Sonntag, 20. Februar 2011

Die Einsamkeit der Primzahlen

Für mich ein Erwachsenenroman. Nichtsdestotrotz nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ich habs normal bei Belletristik liegen. Weil ein Roman für alle Menschen.

Es beginnt sehr verwirrend. Eine Geschichte über ein kleines Mädchen. Nächstes Kapitel. Eine Geschichte über einen kleinen Jungen. alles in inneren Monologen gehalten. Was ist los? Warum sind die Kinder so einsam? In ihrer Not so allein gelassen?

Wärend des Lesens musste ich immer die Seitenzahl gegenchecken, da es schon so spät war und ich die größte Angst hatte, ich schaffe es nicht mehr in dieser Nacht fertig zu lesen, da ich schon so müde war. Aber eine Seite geht noch. Ich will nicht aufhören, will wissen, wie es mit Alice und Mattia weiter geht. Gut. nach 272 Seiten musste ich meinem Schlafbedürfnis nachgeben. - und das bedeutet, einen weiteren Tag auf die Fortsetzung warten müssen! Erst am Abend kann ich mir wieder das Buch zur Hand nehmen.

Das Ende entlässt einen nicht mit einem glücklichen Lächeln. Sie kommen aus ihren Verstrickungen und aufgebauten Mauern nicht heraus. Erst heute kann ich darüber schreiben, weil ich mit dem Rauschen, mit dem Wust an Eindrücken, mit der (un)Dichte der Erlebnisse erst in mir stimmig werden musste.

hm. wer kann das lesen? Dieses Rätsel habe ich noch nicht gelöst.
Liebe. Trennung. Kindererziehung. Abgrenzung. Einsamkeit. Genie. Grenzen.





Die Einsamkeit der Primzahlen
Ausgezeichnet mit dem Premio Strega 2008. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010, Kategorie Preis der Jugendlichen

* von Paolo Giordano

Sonntag, 13. Februar 2011

Alles falsch gemacht

Nun einmal zu einem grundsätzlichen Thema. Stellung der Frau in der Gesellschaft. Kolumnen von Elfriede Hammerl, 25 Jahre profil. Dieses Buch ist eine Sammlung der besten.

Zitat aus ihrem Buch "Alles falsch gemacht".
Erstes Kapitel. "Und wieder lockt der Push-up"

Damals, lang, lang ist´s her, in den siebziger Jahren, riefen junge Frauen die Emanzipation aus. Unter anderm deswegen, weil sie nicht so enden wollten wie ihre Mütter: so brav, so bieder, so eingeschränkt, so langweilig, so abgestrudelt, so alt.

... Wir wollten Wunschkinder zum erwünschten Zeitpunkt und wir wollten, dass sich die Männer an ihrer Betreuung zu gleichen Teilen beteiligten. (Wenn wir Glück hatten, beteiligten sich unsere Mütter.) Wir wollten eine qualifizierte Ausbildung und berufliche Aufstiegschancen, und wir waren sicher, dass beides erreichbar war. Erstens waren wir smarter als unsere Mütter. Zweitens waren die Männer unsere Genossen. Unsere Feinde waren nicht die Männer, unser Feind war das System. Gemeinsam mit den Genossen würden wir das System ändern, und dann würden sich, ganz von selbst und nebenbei, unsere Forderungen erfüllen.
...
Zehn Jahre später waren Kinder noch immer Frauen- und gut bezahlte Posten noch immer Männersache, aber es trat eine Generation junger Frauen vor, die wollte keinesfalls so enden wie wir: so kämpferisch, so verbittert, so unattraktiv, so abgestrudelt, so alt.

Diese jungen Frauen waren schön und selbstbewusst. Sie betrachteten die Männer nicht als Feinde. Sie setzten einfach selbstverständlich voraus, dass sie Kinder und Karriere unter einen Hut bringen würden, und das gelang ihnen auch, vor allem, wenn sie geschickt genug waren, als Töchter einflussreicher Väter auf die Welt gekommen zu sein und erfolgreiche Männer zu heiraten, die ein Kindermädchen bezahlen konnten. Diese schönen jungen Frauen machten Schluss mit dem Latzhosen- und Hängebusen-Look der alten Emanzen und erfreuten ihre Spielgefährten mit Spitzen-BHs und Strapsen, und schon waren sie auf eine neue, sehr weibliche Art gleichberechtigt, jedenfalls schrieben das die Medien.

Danach, in den Neunzigern, war Familienarbeit nach wie vor Frauensache, und die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen klaffte nach wie vor auseinander, aber eine neue Generation junger Frauen war wieder stolz auf ihre Weiblichkeit und traute sich, Erfüllung in der Mutterschaft zu finden und sich erotisch zu stylen. Diese Frauen sahen in den Männern nicht länger Feinde, und statt zu jammern nahmen sie sich einfach, was sie wollten. Behaupteten jedenfalls Zeitgeistmagazine und BestsellerautorInnen.

Jetzt haben wir wieder junge Frauen, die wollen keineswegs so enden wie die vor ihnen, so wehleidig, so unattraktiv, so alt. ... Die jetzt Appetitlichen wollen jedenfalls nicht wie die Generationen vor ihnen den Mann durch Unisex-Aussehen und -Gehabe verprellen, deshalb setzen sie auf Kostümchen, Kleidchen, Stöckelschuhe und Push-up-BHs.

Die Einkommensschere klafft noch weiter auseinander als vor ein paar Jahren. Bei der Kinderbetreuung helfen noch immer die Großmütter. In den Frauenhäusern stauen sich die geprügelten Fauen (wahrscheinlich, weil sie danach gieren, Opfer zu sein). Aber schon demnächste ... Genug. Wir kennen den Rest.

Und während die jungen Frauen von Generation zu Generation toller werden, indem sie die etwas ältern Frauen zu Abfall erklären (lassen), lehnen (ältere) Männer in Schlüsselpositionen sich schmunzelnd zurück und blicken wohlwollend auf junge Frauen, sie mit dem selbstbewussten Einsatz ihrer Schönheit was (von ihnen) zu erreichen versuchen.

Sonntag, 6. Februar 2011

Sommer in Norwegen Ein Junge im Jahr 1961

Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte.

Die Geschichte eines gewöhnlichen kleinen Jungen, der in einer gewöhnlichen kleinen Welt glücklich mit seiner Mutter lebt. Ein Herz und eine Seele. Bis - bis die modernen Zeiten mit Trends und Moden sie überkommen, renoviert werden muss. Er ist der größte Helfer seiner Mutter. Alles ist in Ordnung. Bis - bis ein Untermieter gefunden werden muss, um die Miete weiter bezahlen zu können. Auch das stört den Fluss der Liebe und Voll-Angenommenheit nicht.

Bis - bis dieses kleine Mädchen auftaucht, das seine Halbschwester sein soll.

Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte erzählt eine schaurige Geschichte eines Jungen, der zuerst die Perfektion seiner Mutter-Sohn-Beziehung zerbröseln erlebt, der mit dem Eindringen von immer mehr Personen in sein Leben vordergründig gut zureckt kommt, aber dann zutiefst entäuscht und verletzt wird. Und - vor dem Eintritt in die nächste Entwicklungsphase - sein (Ur)-Vertrauen verliert.

Linda, seine Halbschwester kommt und bricht in seiner Mutter alte Wunden auf (doch all dies geschieht zwischen den Zeilen, niemals wird darüber gesprochen). Die Probleme scheinen schier unlösbar und er wird zum Retter dieses kleine Mädchens. Durch Geradlinigkeit und Offen-Ansprechen.

Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte, ist der Sommer, in dem ihn seine Mutter verlässt. Niemals spricht sie mit ihm über ihre Pläne, ihre Sorgen, er ist verlassen.

Wie es mit Linda weitergeht. Die Geschichte reißt an ihrem schönsten Punkt. Beim drittvorletzten Kapitel möchte man mit beruhigtem Seufzer die Geschichte schließen. Die Welt ist in Ordnung gekommen. Und dann folgen noch zwei Kapitel.

Erschütternd, schön, tiefgehend. Fließende Sprache. Ich konnte mich nicht entziehen.



Übersetzt aus dem norwegischen und erschienen im Osburg-Verlag

Freitag, 4. Februar 2011

Anständig essen.

Anständig essen.
1.) das Cover ist super
2.) unmoralisierend, schnelle Sprache, spannend
3.) alles drin, was über Ernährung, Klimawandel und Ethik Thema ist
4.) KURZWEILIG

Karen Duve probiert es also selber. Anständig essen. Auch weil sie von Jiminy Grille - ihrer moralisierenden Mitbewohnerin - gequält wird. Also, warum nicht. Sie überlegt hin und her und wenn dann schon gleich ganz konsequent. Also, 2 Monate Bio, 2 Monate vegetarisch, 2 Monate vegan, 2 Monate frutarisch, und weil das noch kein Jahr macht, wird vegan verlängert.

Hier ist alles drin, erstens wie es einem Menschen bei radikaler Ernährungsumstellung wirklich geht, die Zerrissenheit zwischen Lust auf Steak und Bildern von Massentötung von Rindern, etc etc.

Warum es lesbar ist: Karen Duve beschreibt ihren Alltag, dazwischen eingeflickt ganz viel Wissenswertes (sie muss sich natürlich für ihr Projekt einlesen), sehr schnelle Sprache, und dann auch die Entwicklung, die sie selbst mitmacht. Bis sie sogar so weit geht, dass Jiminy Grille schon ganz zermürbt ist.

Die Schlussentscheidung will ich hier nicht vorwegnehmen, da sonst das Buch seine Spannung verliert. Ja, dann mal reinkippen, erleben/erlesen/denken.

Für alle, die daran interessiert sind, was sie in ihren Körper reinstopfen.

Für alle, die so wie ich in den 80igern mit saurem Regen, Mülltrennung, keine-phospathältigen-Frischetabs-ins-Klo-hängen, keine FCKW-Sprühdosen verwenden, groß geworden sind (und nebenbei noch vom Feminismus-Bazillus angesteckt wurden) gibt es viele Wiedererkennungseffekte.

Für alle, die sich an die zermürbenden Diskussionen, ob man nun Bio aus Südamerika nicht-Bio aus Österreich vorziehen soll? - dazu: die CO2-Bilanz Diskussion ist ein Kind des neuen Jahrtausends.

Karen Duve ist ziemlich normal. Und dann macht sie so was.

LESEN!