Sonntag, 20. Juni 2010

Wir Leistungsvereinbarer. Von Olga Flor.


Wir Leistungsvereinbarer
von Olga Flor | 18. Juni 2010, 18:55

Je begnadeter der Körper, desto günstiger die Versicherung. - Ist die Vernetzung der E-Card mit Fitnessclubs und Nahversorgungsketten nur mehr eine Frage der Zeit?

Redlicher Versuch einer SVA-Versicherten, daran zu glauben, dass der Kompromiss mit der Ärztekammer nur zu ihrem Besten ist - Von Olga Flor

underbar. Jetzt hat die SVA mit mir vereinbart, dass ich Leistungsvereinbarungen mit meinem Hausarzt vereinbaren muss, der die Einhaltung oder Nichteinhaltung derselben der gesetzlichen Pflichtkrankenkasse meines Vertrauens mitteilt. Da kann ich dann sehen, was mein Körper so leistet. Oder wie leistungsunwillig er mittlerweile ist.

Da setzt man mir so schlichte Ziele: gesund sein im Rahmen vernünftiger Normwerte, und was mache ich? Ich bin einfach gesundheitsleistungsunwillig. Selber schuld, wenn dann meine Kostenleistung steigt.

Gekoppelt an die geplante Vorratsdatenspeicherung meiner E-Card bieten sich übrigens schöne Möglichkeiten der Gesundheitsförderung. So kann man dann zum Beispiel feststellen, ob ich vielleicht zu viel frei verkäufliches Aspirin erworben habe (oder womöglich ein von einem anderen Arzt oder einer anderen Ärztin als meinem Hausarzt verschriebenes Medikament) und also vermutlich eingenommen haben könnte, und, wenn ich partout nicht damit aufhören will, erzieherische Maßnahmen in Form eines Pönalaufschlags auf meine Beitragsvorschreibungen ergreifen.

Leistungsvereinbarung ist ja überhaupt ein wunderbar euphemistisches Wort, denn vereinbart habe ich persönlich diesbezüglich gar nichts, mit keiner Kasse,

Die Vereinbarung wird selbstverständlich nur zu meinem Besten über mich verhängt. Und das nach der sogenannten vertragslosen Zeit, die den Pflichtversicherten der SVA gezeigt hat, wie ernst es der Kasse mit dem Einhalten ihres Vertragsteils (also der Erfüllung ihrer Leistungsvereinbarung gewissermaßen) ist: nicht sonderlich. Leistungsvereinbarung impliziert Hierarchie: Was mir recht sein muss, billigt die Kasse. Leistungsvereinbarung heißt Pflicht auf der einen und Kontrolle auf der anderen Seite, nichts weiter.

Wobei die allerbeste Leistungsvereinbarung aus Kassensicht die bezüglich meines zeitgerechten Sterbens ist (nach einer ausreichenden Zahl an Beitragsjahren und bevor zu viel altersbedingte Kosten den Leistungsausgleich bei Gegenrechnung meiner Beitragsleistung ins Schwanken bringt).

Alles schön und gut, aber warum so halbherzig? Warum koppelt man das nicht auch gleich mit den Kundenkartendaten des von mir bevorzugten Supermarkts?

Dann lassen sich sofort Gegenmaßnahmen ergreifen, wenn ich zu viel zu Süßes, zu Fettes, zu Kaltes, zu Cholesterinhältiges, zu Alkoholisches oder sonst irgendwie nicht Opportunes nach Hause tragen will. Gleich beim Einscannen der Lebensmittelbarcodes, das ich zu meinem eigenen Besten gleich selbst mithilfe einer Self-Check-out-Kasse durchführe, kann man mich freundlich (akustisch oder optisch, ganz nach Geschmack, wobei die akustische Variante gleich eine pädagogisch wertvolle volksgesundheitliche Wirkung zeitigt) dazu auffordern, mir zu überlegen, ob der kurze Genuss tatsächlich höhere Beitragszahlungen rechtfertigt. - Eine rhetorische Frage, die ich, indigniert und mit gesenktem Blick, selbstverständlich zum Anlass nehmen werde, all die Pflichtkrankenkassenunverträglichkeiten im Supermarkt zu lassen. Wobei eine Ausgleichszahlung der Krankenkasse an die Nahversorgungskette für den Verdienstentgang natürlich locker drin ist, bei all den präsumtiven Leistungsansprüchen meinerseits, die sie sich durch das beherzte gesundheitspolitische Einschreiten Letztere erspart.

Na, also: Mit ein bisschen mehr strategischen Vernetzungen kann unsere neue Welt noch so viel schöner werden. (DER STANDARD Printausgabe, 19.6.2010)

Olga Flor, Jg. 1968, Physikerin und Schriftstellerin, lebt in Wien.




Dazu ist wohl nichts hinzuzufügen. Dank an Olga Flor

Mittwoch, 16. Juni 2010

"Der verletzte Mensch", von Andreas Salcher



Andreas Salcher habe ich zuerst live erlebt, bevor ich eines seiner Bücher gelesen habe. Wie soll ich sagen: seine Lesung war keine. Er hielt einen Vortrag über die systematische Erniedrigung von Menschen. Vordergründig (bzw. einladungsmäßig) war das Thema "Der talentierte Schüler und seine Feinde", Andreas Salcher aber sprach einen Großteil seiner Zeit über das aktuelle Buch "Der verletzte Mensch", sowie kündigte auch sein nächstes an.

Nichtsdestotrotz: selten ein derartig unwissenschaftlich (im Sinne von verständlich) und somit wohl populärwissenschaftlich (im Sinne von vielen Menschen zugänglich) geschriebenes Wort zum Thema "Überwindung von Verletzungen und wie kann man es schaffen, ohne Gramgesicht durchs Leben zu gehen" gelesen.

Besonders toll an ihm ist, dass sein Zugang lösungsorientiert (ohne simplen Tipps) und aufbauend ist. Ebenso toll, dass dies ein Buch ist, das wohl auch die männliche Halbkugel ansprechen kann, weil völlig frei von Esoterik.

Gleichzeitig ist "Der verletzte Mensch" auch gespickt mit Gesellschaftskritik sowohl in der Erziehungsfrage, als auch im Umgang mit älteren Menschen.

Ich würde es als lesenswert empfehlen, da es sowohl Hinweise für menschliche Reifung, als auch geharnischte Gesellschaftskritik, leicht lesbar und konzentriert in einem Buch anbietet.

Samstag, 5. Juni 2010

Dieses Kind braucht dich umso mehr


Hilda Halwachs beschreibt ihr Leben mit ihrem Kind ohne Arme. Contergan

Wie soll ich sagen. Es ist nun schon länger her, dass ich zu diesem kleinen Büchlein gegriffen habe. Mehr aus - wassollichjetztlesen - und - esdarfnichtzudicksein - Verzweiflung heraus. Ich bin zu diesem Zeitpunkt bei einer Buchpräsentation gesessen, die Veranstaltung im Hintergrund läuft gerade, Stille.

Also blättere ich die vorgestellten Bücher alle selbst durch. An diesem bin ich hängen geblieben.

Um es kurz zu machen: Diese einfache Frau schreibt, als würde sie dir gegenüber sitzen und dir ihr Leben erzählen. Und genau so bin ich in diese Geschichte hineingekippt. Ich habe zugehört.

Ergreifend. Bewunderung. und Tränen.

Wie sie, im Südburgenland, dieses Kind zur Welt bringt, die totale Verzweiflung, und dann dieses Aufraffen, ihr neues Leben mit diesem Kind ohne Arme zu leben. Und welch ein Kind!

Für alle, die glauben, an ihren Aufgaben zerbrechen zu müssen.