Freitag, 14. Januar 2011

Das Streichelinstitut

Warum Clemens Berger noch nicht bekannter ist, ist mir ein Rätsel. Für mich gehört er zu den großen österreichischen Autoren der Gegenwart.

Das Streichelinstitut beschreibt Wien heute. Allein schon der Einstieg, wie der Protagonist die Neubaugasse und ihre BewohnerInnen beschreibt - GÖTTLICH!

Also: Ein für gewöhnlich als gescheitert zu betrachtender unfertiger Student setzt sich mit der Realität auseinander (immerhin ist er in seinen 30ern angelangt) etwas tun zu müssen, das ein Einkommen beschert. Er kann nichts. Außer streicheln, wie seine Freundin meint.

Und nun gründet er das Streichelinstitut.

Dies ist für mich die vordergründige Geschichte, viel mehr geht es - (hat schon jemand "Das bin doch ich" von Thomas Glavinic gelesen?) um das Ganzsein eines Menschen.

Clemens Berger ist ein Sprachspieler. Er webt um seine detaillierte Sprache eine Geschichte herum, die aus vielen Eigenmonologen bestehend, die Figur des Sebastian Horvath klarer und differenzierter werden lässt. Ein komplexer Mann, immer auch in Gefühlszwiespälten zerrissen, entwickelt sich von einem Viel-Zeit-Haber zu einem Nicht-Zeit-Haber.

Clemens Berger arbeitet sowohl die Wirrnisse der Wirtschaftskrise, als auch die Versuchungen der Liebe auf. Ein gegenwärtiger Roman, ein umfassender Roman. Einer, den man auch ein zweites Mal lesen könnte. (und vielleicht auch einmal tut - auch in den Urlaubskoffer packen.)

Sehr zu empfehlen.

Sally von Arno Geiger
Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche von Alina Bronsky
Das Streichelinstitut von Clemens Berger

meine aktuelle Hitliste, was man sich jedenfalls Gutes tun sollte.