Samstag, 22. Oktober 2011

Paganinis Fluch

Lars Kepler legt hier einen Politthriller der Sonderklasse vor. Nicht umsonst wurde dieser Kriminalroman zum besten schwedischen Krimi 2010 gekürt.

Grandios!

Ein Feuerwerk, temporeich, böses Verstrickungen - und ganz zum Ende erst, klärt sich auf, was Paganini damit zu tun hat. Ein Blick in die Abgründe der Verstrickungen von Waffenhandel und Politik. Und ein Blick auf präzise arbeitende Polizisten. Und ein Einblick in Motivation und Arbeit von Friedensaktivisten.

Aber ganz wichtig. Ein spannender, reinziehender Roman, der einen nicht mehr loslässt, einsaugt. Ein - schauriges, erschütterndes - Lesevergnügen!


www.buchwelten.at

Die Augenblicke des Herrn Faustini

Es kommt ganz still daher, dieses Buch. Herr Faustini ist auf der Suche nach dem vollkommenen Augenblick und trifft auf seiner Suche schrullige Personen, einsame Gegenden - ob er den perfekten Augenblick findet...

Wolfgang Hermann erzählt so unspektakulär, bescheiden und einfach das Leben dieses Mannes aus dem Bregenzerwald, der auf die Reise geht, den perfekten Augenblick zu finden. Ein feiner, tiefsinniger, oft heiterer Roman für stille Stunden. Einfach hinlegen und genießen.


www.buchwelten.at

Susan Sontag, Zur gleichen Zeit


Jeder Aufsatz in diesem Taschenbuch ist es wert, für sich, bedächtnig, nachdenkend, gelesen zu werden. Jeder Text erzeugt einen Wiederhall, eine Resonanz, die nicht gleich zu vertreiben durch neue Eindrücke, mehr Lärm, wertvoll für die Menschenbildung ist.

Susan Sontag hält sich in ihren Inhalten nicht mit den Niederungen des Alltags auf. Sie beschäftigt sich mit den grundsätzlichen Fragen von Gerechtigkeit, Mut, Ethik; und kommt hier gleich wieder in den konkreten täglichen Ablauf, in die Gegenwart zurück, bleibt geerdet, da jeder Grundsatz eine Umsetzung im Hier und Jetzt fordert.

Wenn Sie schon nicht alle Aufsätze lesen, dann empfehle ich, zumindest ihre Ansprache zur Verleihung des Oscar-Romero-Preises an Ishai Menuchin zu verinnerlichen.

Ein großer Text. So wie jetzt gerade einzelne Reden (siehe Stephane Hessel) als kleine Handbücher veröffentlicht werden, wäre auch diese Ansprache wert, separat durch eine eigene Veröffentlichung gewürdigt zu werden.

Auch hier: Als Bildungstext für alle Bevölkerungsschichten geeignet (inkl. SchülerInnen und LehrerInnen, inkl. Heimatabenden zur Bildung eines starken, selbstbewussten Volkes)

Hier möchte ich nochmals auf den Text von Anneliese Rohrer verweisen, die fast flehentlich ethisches und öffentliches Handeln einfordert.


www.buchwelten.at

Freitag, 21. Oktober 2011

Ende des Gehorsams

Sehr geehrte Frau Rohrer
Eine Analyse der österreichischen Befindlichkeit, in Klarheit, Härte und ungewohnter Deutlichkeit - dafür sei ihnen gedankt.

Sie sind dafür bekannt, ohne das ständige Bemühen, umschmeichelt zu werden, ohne das ständige Bemühen, gemocht zu werden, daher frei von der Leber weg ihre Statements zu formulieren. Stets begründet, stets durchdacht, stets zur Diskussion bereit.

Offenbar fühlen sie sich nun persönlich gezwungen, ihrer Verzweiflung ob der Starre, Gleichgültigkeit und Abgeschliffenheit der handelnden gesellschaftlichen Teile (Politik, Medien, "Volk?") einen Aufruf zu starten. UND ES IST WICHTIG!

In ihrem Text erwähnen Sie auch, dass Menschen, die sich mutig und engagiert zu Wort melden, gefragt werden, warum sie sich das antäten. Man werde doch angreifbar, der Undefinierte niemals. Wurden Sie das auch zuletzt gefragt?

DANKE, dass sie diese Bequemlichkeit, ich sehe es eher als grassierende Überängstlichkeit, anprangern, da in Österreich nichts schlimmeres passieren kann, als manchmal schief angeschaut zu werden. Dort wo der Kampf um die Demokratie auf der Strasse geführt wird, geht es um Leben und Tod. Nicht um mehr oder weniger Gemütlichkeit.

Und auch dass sie diese vermeintliche Gemütlichkeit aufdröseln. Dass diese nicht haltbar sein wird, doch verstärkt dies nicht die Ängst der Menschen, glauben diese nicht, dass die Chose mit Noch-Mehr-Ducken gelöst werden kann?

DANKE, dass sie ansprechen, dass unsere Bildungsinsitutionen - woher denn - die Heranbildung von kritischen Menschen nicht fördern - wo doch die handelnden Personen sich selbst in der Zwangshaft der Lieblichkeit und Bravheit befinden.

Doch die Hoffnung ist - wenn alle nicht mehr mitspielen - ist das Spiel der vermeintlichen Abhängigkeiten auch vorbei. Die derzeitigen Machtinhaber werden wohl kein Interesse an "schwierigen" Bevölkerungsgruppen haben. Jeder der offen und öffentlich spricht gehört dazu. Meine Hoffnung liegt in der kritischen Berichterstattung der Medien. Wo sonst befinden sich per definitionem kritische Menschen?

Und wer hat denn schon welche Karriere zu verlieren? Die einen Duckmäuserischen werden entsorgt und die anderen sind verstrickt in hangewaschenen Geschäften. Ist dies eine erstrebenswerte Karriere?


---
Für alle, die "Ende des Gehorsams" noch nicht gelesen haben. BITTE - es tut einfach gut!


www.buchwelten.at
http://www.buchwelten.at/list?back=5365c1089a148e697459925646649ba9&xid=2670625

Samstag, 8. Oktober 2011

der Umgangston - Marlene Streeruwitz

Ich frage mich - liegt es am Umgangston? Heute möchte ich Marlene Streeruwitz danken. Aus tiefstem Herzen danken. Für den heutigen Artikel im Standard.

Vielen Dank, Marlene Streeruwitz!

Abgesehen davon, dass ihre Sprache - wie ein Licht - diese Zumutung des Niveaus - wie ein Geschenk! - beim Morgencafe wieder Hoffnung gibt, auf dieses Land, Hoffnung gibt, dass es noch immer Menschen gibt, die diese Billigkeit in der Politik anprangern. In einer teuren Sprache.

Ja, das Niveau sinkt - und immer tiefer.

Hier ein ausdrückliches Lob an Gabriela Moser, die sich niemals von Modeerscheinungen - der wordings, der lieblichkeit, der beliebigkeit - irritieren ließ. Ein Unmodische, die jetzt eine reinigende Rolle hat. Ich halte dir die Daumen, liebe Gabriela!


weiter zu Marlene Streeruwitz und ihrem Artikel im Standard, den ich in der Textzeile verlinkt habe und nachfolgend einkopieren werde. Weil ihre Analyse des Kinderzimmers österreichischer Parlamentssaal zutreffend und erschütternd ist. Und weil sie all dies in einem Text schreibt, der für sich stehend schon ein Kunstwerk ist.

So dann - auf die Hoffnung für einen Reinigungsprozess in der korrupten und kindischen Republik!



zur Person:
Marlene Streeruwitz, geboren in Baden bei Wien. Studium der Slawistik und Kunstgeschichte. Journalistin der Öko-Zeitschrift "Natur ums Dorf". Freie Texterin und Journalistin. Literarische Veröffentlichungen ab 1986. Freiberufliche Autorin und Regisseurin. Sie lebt in Wien, Berlin, London und New York. Mit ihrem eben erschienenen Roman "Die Schmerzmacherin" (S. Fischer Verlag) ist Streeruwitz auf der diesjährigen Shortlist zum Deutschen Buchpreis ge- landet. Er wird am 10. Oktober verliehen.



www.buchwelten.at

Liegt es am Umgangston?

07. Oktober 2011 17:33
"Ein herausfordernder Ton ist das, der ein hohes Wissen der Schwächen voraussetzt und der vernichten will, wenn es ohne Schaden für die eigene Person geht."

Im Parlament sollte das Schicksal eines Staats diskutiert werden, kluge Entscheidungen zum Wohl der Meisten sollten dort getroffen werden - Von Marlene Streeruwitz

Hier aber bevölkert eine Kindergruppe die gesamte österreichische Sprechlandschaft.

Von London zurück und die Parlamentsübertragungen da in Erinnerung, ist die Übertragung der Parlamentssitzung zum Europäischen "Finanzrettungsschirm" in Wien ein Schock. Dabei geht es nicht um die Argumente. Die sind europaweit gleich. Die einen regieren und die anderen nicht. Das ist nicht sehr spannend. Es geht auch nicht um die Aggression. Die ist überall gleich hoch. Ich denke, es sollte noch viel aggressiver diskutiert werden. Schließlich geht es um eine jener Krisen, wie sie in Österreich jahrhundertelang das Joch der Steuern und Aushebungen nach sich zogen.

Es waren ja immer schon die Geldgeschäfte auf Kosten der Untertanen, die so ein österreichisches Normalschicksal von Enge und Leid und Unterdrückung herstellten. Darum geht es heute wieder. Die Volksvertretung hätte allen Grund, sich diesen Aussichten zu stellen. Aber das tun sie nicht. Die Volksvertreter beschäftigen sich miteinander und führen Schaukämpfe und das alles in diesem Ton der Geschwister-frechheit, der in der gesamten öffentlichen Redeweise geführt wird. Da wird kein Abstand gehalten. Da wird vorausentworfen, was der andere eigentlich meint. Da wird keine Meinung zugelassen als die, die für den anderen vorausgedacht worden war. Da wird dem oder der anderen gar keine eigenständige Existenz zugestanden. Dazu wird per Du herumgeschrien. Dazu wird per Du und per "Ihr da" geschmäht. Und. Es werden nur die festgeschriebensten Meinungen zueinander geäußert. Die jeweils Beschriebenen werden in einer Beschreibung eingefangen, die die Beschriebenen mit einer Beschreibung nun wieder der anderen zurückzahlen. Es herrscht der Ton des Kinderzimmers des strengen Vaters, der gerade die eigentlichen Regierungsgeschäfte führt. Diesen strengen Vater gibt es nun längst nicht mehr. Die Kinderln im Parlament aber werfen einander die Existenz vor. Geschwisterrivalität. Es herrscht ein Ton, wie er in so Kleingemeinden wie dem "Gutruf" oder in der Sauna oder am Stammtisch geführt wird.

Dieser tief kindische Ton

Ein herausfordernder Ton ist das, der ein hohes Wissen der Schwächen voraussetzt und der vernichten will, wenn es ohne Schaden für die eigene Person geht. Deshalb sind alle diese Personen ja auch in Parteien. So eine Partei. Da wird in den Sitzungen und dem geselligen Beisammensein danach und davor dieser Ton gegen die anderen eingeübt. Da lernt man, in der Gruppe zu stehen und von da aus die Schimpfereien in einen Saal auszusenden, und die einzige Leistung dabei könnte sein, dass einer einmal witzig und überdreht diese Beschimpfungen formulieren kann. Das wird dann "treffend" und "brillant" genannt. Beurteilt wird das aber immer von der eigenen Gruppe. Außensicht von einem selber. Das kennt man da nicht. Es sind ja immer die verachteten Geschwister, die angegangen werden, und da gilt gar nichts. Erst der Eintritt des strengen Vaters würde zu Ordnung führen und jenem Sprechen, das immerhin die Achtung der Existenz der anderen Person beinhalten müsste.

Diese Kindergruppe bevölkert die gesamte österreichische Sprechlandschaft. Vor allem in den Medien. Es ist zuerst komisch und dann gleich überhaupt nicht, dass in der Comedy-Sendung Was gibt es Neues auf ORF 1 derselbe Umgangston wie im Parlament herrscht und hier nun die Komik ausmachen muss. Immer leicht übergriffig wird es als großartig lustig angesehen, wenn Rassismen aller Art aufblitzen. Die Amerikaner. Die Russen. Die Schwulen. Die Frauen. Die Ausländer. Das, was im Parlament den politischen Gegner herabwürdigt, wird hier offen gegen Gruppen eingesetzt. Es wird dann gelacht und geklatscht. Wie im Parlament auch. Und. Es ist dieselbe Hilflosigkeit wie im Parlament. Denn. Dieser überfamiliäre Ton der Verachtung entspringt einer tiefen Selbstverachtung. Das aber wiederum bindet an diesen tief kindischen Ton und lässt kein Denken zu. Es kann also die Krise nur in der Schmähung der anderen besprochen werden, statt eine Analyse und Auswege zu diskutieren. Wenn die andere Person niemand ist, der als Vertragspartner angesehen werden kann, weil man sich selber nicht dafür hält, dann gibt es keine Politik. Dann kann es keine Politik geben.

Es wäre notwendig gewesen, einen Prozess der Emanzipation von dieser kulturell bedingten Kindischheit durchzumachen. Achtung und Respekt des Verhandlungspartners ermöglicht überhaupt erst ein Denken. Denken. Klares und strenges Denken und damit eine realistische Beurteilung der Lage. Dieses Herumgeplänkel in einer alles beschränkenden internen Sprache lässt ja nicht einmal eine klare Sicht der Dinge zu. Und. Es ist nicht lustig. In der Comedy-Sendung schleppt es sich von Kleinüberschreitung zu Kleinüberschreitung. Wie im Parlament.

Die Dümmsten gewinnen

Und die Dümmsten gewinnen, weil sie am unbekümmertsten ihre Schmähung verkünden können. In der Comedy wie im Parlament. Der Ton des greinendgrantig angriffslustigen Kinderzimmers zieht sich dann in die Polizei-Fernsehserien hinein. Die, die in Österreich produziert wurden. Da werden die Verhöre in eben diesem Ton geführt. In der persönlichen Auseinandersetzung zeigt sich die versteckte Gewalt offen. Da gibt es keine Grundrechte. Da gibt es keine Menschenrechte. Da werden Vorverurteilungen ausgesprochen. Wieder wird die andere Person, in diesem Fall der oder die Verdächtigte, von der Polizei der Fernsehserie entworfen. Der Verdacht wird auf dieselbe Vermutung gegründet, die im Parlament zur Schmähung führt und in der Comedy zur Abwertung des Gegenstands der Frage.

Immer geht es darum, von sich abzulenken und alle Aggression gegen die andere Person zu richten. Wieder werden alle Denksperren aktiviert. Es wissen ja alle, dass es SO eigentlich nicht geht. Dass alle andere Aufgaben hätten. Im Parlament sollte das Schicksal eines Staats diskutiert werden und kluge Entscheidungen zum Wohl der Meisten getroffen werden. In der Comedy sollten witzige Repliken fallen, und Witz entsteht aus Denken und nicht aus Verachtung. Und in der Fernsehserie. Da verlässt sich der Text, die Schauspieler und die Regie auf die Wiedererkennbarkeit dieses Tons. Da ist das also dann schon zu Folklore versteinerte "Natur". So wird ein Nationalcharakter konstruiert.

So wurde das immer gemacht. Im Fall der Finanzkrise, die ja nun auch schon einige Jahre andauert. Da wäre es halt großartig gewesen, von einem Parlament regiert zu werden, das sich aus Personen zusammensetzt, die in aller Achtung und Respekt ihre Denksperren der Verachtung aussetzen können und sich deshalb dem Regieren widmen könnten. Und. Dieser Ton ist insgesamt ein Fabrikat. Da liegt keine "Natur" eines Österreichischen zugrunde. Das beste Beispiel dafür ist die Polizei. Während in den Serien eine menschenverachtende und die Grundrechte missachtende widerlich unhöfliche Polizei auftreten muss, habe ich in den letzten Jahren nur höfliche und kompetente Polizisten getroffen.

Laut Amnesty ist gegen die österreichische Polizei alle Klage zu führen. Ich würde dann aber gerne auch Klage gegen die Medienkonstruktion Polizei in der Fernsehserie führen. Wie ja überhaupt die Mediendarstellung der Kinderzimmeraggressionsprache einen Nationalcharakter zuweist, gegen den jeder Wähler und jede Wählerin sein muss. Mit einem sachlich aggressiven Parlament und einer sachlich aggressiven Sprache bekämen wir dann vielleicht auch bessere Comedy.

Am Ende müssen die österreichischen Komiker sich damit begnügen, Parlamentsprotokolle vorzulesen. Ganz am Ende. Es ist selbstverständlich Feigheit. Das Ganze. Es ist die Feigheit, die eigenen Wünsche vorzutragen. Es ist die Feigheit, die eigenen Wünsche nur über die Verunglimpfung der Wünsche der anderen darstellen zu können. Es ist Feigheit, sich in Gefühlen gegen andere zu suhlen. Es ist Realitätsverweigerung. Zerstörerische Wichtigtuerei. Aus Krisen kommt man damit nicht heraus.

Im Gegenteil. (Marlene Streeruwitz, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 8./9. Oktober 2011)