Das Mädchen. Ich habe das Buch zum ersten Mal gesehen, sofort in meine Handtasche gesteckt und zuhause zu lesen begonnen. Ein Vormittag. In einem Durchzug. Ohne Atem.Das Mädchen ist noch sehr jung, als die Geschichte beginnt. Im Osten, wahrscheinlich noch DDR-Zeit. Ihre Mutter eine Trinkerin und Schlägerin. Sadistisch im Umgang mit ihren Kindern denkt sie sich ständig neue Greuel aus. Das Mädchen, sie, erkennt bald, dass, wenn Mutter diese merkwürdige Stille ausstrahlt, alles wieder beginnt und dass man ihr nicht auskommt.
Wie böse ist sie auf ihren kleineren Bruder, der noch immer glaubt, Mutter mit besonderer Pflichterfüllung gnädig stimmen zu können. Was kann sie machen. Sie ist auch noch ein kleines Kind. Aber es ist schwer, zuzusehen, wie der kleine Bruder - die Polster hoch haltend - mit dem Gürtel geschlagen wird. Aber diesmal ist sie nicht dran.
In der Schule ist sie eine Außenseiterin, wenn sie in eine neue Klasse kommt sitzt sie bei einer anderen Außenseiterin. Trost verschaffen die Märchen, die sie in der Bibliothek verschlingt. Dort wo es GUT und BÖSE gibt. Beides nämlich. Sie bekommt nur, was sie sich nimmt. Es beginnt mit Ladendiebstählen. Sie läuft von zuhause weg, sie verbringt Nächte im kalten Kartoffelkeller, eingesperrt, träumend von den Tieren, die sie in Brehms Tierleben gesehen hat.
Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Weglaufen - zurückgebracht werden - weglaufen - zurückgebracht werden.
Erst im Jugendheim erlebt sie Kinderjahre. Erst dort beginnt sie erstmals, sich anzuvertrauen. und sie liest.
Ihr Vater holt sie zu sich, aber auch dort kann sie nicht bleiben. Die Sehnsucht nach ihrem kleinen Bruder zieht sie zurück. (Woher hat sie diese Verbundenheitsgefühle? Sie hat niemals Gutes bekommen.) Dann wieder die Schläge, der Alkoholismus, die sadistische Mutter. Als die Mutter wieder ein Baby bekommt, zieht sie es auf. Voller Liebe, ihr Herz öffnet sich. Doch auch diesmal darf es nicht gut gehen. Sie stiehlt, wird erwischt, kommt ins Gefängnis, ins Heim, diesmal auf die Liste der schwierigen Kinder. Sie reißt wieder aus - nachdem sie sich ihren Freundinnen anvertraut hat - zurück zum Baby, ihrem zweiten kleinen Bruder. Als sie ihn aus dem Wagen nimmt, gibt es Aufruhr. Endlich landet sie im Gefängnis. Es ist Weihnachten.
Dann entwickelt sie sich weiter. Nach anfänglichen Verschmähungen übernimmt sie die Führung im Kinderheim. Wird selbst zur Quälerin, beginnt einen unbekannten Jähzorn auszuleben. Dann endlich ist die Schulzeit vorbei, sie wird in eine Lehre in einem landwirtschaftlichen Betrieb gesteckt, ist völlig unterfordert (ihre Liebe zu den Geschichten, zum Lesen ist ungebrochen. Sie zwingt auch ihre Freundin ihr Lieblingsbuch zu lesen, als diese dies nicht macht, kündigt sie die Freundschaft).
Die Sehnsucht nach ihren Brüdern bleibt, sie fährt wieder zurück, sieht die Mutter bei der Arbeit, weiß, dass eine Kontaktaufnahme unmöglich ist.
An ihrem 17. Geburtstag hat sie noch immer kein Gramm Fett auf den Rippen. Kleiderstange wird sie genannt. Sie hat sich angewöhnt, immer ein Buch bei sich zu tragen. In ihrer Phantasie fliegt sie mit den Wildenten in den Süden.
Erscheint am 18. August 2011.
Ich bin noch ganz berührt. Weiß noch nicht, ob es ein Jugendbuch ist. Doch. Es ist zumutbar.
Die Kraft des Geistes und der Phantasie hält dieses Mädchen.
www.buchwelten.at

1 Kommentare:
Hallo , auf dieses Buch bin ich sehr gespannt! Angelika hat mit meiner Leipziger Oma auf der selben Etage gewohnt und wir haben uns bei allen Besuchen gesehen und waren Brieffreundinnen.Erst vor zwei Tagen habe ich in alten Briefen geschmöckert und in einem schrieb Angelika:Wenn ich mal Rentnerin bin ,besuche ich dich!Es waren mit ihr schöne Zeiten, auch als sie dann alleine wohnte bin ich mit dem Zug zu ihr gefahren.
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