Sonntag, 5. Juni 2011

Das Mädchen - von Angelika Klüssendorf

Das Mädchen. Ich habe das Buch zum ersten Mal gesehen, sofort in meine Handtasche gesteckt und zuhause zu lesen begonnen. Ein Vormittag. In einem Durchzug. Ohne Atem.

Das Mädchen ist noch sehr jung, als die Geschichte beginnt. Im Osten, wahrscheinlich noch DDR-Zeit. Ihre Mutter eine Trinkerin und Schlägerin. Sadistisch im Umgang mit ihren Kindern denkt sie sich ständig neue Greuel aus. Das Mädchen, sie, erkennt bald, dass, wenn Mutter diese merkwürdige Stille ausstrahlt, alles wieder beginnt und dass man ihr nicht auskommt.

Wie böse ist sie auf ihren kleineren Bruder, der noch immer glaubt, Mutter mit besonderer Pflichterfüllung gnädig stimmen zu können. Was kann sie machen. Sie ist auch noch ein kleines Kind. Aber es ist schwer, zuzusehen, wie der kleine Bruder - die Polster hoch haltend - mit dem Gürtel geschlagen wird. Aber diesmal ist sie nicht dran.

In der Schule ist sie eine Außenseiterin, wenn sie in eine neue Klasse kommt sitzt sie bei einer anderen Außenseiterin. Trost verschaffen die Märchen, die sie in der Bibliothek verschlingt. Dort wo es GUT und BÖSE gibt. Beides nämlich. Sie bekommt nur, was sie sich nimmt. Es beginnt mit Ladendiebstählen. Sie läuft von zuhause weg, sie verbringt Nächte im kalten Kartoffelkeller, eingesperrt, träumend von den Tieren, die sie in Brehms Tierleben gesehen hat.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Weglaufen - zurückgebracht werden - weglaufen - zurückgebracht werden.

Erst im Jugendheim erlebt sie Kinderjahre. Erst dort beginnt sie erstmals, sich anzuvertrauen. und sie liest.

Ihr Vater holt sie zu sich, aber auch dort kann sie nicht bleiben. Die Sehnsucht nach ihrem kleinen Bruder zieht sie zurück. (Woher hat sie diese Verbundenheitsgefühle? Sie hat niemals Gutes bekommen.) Dann wieder die Schläge, der Alkoholismus, die sadistische Mutter. Als die Mutter wieder ein Baby bekommt, zieht sie es auf. Voller Liebe, ihr Herz öffnet sich. Doch auch diesmal darf es nicht gut gehen. Sie stiehlt, wird erwischt, kommt ins Gefängnis, ins Heim, diesmal auf die Liste der schwierigen Kinder. Sie reißt wieder aus - nachdem sie sich ihren Freundinnen anvertraut hat - zurück zum Baby, ihrem zweiten kleinen Bruder. Als sie ihn aus dem Wagen nimmt, gibt es Aufruhr. Endlich landet sie im Gefängnis. Es ist Weihnachten.

Dann entwickelt sie sich weiter. Nach anfänglichen Verschmähungen übernimmt sie die Führung im Kinderheim. Wird selbst zur Quälerin, beginnt einen unbekannten Jähzorn auszuleben. Dann endlich ist die Schulzeit vorbei, sie wird in eine Lehre in einem landwirtschaftlichen Betrieb gesteckt, ist völlig unterfordert (ihre Liebe zu den Geschichten, zum Lesen ist ungebrochen. Sie zwingt auch ihre Freundin ihr Lieblingsbuch zu lesen, als diese dies nicht macht, kündigt sie die Freundschaft).

Die Sehnsucht nach ihren Brüdern bleibt, sie fährt wieder zurück, sieht die Mutter bei der Arbeit, weiß, dass eine Kontaktaufnahme unmöglich ist.

An ihrem 17. Geburtstag hat sie noch immer kein Gramm Fett auf den Rippen. Kleiderstange wird sie genannt. Sie hat sich angewöhnt, immer ein Buch bei sich zu tragen. In ihrer Phantasie fliegt sie mit den Wildenten in den Süden.



Erscheint am 18. August 2011.
Ich bin noch ganz berührt. Weiß noch nicht, ob es ein Jugendbuch ist. Doch. Es ist zumutbar.

Die Kraft des Geistes und der Phantasie hält dieses Mädchen.



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Der liebe Gott und die Großmama

Das Cover wurde von Stephan Enzinger nach einer Kohlezeichnung von Ferdinand Kitt aus dem Familienarchiv gestaltet.

Also, eigentlich wollte ich das Buch nicht lesen. Mich sprechen solche Cover nicht an. Aber Gertraude Portisch. Was wird sie hier erzählen? Wer ist die Rebellin?

Dann lese ich das kurze Textbeispiel auf der Rückseite. Es geht um ein kleines Mädchen, das sich gegen den Religionslehrer auflehnt. Ich werde neugierig. Wer ist es? Ist es die Großmutter von Gertraude Portisch - und dann zu dieser Zeit? War sie selbst die Aufmüpfige?

Ich lese gerne Geschichten von starken Frauen, muss ich gestehen. Und mit dieser Grundvorstellung habe ich angefangen.

Das Buch handelt vom Zweifel am Glauben. Gertraude Portisch erzählt von ihren prägenden Jugendjahren in einem englischen Frauenkloster. Von ihrer Auseinandersetzung mit den Glaubensgrundsätzen. Von der zerstörerischen Wirkung, wie die 10 Gebote den Kindern im beginnenden 20. Jahrhundert beigbracht wurden. Von der Angst, die die Kirche verbreitete. Überall Schuld.

Gleichzeitig die gütige und heißgeliebte Großmama, die von einem tiefen Glauben geprägt war.

Was bewegt Frau Portisch, noch nach so vielen Jahren derart mit diesen Fragen ihrer Kindheit und frühen Adoleszent beschäftigt zu sein? Warum kann sie aus diesem Zwiespalt einer liebevollen gläubigen Erziehung und der angstmachenden religiösen Außenwelt nicht ausbrechen?

Sie weiß es selbst nicht.

In vielen einfühlsamen Kapiteln erklärt sie ihre Fragen, ihre niemals aussprechbaren und niemals ausgesprochenen Fragen des Zweifels - zu den 10 Geboten, zum Glaubensbekenntnis, zum einzigen Gott, zum Vaterunser. Erzählt von ihren Ängsten in diesen Klostermauern, von Haß, Intrige, Angst, Sadismus der Klosterschwestern, von eingesperrten, brutal behandelten Frauen.

Ihr eigener Zwiespalt ein Mischlingskind zu sein. Mischling zwischen einem Juden und einer Katholikin. In den 1930er Jahren. Während des Krieges.

Ein offenes und ungeschminktes Buch einer Frau, die sich intensiv und tiefgründig mit den Worten und Texten des Glaubens, der Bibel, der Gebete auseinandersetzt. Die hinterfrägt.

Und jetzt noch. Jetzt noch kann sie nicht verstehen, dass Alterskollegen schulterzuckend über Gesetze der Kirche hinwegsehen, die in ihr blankes Unverständis hervorrufen (z. B. Kondomverbot, Eheverbot für Prieser, unschuldige Empfängnis, ...)


Mutige Seelsorger könnten dieses Buch zum Anlass nehmen, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Eine echte, ehrliche und tiefe Auseinandersetzung mit den Fragen des Glaubens. (Aber nur sehr Mutige!)



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