Sonntag, 2. Mai 2010

Ein fabelhafter Lügner



Sie, die 16jährige beschreibt ihre Familie. Die faszinierendste Gestalt - der Großvater.

Der, der Großvater nämlich, sich nach einem missglückten Selbstmordversuch in einem Krankenhausbett wiederfindet, umgeben von seiner schwangeren Frau, seiner schwangeren Geliebten und seiner Ex-Frau mit dem 10jährigen Gabor. Dies prägt bis zur Enkelgeneration.

Was am Anfang so skurill daherkommt entpuppt sich als Aufarbeitung einer jüdischen Familiengeschichte in Deutschland. Ausgehend von Ungarn und landend in Buchenwald. Die Erzählerin muss nämlich ein Referat über das KZ Buchenwald halten und da ihr jüdische Vorfahren nachgesagt werden, ist wohl sie prädestiniert. Die Familie trifft sich anlässlich des 100sten Geburtstages des verstorbenen Großvaters in Buchenwald, wo er im KZ war.

Viel Wortwitz, skurille Szenen, Menschen mit allen möglichen Spleens - und auch noch dieser Großvater, dessen Leben nicht zu ergründen ist.

Jedenfalls tolle Geschichtenerzähler hat diese Familie hervorgebracht.

Ich habe immer wieder über die Beschreibung von speziellen Familienszenen wirklich laut auflachen können. Wie es eben so einem pubertierenden Mädchen geht umgeben von selbstbewusster Mutter und starker Tante :-) kombiniert mit schrulligem Onkel.


Was mir an der neuen Literaturgeneration zur Aufarbeitung unsere Geschichte gefällt ist der Zugang über einzelne Personen im Jetzt, die ihr Leben und ihre Familie beschreiben. Und manche Leben und manche Familien haben nun mal diese Geschichte. Und diese Menschen leben auch ein Leben, in dem gelacht wird, in dem Kinder geboren werden, in dem geliebt wird. Nicht nur diese dramatische Aufarbeitung mit schrecklichsten Details und mit der großen Schuldkeule der früheren Jahre. Ich finde den Zugang über diese Romane unmittelbarer, verständlicher und damit auch "anschlussfähiger" (alte Systemikerdiktion ;-))