total verfallen.

Und sie. Sie ist die Mutter seines Kindes. Und will doch ein vernünftiges Auskommen mit ihm haben. Sie lädt ihn auch zu ihrer Hochzeit ein.

Er. Unsterblich in sie verliebt, hat sie aber jung verlassen - der größte Fehler seines Lebens. Was ihm schon seine Mutter gesagt hat. Doreen. Sein Gewissen.

In all seinem Jammer - midlife-crisis kann in schwere psychische Störungen ausarten, ob Sie dabei sind, ist erst später feststellbar - beschließt er, seine Ex-Frau zurückzugewinnen. Und wie. Eine Mutter holt man über ihr Kind zurück. Er wird das jetzt tun.

Schräg, mit nüchternem Humor, voller Verwirrnisse und tragischem Scheitern, ein wirklich unterhaltsames Buch! Leichte Kost, gute Unterhaltung, und wirkliche Lacher drinnen.


Ein Urlaubsroman!


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Dienstag, 10. April 2012

gewinnen ohne zu kämpfen

Christian Seidel erzählt am Beispiel des Erlernens der Kampftechnik Taekwondo von seinem Weg aus einer Lebenskrise, die ihn ziemlich durchgebeutelt hat.

Er beschreibt, wie ein erfolgreicher, dynamischer junger Manager in einen Strudel der Selbstzweifel und des Ausgebranntseins gezogen wird - und wie er nach einem schweren Autounfall flashs der Frage nach dem Wesentlichen hat.

Das Buch ist aufgebaut am Beispiel des Erlernens dieser asiatischen Kampftechnik, mischt die Hinterfragung von Werten, das Stolpern am eigenen Ego mit Beispielen aus seinem Leben.

Ein autobiographischer Roman, wo einer auszog, sich nach dem Sinn zu fragen. Gleichzeitig interessant zu lesen, da in sehr kurzer und nicht schwülstiger Form eine Aufarbeitung der Grundwerte unseres Gesellschaftssystems passiert. Teilweise verliert sich der Autor in Belehrungen zur Veränderung unserer Gesellschaft - es sei ihm unbenommen.


Gut zu lesen. Gut zu schenken. Weckt die Neugierde auf die Kampfsporttechnik.


ja, jetzt noch die Conclusio. Gewinnen ohne zu Kämpfen = Überwindung des eigenen Stolzes. Bis dorthin ist aber ein weiter Weg zurückzulegen.



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Freitag, 6. April 2012

LIEBEN

Lieben. Der zweite von fünf Teilen. Karl Ove Knausgard. Ich bin sehr froh, ihn kennengelernt zu haben.

Wie schon bei STERBEN auch hier: Feine Sprache, durchdacht, am Menschen, an ihm.

Er beschreibt wie das so war mit dem Verlieben, sehr detailliert, alltäglich, niemals banal, das Leben in einer neuen Stadt, Freundschaft. Lieben auf viele Arten. Zwischen den Generationen. Die Beschwernisse. Mit Kindern und all dem Verzicht, ausgelöst durch Vernunft und Verantwortungsbewusstsein.

Wie wohltuend er doch ist. Manche Passagen möchte ich gerne wörtlich zitieren, manchen Menschen vorlesen, an die Wand pinnen. So viel ist zu finden.


Sehr schön. Sehr lesenswert.

(Trotz mancher Längen. Immerhin sprechen wir von 763 Seiten. Wo ich mir vorgenommen hatte, solche Schmöker nicht anzugreifen.)

Fazit: Warten auf den nächsten Band!


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Montag, 12. März 2012

Das Dorf der Wunder

Wer "Fräulein Smillas Gespür für Schnee gelesen hat" oder "Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte" der weiß, was ich meine, dass einen die Geschichte nicht mehr los lässt.

Roy Jacobsen besticht durch seine schlichten Bilder, diese einfachen, im alltäglichen sich entwickelnden Personen. Durchaus harte Schicksale, diesmal von außen aufoktroyiert. Vordergründig leicht und schwebend, zwischen den Zeilen verbirgt sich Horror.

Hier, ein einfacher Holzarbeiter (etwas minderbemittelt, wie es scheint), der sich weigert, im Krieg vor dem Einmarsch der Russen zu flüchten. Wir befinden uns im Jahr 1940. Ein kalter norwegischer Winter, - 40 Grad, vor den wilden Russen flüchtende Norweger. Die weiß gekleidet, die Russen in schwarz. Vorsorglich brennen sie ihre Stadt nieder. Nur einer weigert sich zu gehen. Er bleibe hier, was solle er woanders.

Und dann kommen die Russen. Sie wissen nicht (so wie es seine Landsleute nicht wussten), ob er blöd oder irr ist. Er in seiner sturen Einfachheit, darauf bestehend, ein geregeltes Leben zu führen, führt die anderen vor.

(Haben Sie Herta Müllers Roman Atemschaukel gelesen, auch dort wird die einfache Erzählung zum Mittel, den besonderen Schrecken, aushaltbar zu machen.)

Ganz so schlimm ist es nicht um unseren Holzfäller bestellt. Was wir lernen. Man kann nicht vor sich selbst flüchten. Und: die Menschen bleiben gleich. Denn: Nach dem Krieg geht er weg. Er überlebt, aber wie.

Nach vielen Jahren dann ... ist sein Krieg vorbei.


Ein tiefes, ein wunderbares, ein einfurchendes Buch. Ein Leseerlebnis. Und lehrreich. Der 2. Weltkrieg war nicht nur bei uns in Kerneuropa. Der veränderte Blickwinkel erhellt.

Trotz der harten Geschichte. Ein Lesevergnügen! nachwirkend.


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Sonntag, 4. März 2012

Der Russe ist einer, der Birken liebt. Von Olga Grjasnowa

Der erste Satz. wummm. Und du bist schon drinnen in diesem Leben von Mischa. Durcheinander, Wurzellos, traumatisiert, verliebt, Aserbaidschaner, Armenier, Russen, Muslime, Juden, dann Palästinenser, Israelis, Deutsche.


Ein Spiegel des beginnenden 21. Jahrhunderts. Menschen, vertrieben, von den Ereignissen in alle Himmelsrichtungen verweht, konfrontiert mit Vorurteilen, Ängsten, Hass, Gewalt. Eine ganze Generation, die Halt sucht.

Mischa ist eine von ihnen, ungreifbar, ganz, lebendig.

Es gibt kein Aufhören, die Geschichte ist wahr, könnte wahr sein. Die Autorin, eine von ihnen, wahrscheinlich. Olga Grjasnowa lässt einen nicht mehr los.


wow.



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Herr Merse bricht auf

Ist das Bild nicht schön? Wie Herr Merse auf der Leiter sitzt und ins Wattmeer schaut? Erinnert er nicht an Pan Tau? Zwar ohne Hut, dafür aber mit einem Regenschirm?

Ein singendes Buch. Ein melodisches Buch. Herr Merse - immer, meist - im inneren Dialog. Musiker, Hornist. Seine Frau hat gemeint, er müsse sich trennen, was er auch tat. Er tat überhaupt, was sie wollte, seine Flötistin.

Ein schüchterner Eigenbrötler, derzeit dominiert von seiner kraftvollen, "mit beiden Beinen im leben stehenden" Schwester. Er urlaubt an der Ostsee, denkt viel nach, muss sich immer aufs neue Abläufe vorsetzen, damit er sich dann an ihnen stützen kann.

Wie soll ich sagen, man fällt hinein in sein Leben, versteht ihn, es ist unaufgeregt, und doch: die Figur ist klar vorgestellt, so geht es vielen, er braucht Orientierung und dann, ja dann beginnt er mutig zu werden. Sehr mutig, doch die Hoffnung, die ihn aufrichtet, entschwebt.

Er flüchtet in eine Phantasiewelt, lässt sich vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln vor einer Klinik finden.

.... der Rest spielt sich im Kopf der Leserin ab. Warum entlässt uns die Autorin in ein so offenes Ende? Wir Herr Merse es schaffen? Das Leben, Glück, einen Platz, wo er hingehört? Einen Menschen, zu dem er gehört?

Die Sprache schwingt noch länger nach; immer wenn ich das Buch anschaue, entkommt mir ein Lächeln, wie schön die Zeit mit diesem Buch war, mit Herrn Merse zu überlegen, ob er nun zuerst laufen gehen, proben, nicht proben, gleich an den Strand, und wie ...

Lesegenuss!

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Montag, 13. Februar 2012

Was uns bleibt.

Ein junger Mann, Lehrer, entdeckt bei einem Schulausflug eine Leiche. Vielmehr entdecken die Kinder die Leiche. Die Frau ist sehr verstümmelt. Er schaudert zurück, wird taub - gefühllos - und kann nichts mehr. Sich nicht mehr professionell verhalten. Sich nicht mehr um die Kinder kümmern. Sich nicht mehr der Situation stellen.

Sein Leben bricht mit diesem Ereignis auseinander. Anfangs ist gar nicht zu verstehen, warum er so ablehnend ist, warum er sein Versagen in diesem ersten Schockzustand für so unverzeihlich hält. Begegnet man ihm doch zuvor als außerordentlich engagierten Klassenlehrer.

Seine Freundin ist schwanger, bietet ihm jegliche Unterstützung, doch er haut ab, dazwischen flashen Szenen auf. Ein Begräbnis, jemand, der es für selbstverständlich hält, dass er da ist. Der Zeitrahmen ist nicht feststellbar. Erklärungen. null.

Feinsinnig brutal lässt Katie Arnold-Ratliff die Leserin allein in diesem Gefühlsdurcheinander, in dieser Unsicherheit und Unmöglichkeit, eine Richtigkeit feststellen zu können. Wie das Leben so ist. Es gibt das nicht, das da heißt: Richtig und Wahr(haftig).

Wirklich gute Literatur.
Hat auch nicht durch die Übersetzung aus dem Amerikanischen gelitten.


Bin schon gespannt, was von dieser Autorin noch kommt.


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Sieben verdammt lange Tage

Wer amerikanische Literatur liebt - bittesehr!

Satirisch, bitterheiter, jüdisch, skurill, zum Tränen lachen, zum Kopfschütteln, unterhaltsam, und dann "oh Amerika!" ein bißchen doch diese belehrende Endstimmungsweisheit.

Der Protagonist: Jung, getrennt, unglücklich, gehörnt muss nun sieben Tage Shiwa sitzen. Vater hätte es sich gewünscht. Eine Familie, die nichts mehr miteinander zu tun hat muss sich nun für sieben Tage zusammenfinden.

Da der Kulturkreis der Juden einen wunderbar trockenen Humor hervorgebracht hat, entwickelt sich hier eine dramatisch-skurille Geschichte.

Trotz allem: ich habs fertig gelesen und im Mittelteil tatsächlich - also ich musste dann wirklich Tränen lachen, wie dieser Ich-erzähler Judd Foxman mit seinem Leben oder viel mehr dieses mit ihm umgeht.

Unterhaltung!
und so viel Wahrheit.

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Alfred Komarek. Anstiftung zum Innehalten

Ein ruhiges Buch. Kurze Kapitel, die wie ein Vor-sich-hin-denken daherspazieren. Über Grundsätzliches, Trauriges, Schönes. Ein wunderschönes Buch, begleitet von Bildern, die Komarek selbst gewählt hat. Schwarz-weiß-Bilder, statisch.

Die Sprache - gewählt.

Und immer ein bißchen gewürzt mit Selbstironie.

Entspannend. Schön. Tief. Leicht.

Typisch Seiten 134/135.

Welche Liebe zum Leben! Welch Lächeln in den Augenwinkeln.


Für alle, die einmal lauschen mögen, hier in Kombination mit einem Lebenslaufrückblick eines Österreichers, der feine Sprache lebt.


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Sonntag, 15. Januar 2012

Mamas Vermächtnis

Mamas Vermächtnis startet mit dem Tod der Mutter. weit über 90. Die Tochter, 70 Jahre alt steht vor einem vollendeten (?) Leben. Der Inhalt war immer die Sorge um die Mutter, eine exhaltierte Persönlichkeit voller Energie, Esprit, Wankelmut, Männergeschichten.

Die Tochter verlachte biedere Hausfrau in einer Langzeitehe. Leider ist der vertraute Mann auch schon vor längerem gestorben.

Warum hat ihre Mutter sie nie anerkannt? Was war jetzt mit ihr los? Warum war sie nicht traurig? Woran sollte sie sich jetzt orientieren.

Und zu all dem tauchen Begehrlichkeiten der Cousins auf - auf was hinauf! Mutter (Mamachen, Betonung bitte auf der zweiten Silbe) hätte sie zu sich eingeladen, ihnen Zuwendungen versprochen? Wann? Sie war immer da, hat sie immer umsorgt. Mamachen wusste schon ihre Freiräume zu organisieren.

Welch Vertrauensbruch!

Und dann taucht ein Testament auf. Erst in einiger Zeit wird die Einsichtnahme sein. Hatte sie sie völlig vergessen? Was hatte sie ihr angetan. Warum war Mamachen so grausig zu ihr?

ja, und dann bricht viel auf - ein Leben lang war sie belogen und verschaukelt worden. Ist Verzeihen möglich?

Als dann alle Klarheiten da sind - ja da bewegt sich etwas bei ihr.


Selber lesen!

Ein einfühlsam, flüssig geschriebener Roman von Beziehung, Familiengeheimnissen, Verrat und Neubeginn.

Ein Zitat: "Wie wir altern, ist das letzte große Abenteuer in unserem Leben" (Mamachen in: Herrad Schenk. Mamas Vermächtnis)


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Aleph von Paulo Coelho

Aleph. Das Aleph. Ein Punkt, wo Raum und Zeit allumfassend sind.

Paulo Coelho at his best.

Nach der doch verwirrenden Veröffentlichung "Schutzengel" nun wieder ein Coelho, wo man sich einzelne Sätze als Mantras an die Wand pinnen möchte. Coelho beschreibt sich selbst. Er verwendet nicht mehr den Kunstgriff erfundener Personen, er beschreibt seine Zweifel und seinen plötzlichen Lösungsansatz; eine Reise.

Am Anfang ein bisschen sperrig. Coelho als zorniger, verzweifelter Mann, nur auf sich und seine Situation bezogen, entwickelt sich dann ein Spannungsbogen - die Reise in der transsibirischen Eisenbahn - dem man sich nur schlecht entziehen kann. Mystisch, verrückt, tiefgehend, liebend. Das Thema: Schuld und Verzeihung.

Gut. Für alle Coelho Fans wieder ein Lichtblick!


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Samstag, 14. Januar 2012

die Finanzkrise - umbenannt in Schuldenkrise

Wie doch eine Wortwahl die Blickwinkel verändert. Wie leicht doch das Volk und die Presse verführbar sind.

Zu beobachten an der Umbenennung der Finanz-, in Bankenkrise und heute heißt das alles Schuldenkrise der Staaten. Vergessen die Auffang- und Rettungssalti die die Staaten geschlagen haben, um die Banken zu retten. Vergessen, dass wir nicht nach der Lehre der Liberalen die Großen in Konkurs gehen ließen. Vergessen, wie heulende, jammernde, lächerliche Herren im Nadelstreif zu Bittstellern der Politik wurden, damit ihr Hemd gerettet wird.

Heute sind Hemd und Rock in Sicherheit. Heute diskutieren wir über die Sparquoten der Staaten. Und alle machen mit.

Warum merkt keiner, dass durch die geänderte Benennung die Verantwortlichen aus der Schuld gezogen werden? Warum machen ALLE Medien mit? Da ich nicht an Verschwörungstheorien (die Inhaber der Medien hätten ja eine Anweisung rausgeben können) glaube - bin ich nun doch überzeugt, dass die Lemminge in eine Richtung ziehen. Immer.

Wie freut sich die nach wie vor ungeregelte Finanzwelt!

Wie schön, dass alles so weitergehen kann wie davor! Junge Burschen spielen an Computern und berechnen dabei, ob wir gut aufgestellt sind oder nicht. Always playing games. Warum sollten die Computerspieler Unterschiede bemerken? Schaut doch die Phantasiewelt am Bildschirm genau so aus, wie die reale Welt am Bildschirm.

Und die intellektuelle Schichte diskutiert die Schuldenquote. Ein Jammertal.

Aber vielleicht verstehen ja die Einfachen Leute, worum es geht. Vielleicht sollten wir auf die hoffen, die sich dem Mainstream-Diskurs entziehen. Hoffentlich erleuchten die Lichter der Revolutionen auch bald Europa. Auf dass sich nicht alle von den Verdunklern an den Schalthebeln der Finanzen einlullen lassen.

Sonntag, 1. Januar 2012

Sterben.

"Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann."

Karl Ove Knausgard beginnt mit dem Tod seines Vaters. Mit der Leichenbeschau. Mit welcher Poesie er die Körperfunktionen - die Abläufe des Sterbens - beschreibt hat etwas magisch anziehendes an sich. Er verliert sich in die Erinnerungen seines Lebens, Kindheit und Jugend in den 70er und 80erJahren. Er zieht dich in sein Leben, du verlierst dich mit ihm in seinen Vergleichen, Bildbeschreibungen, Stimmungen.

Ich würde nicht sagen: schonungslos. Sondern eher: tatsächlich.

und dann schließt sich der Kreis wieder zurück zum Ort der Leichenbeschau.
Dazwischen. ein ganzes Leben.


Leseprobe


Ein autobiographischer Roman. Wunderschön und wahr.

Im Frühjahr kommt der nächste Band aus dieser Serie auf Deutsch auf den Markt: Lieben. Ich warte schon darauf


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